KirgisistanDie schutzlosen Usbeken von Osch

Vergangenen Sommer kam es zu Pogromen gegen Kirgisistans usbekische Minderheit. Bis heute wird das Volk drangsaliert. Edda Schlager berichtet aus dem südkirgisischen Osch. von Edda Schlager

Kirgistan Osch

Im südkirgisischen Osch: Die Zerstörungen aus dem vergangenen Juni sind noch allgegenwärtig  |  © Edda Schlager

Erst gestern ist Bakhromjon nach Hause zurückgekehrt. Zehn Tage lang hatte sich der 58 Jahre alte Usbeke, der eigentlich einen anderen Namen trägt, bei Freunden und Verwandten versteckt. Doch wie lange er bleiben kann, weiß er nicht. Eben haben die Nachbarn berichtet, auf der anderen Straßenseite stünden mehrere kirgisische Polizisten in Zivil. "Wir lassen ihn jetzt auf keinen Fall auf die Straße", sagt Bakhromjons Frau Fatima.

Seit Monaten verschwinden im südkirgisischen Osch usbekische Männer. Sie werden von Kirgisen von der Straße weg mit Autos verschleppt, zu jeder Tageszeit. Manche von ihnen tauchen Tage später wieder auf, gezeichnet von Misshandlungen. Oft kommen sie erst frei, wenn Familienmitglieder sie gegen Zahlung von einigen Hundert Dollar bei den örtlichen Polizeibehörden ausgelöst haben.

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Bakhromjon und seine Familie fürchten, ihm könne das Gleiche passieren. Er habe für das UN-Flüchtlingswerk in seinem Wohngebiet Hilfsgüter verteilt, erzählt er. "Deshalb meinen sie, bei mir sei etwas zu holen."

Die Familie hegt wie die meisten Usbeken in Kirgisistan ein tiefes Misstrauen gegen die Behörden, in denen nahezu ausschließlich Kirgisen arbeiten. Denn noch sind die traumatischen Erlebnisse vom Juni vergangenen Jahres nicht verarbeitet. Kirgisische Banden überfielen damals unterstützt von nationalen Sicherheitskräften usbekische Wohnviertel in Osch, zündeten Häuser an, plünderten, ermordeten die Bewohner.

Bakhromjons Hof, in dem seine Frau und die drei Kinder, der Bruder und dessen Familie sowie die über 80 Jahre alten Eltern wohnen, brannte nahezu vollständig aus. Wie mehr als 300.000 andere Usbeken rettete sich die Familie in ein Flüchtlingslager an der nur zehn Kilometer entfernten Grenze zu Usbekistan.

Offiziell starben im Juni vergangenen Jahres 426 Menschen, doch das UN-Flüchtlingswerk UNHCR geht von mehr als 2000 Toten aus: "Viele Opfer wurden nach muslimischem Brauch schnellstmöglich begraben und nicht registriert," sagt Natalja Prokopchuk vom kirgisischen UNHCR-Büro. Fast 4000 Häuser in Osch und im benachbarten Jalalabad wurden teilweise oder ganz zerstört. Der größte Teil von ihnen gehörte Usbeken.

Mittlerweile hat sich die Lage in Kirgisistan stabilisiert. Die Interimsregierung unter Präsidentin Rosa Otunbajewa, die nach dem Sturz von Präsident Kurmanbek Bakijew am 7. April 2010 die Geschäfte übernommen hatte, den Ausschreitungen im Juni jedoch hilflos gegenüber stand, ist nach Parlamentswahlen im Oktober von einer legitimen Regierung abgelöst worden. Die ist seit Januar 2011 im Amt, Otunbajewa nach wie vor Präsidentin, bis zu den Wahlen im November dieses Jahres. Dann wird ein neuer Präsident gewählt.

Leserkommentare
  1. Leider geht aus dem Artikel nicht klar hervor, aus welchen Gründen die usbekische Minderheit verfolgt wird. Ob es ethnische oder religiöse Gründe sind oder beides.

    Ich wünsche den Usbeken in Kirgisistan, dass sich ihre Situation bald bessert. Die zerstörten Häuser müssen wieder aufgebaut werden und es soll keine Diskriminierung mehr geben.

    Alle Gründe für Diskriminierung heute sind keine, die die jeweilige diskriminierte Gruppe selbst zu verantworten hätte. Es werden einzelne Zugehörigkeiten isoliert von der eigentlichen Person, um dann die Person nur noch darüber zu definieren. Das ist falsch, blind und dumm.

    An die Mächtigen in Kirgisistan, die das zu verantworten haben: Auch Ihr werdet für das, was ihr tut zur Rechenschaft gezogen. Und über die Mächtigen ergeht strenges Gericht!

  2. Es wiederholt sich in unterschiedlicher Intensität immer wieder. Erlangen Minderheitsvölker aus Vielvölkerstaaten
    ihre Unabhängigkeit, dann erfüllen sich die hochgespannten nationalen Erwartungen meistens nicht.
    Oft sinken im Gegenteil Lebensstandard und Lebensqualität
    Unabhängigkeit kann man eben nicht essen.
    Der bequemste Scheinausweg ist in diesen Fällen, nun seinerseits die eigenen Minderheiten zu Sündenböcken zu machen und zu drangsalieren.

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