Erst Mitte März war Toshiso Kosako zu einem Sonderberater des Kabinetts ernannt worden. Der Professor der University of Tokyo kündigte nun den Rücktritt von seinem Posten an. Er begründete die Entscheidung damit, dass die Behörden und das Büro des Ministerpräsidenten in der Krise unzureichend handelten. Ministerpräsident Naoto Kan begründete den Rücktritt Kosakos mit Meinungsverschiedenheiten unter Fachkollegen. "Wir begrüßen unterschiedliche Sichtweisen unter unseren Beratern", sagte Kan. Differenzen hatte es vor allem um die Grenzwerte für die Strahlenbelastung für Kinder gegeben.

Die Regierung halte sich nicht an geltende Gesetze, sagte Kosako unter Tränen bei einer Pressekonferenz, in der er seinen Rücktritt erläuterte. Für ihn sei der Eindruck entstanden, dass sie sich nur um eine Notlösung bemühe und mit Provisorien über die Zeit rette, anstatt eine wirkliche Lösung für die Atomkrise zu suchen. Die Regierung habe den seiner Einschätzung nach unangemessenen Grenzwert für Grundschulen in der Nähe von Fukushima festgesetzt, sagte Kosako. Dies könne er als Wissenschaftlicher nicht zulassen. Zudem habe das Kabinett seine Vorschläge ignoriert. Und da niemand auf ihn höre, habe es "keinen Sinn, dass ich auf meinem Posten bleibe", sagte Kosako weiter.

Die Regierung hatte vor wenigen Tagen einen Strahlengrenzwert für Grundschulen festgelegt, bei dem sich die Belastung auf 20 Millisievert im Jahr summiert. Das Erziehungsministerium berief sich dabei auf Bestimmungen der International Commission on Radiological Protection, die bei einem Atomunfall eine jährliche Strahlendosis von bis zu 20 Millisievert sowohl für Erwachsene als auch für Kinder zulasse.

Beobachter werteten die Entscheidung des Wissenschaftlers als einen Rückschlag für Japans Ministerpräsidenten. Einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo zufolge verliert er wegen der Atomkrise von Fukushima an Zustimmung. Drei von vier Japanern (76 Prozent) sagten, dem Regierungschef fehle es an Führungskraft. In der Kyodo-Telefonumfrage hatten Ende März noch 63,7 Prozent Kan mangelnde Führungskraft bescheinigt. Inzwischen denkt fast jeder vierte, dass der Premier sofort zurücktreten sollte. Knapp 71 Prozent sagten, dass sie den Umgang der Regierung mit der Atomkrise nicht wertschätzten.

Derweil verabschiedete das japanische Unterhaus einen Extra-Haushalt in Höhe von vier Billionen Yen, das entspricht rund 33 Milliarden Euro, für den Wiederaufbau nach Erdbeben und Tsunami. Ein Großteil des Geldes solle zur Reparatur von Straßen, Brücken, Häfen und anderer zerstörter Infrastruktur verwendet werden. Das Oberhaus des Parlaments soll den Sonderhaushalt mit seinem Votum am Montag in Kraft setzen. Die Oppositionsparteien haben bereits ihre Zustimmung signalisiert. Mit dem Geld sollen außerdem provisorische Häuser gebaut und kleine Firmen unterstützt werden.