Proteste "Ohne Reformen wird Saudi-Arabien nicht friedlich bleiben"

Die Menschen in Saudi-Arabien brauchen mehr Freiheiten, sagt Reformer Mohammed al-Zulfa im Interview. Für Freitag ist ein "Tag des Zorns" angekündigt.

Frage: Für diesen Freitag ist in Saudi-Arabien der "Tag des Zorns" angekündigt. Mehr als 30.000 Menschen haben sich dem Aufruf über Facebook angeschlossen. Wie ist die Lage im Land?

Mohammed al-Zulfa: Die jungen Leute wollen endlich beteiligt werden am politischen Leben ihres Landes. Sie haben die alten Gesichter in der Regierung satt. Sie wollen neue Gesichter, Menschen, die ihre Sprache sprechen, ihre Anliegen verstehen und denen sie vertrauen können. Und sie wollen sich nicht länger vom religiösen Establishment herumkommandieren lassen. Es ist höchste Zeit. Wir brauchen richtige Reformen und schnelle Reformen. Und Reformen, die auch tatsächlich umgesetzt werden. Die Leute wollen etwas Konkretes sehen. Sonst wird es in Saudi-Arabien nicht friedlich bleiben.

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Frage: Was sind die dringendsten Reformen?

Mohammed al-Zulfa

67, saß zwölf Jahre lang im Schura-Rat, dem von König Abdullah berufenen Parlament in Riad. Der vierfache Vater, der im britischen Cambridge promovierte, gilt als Reformer. Für seinen Vorschlag, Frauen den Führerschein zu erlauben, erhielt er seinerzeit Morddrohungen.

al-Zulfa: Wir brauchen mehr Freiheiten. Wir brauchen Pressefreiheit, Freiheit der Meinungsäußerung und eine Ende der Korruption. Die jungen Leute wollen Anschluss haben an das Leben im 21. Jahrhundert. Die Frauen wollen mehr Selbstbestimmung. Sie vor allem leiden unter der Religionspolizei und der Abkapselung der saudischen Gesellschaft. Die Frauen in unserem Land sind eine wichtige Kraft für Änderungen. Bisher dürfen sie noch nicht einmal selbst Auto fahren.

Frage: König Abdullah ist 86 Jahre, auch ein altes Gesicht. Er hat soziale Wohltaten angekündigt für Arme, Familien und Studenten. Wird das reichen?

al-Zulfa: König Abdullah ist sehr populär bei den jungen Leuten. Diese wissen, dass er in den letzten Jahren versucht hat, Reformen voranzubringen. Der König ist der Garant der nationalen Einheit. Die Monarchie ist die wichtigste Klammer, die Saudi-Arabien zusammenhält. Wir sind eine tribale Gesellschaft, die nationale Einheit könnte wieder zerfallen. Eine Entwicklung wie in Ägypten, Tunesien und Libyen ist sehr gefährlich für Saudi-Arabien. Wir haben Angst davor. Insofern liegt eine hohe Verantwortung bei der Führung. Ich bin optimistisch, dass König Abdullah die Herausforderung durch Dialog bewältigen kann.

Frage: Was soll mit den 6000 Prinzen der königlichen Familie geschehen, die es sich gut gehen lassen mit den vielen Öl-Milliarden?

al-Zulfa: Es gibt wahnsinnig viele Prinzen. Sie haben das Recht auf ein Einkommen, sie sollen gut leben. Aber es wird Zeit, dass das Volk der königlichen Familie ein bestimmtes Budget zuweist, was sie dann untereinander aufteilen müssen. Der Löwenanteil des Ölgeldes aber muss dem Volk gehören. Das Volk muss Kontrolle darüber bekommen, wohin die Einnahmen fließen und wofür sie eingesetzt werden. Es gibt Millionen Arme in Saudi-Arabien, einem der reichsten Länder der Welt.

Frage: Junge Saudis, so sagen sie selbst über sich, lieben ihr Land und leiden gleichzeitig unter ihrem Land. Warum?

al-Zulfa: Ganz einfach. Das Leben ist langweilig und viel zu reglementiert. Viele der Jungen warten nur auf die Ferien, um endlich einmal abhauen und etwas erleben zu können. Warum haben wir keine Kinos in Saudi-Arabien? Warum haben wir keine Theater und keine Kulturzentren? Warum gibt es keine Konzerte auf den Plätzen unserer Städte? Selbst unsere saudischen Künstler dürfen nicht bei uns auftreten und für ihre eigenen Landsleute singen. Unsere jungen Leute müssen nach Bahrain, Dubai und Kairo fahren, um ihre eigenen Musiker hören zu können.

 
Leser-Kommentare
  1. Tja, jetzt rächt sich, dass unsere ELEKTROMOBILITÄT (samt dazugehöriger Energieversorgung) nichts anderes als Elektromobilität auf dem Papier ist. Wenn wir so weise waren, eine Abwrackprämie ins Leben zu rufen, ist es doch überlegenswert, anstelle von Steuersenkungen eine Art Elektroprämie zu gewähren. Wie dem auch sei ...

    Für Menschen in Saudi-Arabien bleibt es zu hoffen, dass sie eine Deeskalationsstrategie fahren und es bei friedlichen Protesten bleibt.

  2. ist nicht nur eines der größten und mächtigsten Entwicklungsunterdrückungs- und -hemmungkräfte.

    Als Phänomen unserer Wirtschaft und Politik ist dieser Destruktivismus auch die Ursache für das heute in Deutschland existierende Desinformations- und Entbildungssystem, dass wir in der Form des real-existierenden 3-Klassen-Bildungssystem immer und immer wieder als "Exzellenzuniversitätensystem" so angedreht bekommen, wie ehedem alte Leute Lehman-Zertifikte von ihren "persönlichen Bankberatern" angedreht bekommen haben.

    Dass dieser besitzständische Betrugstrick bei alten Leuten funktioniert. OK. Die Menschen sind alt, naiv und stammen überwiegend aus einer Zeit in der die relative Redlichkeit und konstruktive Kooperationsphilosophie existierte.

    Heute stehen wir vor einer historisch bisher einzigartien Abartigkeit des sogen. Kapitalismus, der längst alle Grenzen menschlicher Zivilisation, Kultur und Intelligenz hinter sich gelassen hat und als explosive Mischung einer hoch pathologischen Habgier- und Geizperversion den schlimmsten Wucherungen des menschenschlachtenden Stalinismus in nichts mehr nachsteht.

    Das Kingdom of Saudi Arabia ist geradezu ideal dafür konditioniert, als eines der größten Menschenschlachthäuser zu realisieren, weil die Differenz zwischen Theorie und Praxis der Lebensbedingungen eine sozio-ökonomische Differenz geschaffen hat, die nur noch als globale Explosion abgebaut werden kann. Der nächste Thermidor findet in Riyad, Jeddah und Dammam statt.

  3. Tag des Zorns (Das Pondon zum deutschen Wutbürger, ist im orientalischen der Zornbürger), Marsch der Millionen (ähm paar hunderttausend), Jasmin-Revolution (Kein Werbeaufhänger für einen neuen Kaugummi/Mundwasser/Deo/Weichspüler, sondern ein Umsturz. By the way, die Rechte liegen ab jetzt bei mir)

    Wie schon inflationär, mit epischen Bezeichnungen, bei den arabischen Revolten um sich geworfen wird, ist sensationell.
    Da können sich die [...], von Werken wie der Ilias, oder der Nibelungensage, ein Beispiel nehmen.

    Teil entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das ist aber nicht erst jetzt bei den arabischen Umstürzen so. Da gab es die die Asternrevolution (Ungarn, 1918), die Nelkenrevolution (Portugal 1974), die erste Jasminrevolution (Tunesien, 1987), die Rosenrevolution (Georgien, 2003), die Tulpenrevolution (Kirgisien, 2005), die Zedernrevolution (Libanon, 2005). `

    Und wenn die Ägypter ihre Aktion etwas martialisch "Marsch der Millionen" nennen wollen, sollen sie doch. Ist ja auch ein besonderes Ereignis.

    Das ist aber nicht erst jetzt bei den arabischen Umstürzen so. Da gab es die die Asternrevolution (Ungarn, 1918), die Nelkenrevolution (Portugal 1974), die erste Jasminrevolution (Tunesien, 1987), die Rosenrevolution (Georgien, 2003), die Tulpenrevolution (Kirgisien, 2005), die Zedernrevolution (Libanon, 2005). `

    Und wenn die Ägypter ihre Aktion etwas martialisch "Marsch der Millionen" nennen wollen, sollen sie doch. Ist ja auch ein besonderes Ereignis.

  4. Das ist aber nicht erst jetzt bei den arabischen Umstürzen so. Da gab es die die Asternrevolution (Ungarn, 1918), die Nelkenrevolution (Portugal 1974), die erste Jasminrevolution (Tunesien, 1987), die Rosenrevolution (Georgien, 2003), die Tulpenrevolution (Kirgisien, 2005), die Zedernrevolution (Libanon, 2005). `

    Und wenn die Ägypter ihre Aktion etwas martialisch "Marsch der Millionen" nennen wollen, sollen sie doch. Ist ja auch ein besonderes Ereignis.

  5. Facebook hin oder her,ein bisschen Hirn benutzen schadet auch nicht.
    Der Artikel beschreibt es selber:Dass ohne das Herrscherhaus der Al-Saud die Menschen im Hedschas und in der Golf-Region auf die Idee kommen könnten,was sie eigentlich miteinander verbindet? Dazu kommt noch der scharfe Gegensatz der Wahabiten zu den Schiiten.Nein von den Sunniten wird es keine Rebellion geben.Wenn dann nur von den Schiiten,die häufig nur als Menschen zweiter Klasse behandelt werden.Dies ist aber etwas anderes als ein Volksaufstand in Form eines "Marsches der Millionen".
    Schon in Bahrain ist die Erhebung ein eindeutig schiitischer und deshalb nicht unbedingt erfolgversprechend,auch wenn hier und da sunnitische Liberale mitmachen und die Schiiten die Bevölkerungsmehrheit stellen.
    In Tunesien und Ägypten hat es geklappt,weil alle Schichten mitgemacht haben,im Iran hat es nicht geklappt,u.a. weil nur Teile des Mittelstands mitgemacht haben und aufs Ganze gegangen sind und Libyen befindet sich eher in einer Art Stellungskrieg,weil sich die Rebellion die Rebellion vor allem im Osten um Bengasi konzentriert,was sich durchaus historisch erklären lässt.

  6. 6. Saudis

    Das Kartenhaus wackelt und das ist gut so!

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