Arabische ProtestwelleDas syrische Regime lässt auf Demonstranten feuern

Syrien fürchtet ein Übergreifen der Proteste aus Ägypten, Tunesien oder Libyen. Die Sicherheitskräfte greifen hart durch – und nehmen sogar Schüler fest. von 

In London demonstrieren Exil-Syrier gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad.

In London demonstrieren Exil-Syrier gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad.  |  © Ben Stansall/AFP/Getty Images

"Wir fordern den Sturz des Regimes", hatten die Kinder an Häuserwände und Getreidesilos gesprüht – der gemeinsame Schlachtruf der arabischen Aufstände in Tunesien, Ägypten, Bahrain und Libyen. Die Reaktion der allgegenwärtigen syrischen Staatssicherheit war wie immer – und doch lief diesmal alles ganz anders. In Handschellen wurden die 15 Schülerinnen und Schüler aus der Klasse geholt und abgeführt, das sorgte bei den Bewohnern der Stadt Deraa für Empörung – die sie offen äußerten und auf die Straße gingen.

Seit vier Tagen wird nun auch Syrien von der arabischen Protestwelle erfasst . Auch am Wochenende demonstrierten in Deraa wieder mehr als 10.000 Menschen in der Grenzstadt zu Jordanien südlich von Damaskus. Das Regime ließ scharf schießen, fünf Menschen starben, über 100 wurden verletzt. Seitdem dreht sich die Spirale von Schüssen und Toten, Beerdigungen und Trauerzügen, Demonstrationen und neuer Polizeigewalt. Erst brannten Autos in Deraa, inzwischen sind der Sitz des Gouverneurs, der Justizpalast, das Hauptquartier der Baath-Partei sowie Filialen der Mobilfunk-Firma Syriatel, die einem Cousin von Präsident Baschar al-Assad gehört, nur noch rauchende Ruinen.

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Am Montag gingen die schweren Auseinandersetzungen in die nächste Runde. "Nur Allah, Syrien und Freiheit", skandierte die Menge nach der Beerdigung eines Opfers und "Wir haben keine Angst mehr". Die Stadt, in der 300.000 Menschen leben, gleicht einem Vulkan, berichtete ein Augenzeuge. Alle Zufahrtsstraßen waren mit Soldaten abgeriegelt, Hubschrauber kreisten am Himmel. Internet, Telefone und Strom sind unterbrochen.

Um die Lage zu beruhigen, ordnete Präsident Assad an , die vor mehr als einer Woche verhafteten Jugendlichen freizulassen. Den Wehrdienst will er um drei auf 18 Monate verkürzen. Den Gouverneur der Provinz, Faisal Kulthum, enthob er seines Amtes. Der Funktionär habe "krasse Fehler beim Umgang mit Protesten in der Region" begangen und sei "auf Bitten der Bevölkerung von Deraa" entlassen worden, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Sana. Eine Regierungsdelegation jedoch, angeführt von Vize-Außenminister Faisal Mekdad, wurde von der Bevölkerung mit Schmährufen empfangen.

Das Regime ist alarmiert. Denn auch in Damaskus, Homs, Banias, Aleppo und Deir al-Zor im Osten gingen Tausende Menschen auf die Straße, um Meinungsfreiheit und ein Ende von Korruption zu fordern. Facebook-Aktivisten hatten zu einem "Tag der Würde" im ganzen Land aufgerufen, was seit mehr als 40 Jahren von Vater und Sohn Assad regiert wird, ihre Baath-Partei ist bereits seit fast 60 Jahren an der Macht.

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis der Aufstand des Volkes in der Hauptstadt Damaskus ankommt. "Wir wollen Freiheit", skandierten die Menschen und forderten ein Ende des seit 48 Jahren herrschenden Ausnahmezustands. Ein solches Aufbegehren gegen das Regime hat es seit den islamistischen Unruhen in Hama 1982 nicht mehr gegeben, die Vater Hafez Assad mit Panzern und Kampfjets zusammenschießen ließ. Damals starben über 10.000 Menschen.

Auch heute noch zählt Syrien zu den düstersten Polizeistaaten der Region , einzig vergleichbar zu Sein al-Abidin Ben Alis Tunesien und Muammar al-Gadhafi Libyen. Regimegegner und Menschenrechtsaktivisten werden von Polizei und Staatssicherheit ohne Gnade verfolgt, eingesperrt und gefoltert. Der Geheimdienst ist allgegenwärtig. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nannte dann auch das Vorgehen der syrischen Sicherheitskräfte "nicht hinnehmbar". Scharf kritisierte er "die Anwendung tödlicher Gewalt gegen friedliche Demonstranten und die willkürlichen Verhaftungen". Er forderte Präsident Assad auf, "die legitimen Wünsche des Volkes aufzunehmen und wirkliche Reformen anzupacken".

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Leserkommentare
  1. Kann mir mal jemand erklären, warum nicht sofort alle Konten Assads und der Regierungsvertreter gesperrt werden un jener zum Rücktritt aufgefordert wird? Warum macht denn niemand was? Wartet man erst darauf, bis man wieder, wie in Lybien, Krieg spielen kann, wenn Revolutionäre und regierungstreue Truppen sich die Mütze vollhauen? Oder am Besten noch, bis der Aufstand blutig niedergeschlagen wird?
    Diese Doppelmoral ist einfach nur widerlich!

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    • joG
    • 21. März 2011 19:53 Uhr

    ...gute Anregung. Nun kann Deutschland allen zeigen, wie man es macht.

    • leon1
    • 21. März 2011 19:54 Uhr

    Syrien foltert fuer den CIA. Das Land wird noch gebraucht .
    " to make me pefectly clear " wie Obama sagen wuerde.

  2. ...exekutieren Scharschützen Demonstranten.

    Berichtet nur fast keiner drüber. Denn Bahrain
    ist VERBÜNDETER der USA.

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    Genau so ist es, nicht nur das Bahrein ein Verbündeter ist, da haben die Amis eine riesige Basis.

    • joG
    • 21. März 2011 19:58 Uhr

    ....um sich schlau zu machen? Soweit ich das mitbekomme, wird in CNBC, BBC, CNN, RT, Al Jazeera, EuroNews, Pheonix und France24 über die Entwicklungen in Bahrain laufend berichtet.

    Auch hier kann Deutschland aber zeigen, was es tun will, um die Zivilisten zu schützen. Die anderen Länder sind aO mit solchem Schutz beschäftigt.

    Natürlich wird darüber berichtet. Sie müssen den Kopf nur nicht in den Sand stecken.

    Liebe Kommentatoren,

    wie Einige von Ihnen ja bereits erwähnten, sind die Vorwürfe, das Vorgehen der Regierung von Bahrain würde durch die deutschen Medien und so auch ZEIT ONLINE a) ignoriert und b) vorsätzlich verschwiegen, tatsächlich haltlos.

    Drei Belege:

    http://www.zeit.de/politi...

    http://www.zeit.de/politi...

    http://www.zeit.de/politi...

    Viele Grüße

    Daniel Erk

  3. die revoltierenden Araber. Nun liegt nicht einmal mehr das Mittelmeer zwischen ihnen und Europa sondern nur noch die Türkei. Hoffentlich halten die stand und fangen nicht auch noch an aufzubegehren.
    Vielleicht wäre es nun gut, wenn die Türkei schon Mitglied der EU wäre!

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    • joG
    • 21. März 2011 20:20 Uhr

    ....man hätte den Aufnahmeprozess schneller durchgesetzt. Aber das wollte die Leitkultur nicht.

  4. "Kopflos nach Syrien"

    Es ist leicht einen Krieg zu beginnen und sehr schwer ihn wieder zu beenden. Das gilt auch für Syrien — der Westen wird es noch erfahren.

    [...]

    Bitte verzichten Sie auf Werbung und die Verbreitung von Verschwörungsszenarien. Danke, die Redaktion/fk.

  5. Das Konzeot ist doch immer wieder das Gleiche. Nur der Farbanstrich ist jedesmal anders. Siehe orangene - oder grüne Revolution. Letztlich geht es um die Installation von Typen, die unter der Fuchtel westlicher Geheimdienste agieren.

    Der westlichen Propagandamaschine ist grundsätzlich zu misstrauen. Im Nachhinein stellte sich auch der Jugoslawienkrieg als Lüge heraus. [...]

    Wieso sollten wir jetzt eigentlich diesen Informationen schon wieder so blind vertrauen, die sich auf "Geheimdienstinformationen" beziehen?

    Bitte beachten Sie, dass Ihr Profil zur Verlinkung auf Blogs vorgesehen ist und verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/fk.

  6. 6. .....

    Genau so ist es, nicht nur das Bahrein ein Verbündeter ist, da haben die Amis eine riesige Basis.

    Antwort auf "In Bahrain..."
    • joG
    • 21. März 2011 19:53 Uhr

    ...gute Anregung. Nun kann Deutschland allen zeigen, wie man es macht.

    Antwort auf "Na los!"
    • leon1
    • 21. März 2011 19:54 Uhr

    Syrien foltert fuer den CIA. Das Land wird noch gebraucht .
    " to make me pefectly clear " wie Obama sagen wuerde.

    Antwort auf "Na los!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 21. März 2011 20:05 Uhr

    ...." to make me pefectly clear " ?

    Ich lasse mich gerne korrigieren, aber sagt man in Harvard nicht "to make myself perfectly clear"? ;)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Allah | Ausnahmezustand | Libyen | Muammar al-Gaddafi | Syrien | Tunesien
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