TribunalEindeutiges Urteil in Den Haag

Die harte Strafe gegen den kroatischen Kriegsverbrecher Gotovina ist spektakulär. Doch die meisten Beschuldigten im Jugoslawien-Tribunal sind Serben. von 

Ante Gotovina 2005 in Den Haag

Noch ohne graue Haare: Ante Gotovina 2005 in Den Haag  |  © Michel Porro/Getty Images

Ernst, fast starr waren seine Gesichtszüge. Der Bürstenhaarschnitt, früher dunkelbraun, ist mittlerweile mit Grau durchsäht. Doch auch heute Morgen, im Gerichtssaal 1 des Jugoslawien-Tribunals in Den Haag, machte Ante Gotovina in seinem dunklen Anzug optisch gesehen eine gute Figur. Der kroatische Ex-General und ehemalige Fremdenlegionär wird in seiner Heimat von vielen als Held verehrt. Für sie wird es schwer zu akzeptieren sein, dass der 55-Jährige schuldig gesprochen wurde für Kriegsverbrechen wie Verfolgung, Vertreibung und Mord.

Zu 24 Jahren Haft wurde er verurteilt, sein Generalskollege Mladen Markac bekam 18 Jahre. Gemeinsam mit dem damaligen kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman hatten die beiden im Sommer 1995 geplant, die Region Krajina von allen Serben "zu säubern". 200.000 Menschen mussten flüchten, mehr als 150 – meist Alte und Kranke – wurden getötet.

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In Kroatien feierte man die "Operation Sturm" als Befreiungsaktion, denn die serbische Armee hatte vier Jahre zuvor, im Zuge der Abspaltung Kroatiens vom ehemaligen Jugoslawien, die Krajina besetzt – und damit rund ein Drittel des kroatischen Staatsgebietes an sich gerissen.

Kroatiens Ex-Präsident war Anführer eines "kriminellen Gemeinschaftsunternehmens"

Der vorsitzende Richter in seiner schwarz-roten Robe nahm daher auch kein Blatt vor den Mund und nannte Tudjman Anführer eines "kriminellen Gemeinschaftsunternehmens". Der Dauerbeschuss seitens der kroatischen Armee habe "ein Umfeld geschaffen, in dem die Anwesenden nur eine Wahl hatten: zu fliehen", verlas der weißhaarige Niederländer Alphons Orie. Wäre der Ex-Präsident nicht 1999 verstorben, hätte er mit großer Wahrscheinlichkeit am Freitag neben Gotovina auf der Anklagebank gesessen. Das Jugoslawien-Tribunal (ICTY) ermittelte auch gegen ihn.

Orie und seine zwei Richterkollegen entschieden, den dritten Angeklagten Ivan Cermak freizusprechen. Sie hätten keine verlässlichen Beweise gefunden, dass die Untergebenen des Ex-Generals Verbrechen begangen hätten. Damit ist das Urteil ein leichter Misserfolg für die Anklagebehörde, die 27 Jahre für Gotovina, 23 Jahre für Markac und 17 Jahre für Cermak gefordert hatte.

Im Zentrum von Zagreb verfolgten mehrere Tausend Menschen die Verkündung live auf riesigen Videoleinwänden. Das Urteil wurde von vielen mit Buhrufen entgegnet. Für sie haben die drei Ex-Generäle die Krajina von den übermächtigen Serben zurückerobert. Den Richterspruch aus Den Haag sehen sie als eine Kritik an der legitimen Unabhängigkeit ihres Landes. Wie die Verteidigung argumentiert auch die Regierung in Zagreb, dass, falls Verbrechen begangen wurden, diese einzelne Racheakte waren von Kroaten, die vorher von Serben vertrieben wurden.

Die Tatsache, dass viele von Gotovinas Landsleuten das Tribunal als anti-kroatisch ansehen, zeigt die Rolle, die Desinformation und Propaganda weiterhin bei der Verarbeitung des Jugoslawien-Krieges auf dem Balkan spielen. Denn von den 161 Anklagen, die das ICTY seit seiner Gründung 1993 erlassen hat, sind mit Abstand die meisten Beschuldigten Serben. Im Nachbarland Serbien gilt das Tribunal denn auch als Werkzeug der Nato, viele Serben sehen sich als an den Pranger gestellte Böse.

Neben Gotovina laufen aktuell noch acht weitere Verfahren am Jugoslawien-Tribunal – die drei Gerichtssäle sind fast ständig belegt, die Richter haben in den vergangenen Jahren ihr Pensum enorm hochgefahren, um die noch verbleibenden Fälle zu erledigen. Der mit der größten Publikumswirksamkeit ist der Prozess gegen den ehemaligen Serbenführer Radovan Karadzic. Im Sommer 2013 soll das Gericht in eine Restorganisation abgewickelt werden, gemeinsam mit dem Ruanda-Tribunal, das ebenfalls Anfang der neunziger Jahre von der UNO eingesetzt wurde.

Die Verfahren gegen 125 Beschuldigte wurden bereits abgeschlossen, und damit ist das ICTY eines der erfolgreichsten und effektivsten Kriegsverbrechertribunale überhaupt. Dennoch, in Bosnien-Herzegowina, im Kosovo, in Serbien und Kroatien wird es wohl noch mehr als eine Generation dauern, bis die Gräuel und Grausamkeiten des Jugoslawien-Krieges Teil der Vergangenheit sind.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Franjo Tudjman | UN | Kriegsverbrechen | Kroatien | Verbrechen | Bosnien und Herzegowina
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