Manchen Umfragen zufolge könnte die AKP bei der Parlamentswahl im Juni bis zu 50 Prozent der Wählerstimmen bekommen. Die Oppositionsparteien verhalten sich daher, als hätten sie nichts zu verlieren, der Wahlkampf erlebt einen dramatischen Niveausturz. Oppositionspolitiker fallen durch die Bank mit Wut-Rhetorik auf, so auch Devlet Bahçeli, Chef der nationalistischen MHP. Vor allem sind es aber Mitglieder der kemalistischen CHP, die in Ihrer Ohnmacht einen wüsten und zornigen Ton anschlagen.

Kemal Kılıçdaroğlu, der neue Vorsitzende der kemalistischen Oppositionspartei CHP, hatte am 25. April vor einer jubelnden Menge in der Stadt Zonguldak den Premierminister Erdoğan aufgefordert, seine Korruptionsvorwürfe gegen ihn zu beweisen. Sollte Erdoğan keine Beweise haben, dann... Ja, was dann? Dann würde er, so Kılıçdaroğlu auf Türkisch "aana… a…" Hier verstummte Kılıçdaroğlu und lächelte hämisch. Offensichtlich hatte ihn seine eigene Courage überrascht. "Wie es weiter geht, sage ich nicht."

Das musste er auch nicht, die umstehende Menge lachte dennoch mit. Denn jeder, der mit der türkischen Schimpfkultur vertraut ist, wusste wie der mit ana (Mutter) angefangenen Satz zu Ende gegangen wäre. Hätte Kılıçdaroğlu weiter gesprochen, hätten die Umstehenden eine der wüstesten Beschimpfungen die der türkische Vulgärjargon zu bieten hat, gehört. Im Türkischen nennt man eine solche Beschimpfung küfür. Kılıçdaroğlu hat nachträglich versucht, die abgebrochene Schimpftirade richtigzustellen. Er hätte sagen wollen "ayağını denk al" und sich dann doch zurückgehalten. Das hätte bedeutet "Sieh dich vor!" In der Türkei wird man eine solche Ausrede aber selbst dem sogenannten "Ghandi Kemal" kaum glauben.

Denn es wäre nicht das erste Mal, dass die kemalistische Wut-Opposition die Familienehre der konservativen Staatsspitze attackiert. Oktay Ekşi, für 35 Jahre Chefkolumnist der kemalistischen Hürriyet, warf Mitgliedern der AKP in einer wutschäumenden Kolumne vor, die Privatisierungspolitiker wären sogar bereit, ihre eigenen Mütter zu verkaufen. Ekşi entschuldigte sich daraufhin und legte seine Tätigkeit bei Hürriyet nieder. Mittlerweile kandidiert der fast achtzigjährige AKP-Gegner, und zwar für Kılıçdaroğlu CHP.

Erdoğans Antwort auf  den mutmaßlichen küfür kam verspätet und ungewohnt mild: "Was die Opposition gerade am besten beherrscht, ist der küfür." Das erkläre auch, warum die CHP Oktay Ekşi aufgenommen habe, meinte Erdogan. Und er empfahl allen Eltern, in Gegenwart der Kinder den Fernseher auszuschalten, wenn die Vorsitzenden der Oppositionsparteien Reden hielten.

Am Ende erreicht die Opposition durch ihre Tiraden nur eines: Der einzige glaubwürdigen Modernisierer des Staates scheint die konservative AKP zu sein, die vom Gros der kemalismuskritischen Liberalen großzügige Unterstützung erfährt. Im Sinne der türkischen Demokratieist es daher höchste Zeit für eine ernstzunehmende Opposition.