"Wir fordern den Sturz des Regimes", hatten die Kinder an Häuserwände und Getreidesilos gesprüht – der gemeinsame Schlachtruf der arabischen Aufstände in Tunesien, Ägypten, Bahrain und Libyen. Die Reaktion der allgegenwärtigen syrischen Staatssicherheit war wie immer – und doch lief diesmal alles ganz anders. In Handschellen wurden die 15 Schülerinnen und Schüler aus der Klasse geholt und abgeführt, das sorgte bei den Bewohnern der Stadt Deraa für Empörung – die sie offen äußerten und auf die Straße gingen.

Seit vier Tagen wird nun auch Syrien von der arabischen Protestwelle erfasst . Auch am Wochenende demonstrierten in Deraa wieder mehr als 10.000 Menschen in der Grenzstadt zu Jordanien südlich von Damaskus. Das Regime ließ scharf schießen, fünf Menschen starben, über 100 wurden verletzt. Seitdem dreht sich die Spirale von Schüssen und Toten, Beerdigungen und Trauerzügen, Demonstrationen und neuer Polizeigewalt. Erst brannten Autos in Deraa, inzwischen sind der Sitz des Gouverneurs, der Justizpalast, das Hauptquartier der Baath-Partei sowie Filialen der Mobilfunk-Firma Syriatel, die einem Cousin von Präsident Baschar al-Assad gehört, nur noch rauchende Ruinen.

Am Montag gingen die schweren Auseinandersetzungen in die nächste Runde. "Nur Allah, Syrien und Freiheit", skandierte die Menge nach der Beerdigung eines Opfers und "Wir haben keine Angst mehr". Die Stadt, in der 300.000 Menschen leben, gleicht einem Vulkan, berichtete ein Augenzeuge. Alle Zufahrtsstraßen waren mit Soldaten abgeriegelt, Hubschrauber kreisten am Himmel. Internet, Telefone und Strom sind unterbrochen.

Um die Lage zu beruhigen, ordnete Präsident Assad an , die vor mehr als einer Woche verhafteten Jugendlichen freizulassen. Den Wehrdienst will er um drei auf 18 Monate verkürzen. Den Gouverneur der Provinz, Faisal Kulthum, enthob er seines Amtes. Der Funktionär habe "krasse Fehler beim Umgang mit Protesten in der Region" begangen und sei "auf Bitten der Bevölkerung von Deraa" entlassen worden, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Sana. Eine Regierungsdelegation jedoch, angeführt von Vize-Außenminister Faisal Mekdad, wurde von der Bevölkerung mit Schmährufen empfangen.

Das Regime ist alarmiert. Denn auch in Damaskus, Homs, Banias, Aleppo und Deir al-Zor im Osten gingen Tausende Menschen auf die Straße, um Meinungsfreiheit und ein Ende von Korruption zu fordern. Facebook-Aktivisten hatten zu einem "Tag der Würde" im ganzen Land aufgerufen, was seit mehr als 40 Jahren von Vater und Sohn Assad regiert wird, ihre Baath-Partei ist bereits seit fast 60 Jahren an der Macht.

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis der Aufstand des Volkes in der Hauptstadt Damaskus ankommt. "Wir wollen Freiheit", skandierten die Menschen und forderten ein Ende des seit 48 Jahren herrschenden Ausnahmezustands. Ein solches Aufbegehren gegen das Regime hat es seit den islamistischen Unruhen in Hama 1982 nicht mehr gegeben, die Vater Hafez Assad mit Panzern und Kampfjets zusammenschießen ließ. Damals starben über 10.000 Menschen.

Auch heute noch zählt Syrien zu den düstersten Polizeistaaten der Region , einzig vergleichbar zu Sein al-Abidin Ben Alis Tunesien und Muammar al-Gadhafi Libyen. Regimegegner und Menschenrechtsaktivisten werden von Polizei und Staatssicherheit ohne Gnade verfolgt, eingesperrt und gefoltert. Der Geheimdienst ist allgegenwärtig. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nannte dann auch das Vorgehen der syrischen Sicherheitskräfte "nicht hinnehmbar". Scharf kritisierte er "die Anwendung tödlicher Gewalt gegen friedliche Demonstranten und die willkürlichen Verhaftungen". Er forderte Präsident Assad auf, "die legitimen Wünsche des Volkes aufzunehmen und wirkliche Reformen anzupacken".