Es ist der bislang detaillierteste Einblick in das umstrittene US-Gefangenenlager Guantánamo Bay auf Kuba: Vom Enthüllungsportal Wikileaks veröffentlichte Militärdokumente legen offen, wie in dem Militärgefängnis jahrelang Unschuldige festgehalten wurden. Die vollständigen Dokumente wurden vor der Veröffentlichung auf der Plattform unter anderem der New York Times, dem Guardian und dem Spiegel zugespielt.

Grundlage für die neuen Informationen sind 759 geheime Dokumente. Sie fassen die Situation aller von 2002 bis 2009 in Guantánamo einsitzenden Häftlinge zusammen. Wie der britische Daily Telegraph unter Berufung auf die in den Dokumenten zitierten US-Militäranalysten berichtet, galten nur 220 der insgesamt 779 Guantánamo-Insassen als gefährliche Extremisten. Einem Bericht der New York Times zufolge sind sogar einige der ursprünglich als "high risk" eingestuften Häftlinge später freigelassen oder an andere Länder übergeben worden.

Bei insgesamt mindestens 150 Häftlingen handelte es sich den Dokumenten zufolge um unschuldige Afghanen und Pakistani, darunter einfache Bauern und Fahrer. Sie seien teilweise jahrelang aufgrund von Fehlern bei der Feststellung ihrer Identität in Guantánamo festgehalten worden oder weil sie schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen seien.

Die Dokumente geben außerdem Auskunft über die Menschen, die in dem Gefangenenlager festgehalten wurden. Wie die New York Times berichtet, wurden bei den Häftlingen Krankheiten wie Hepatitis und Tuberkulose dokumentiert. Fast 100 Insassen sollen dem Guardian zufolge depressiv oder andersweitig psychisch krank gewesen sein, viele hätten Hunger gestreikt oder versucht, sich umzubringen. 

Der Guardian beschreibt zudem einige Einzelfälle, die durch die Dokumente ans Licht gekommen sind. So sei etwa der Brite Jamal al-Harith nur nach Guantánamo gebracht worden, weil er in einem Taliban-Gefängnis gesessen hatte und deshalb, so vermuteten die Verantwortlichen, Wissen über Verhörmethoden haben könnte.

Auch alte Menschen und Kinder seien festgehalten worden. Beispielsweise sei der Kanadier Omar Khadr 15 Jahre alt gewesen, als er inhaftiert wurde – das Gefängnis habe er bis heute nicht verlassen. Auch ein 89-jähriger Mann sei unter dokumentierten Fällen.

Die US-Regierung reagierte zunächst abwehrend auf die Enthüllungen. In einer vom Pentagon sowie vom Außenministerium verbreiteten Erklärung wurden die Veröffentlichungen als "unglücklich" bezeichnet. Außerdem hieß es, sowohl zu Zeiten der Regierung von Präsident George W. Bush sowie seines Nachfolgers Barack Obama habe der Schutz der US-Bürger "oberste Priorität" gehabt.

Zugleich bestätigte die Führung in Washington die Echtheit der Dokumente. Die sogenannten Detainee Assessment Briefs (DAB) seien zwischen 2002 und 2009 im Verteidigungsministerium auf Grundlage des damaligen Kenntnisstandes erstellt worden. Die im Januar 2009 gegründete Guantánamo Review Task Force habe die DABs einer Prüfung unterzogen. In einigen Fällen sei sie zu den gleichen Schlüssen gekommen, in anderen wiederum hätten neue Informationen zu anderen Erkenntnissen geführt. Die Dokumente der Task Force sind demnach bislang nicht in der Hand von Wikileaks.

Präsident Obama hatte vor rund zwei Jahren die Schließung des Gefangenenlagers angekündigt, dann aber angesichts innenpolitischer Widerstände eine Kehrtwende gemacht und neue Militärprozesse gebilligt.

Zwar besteht der US-Präsident offiziell weiter auf einer Schließung. Inzwischen erklärte seine Regierung aber, fünf mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 in Guantánamo vor Gericht stellen zu wollen. Auch gegen den mutmaßlichen Attentäter der USS-Cole soll ein Prozess vor dem Guantánamo-Militärtribunal angestrengt werden.