Die Vereinten Nationen (UN) dürfen ab sofort Hilfslieferungen ins belagerte nordlibysche Misrata schaffen. Dies teilte eine Sprecherin des UN-Nothilfebüros OCHA mit. OCHA-Chefin Valerie Amos und der UN-Sonderbeauftragte Abdul Ilah Chatib hatten am Wochenende mit der libyschen Regierung verhandelt. Zunächst wollen die UN nun ein Erkundungsteam entsenden, um festzustellen, welche Hilfe gebraucht und wie sie zu den Notleidenden geschafft werden kann. So schnell wie möglich sollten dann Lebensmittel, Wasser und Medikamente geliefert werden.

Nach Amos' Worten haben Tausende Menschen in der Stadt nichts zu essen und kein Wasser. Es säßen zudem Tausende Ausländer in der Stadt fest. Die 210 Kilometer östlich von Tripolis gelegene Stadt wird seit sieben Wochen von den Regierungssoldaten belagert. Die humanitäre Lage gilt als kritisch, obwohl es zuletzt gelang, mit Schiffen Hilfslieferungen in den Hafen zu bringen.

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Nach einer weiteren Vereinbarung zwischen UN und libyscher Regierung soll es auch in der Hauptstadt Tripolis in Kürze eine "humanitäre Präsenz" der Vereinten Nationen geben, teilte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mit. Eine ähnliche Einrichtung gibt es bereits in Bengasi.

Allerdings sehen die beiden nun abgeschlossenen Vereinbarungen keine Feuerpause vor. Ban und andere UN-Vertreter hatten wiederholt die sofortige Einstellung der Kämpfe gefordert. Die Truppen Gadhafis aber setzten den Raketenbeschuss von Misrata unvermindert fort. Der Oberbefehlshaber über den Nato-Militäreinsatz in Libyen, Generalleutnant Charles Bouchard, beschuldigte die Regierungstruppen, in Misrata auf Zivilisten zu schießen.

Die Streitkräfte stünden auf den Dächern von Moscheen und feuerten von dort auf Menschen, sagte Bouchard. Sie versteckten sich in der Nähe von Krankenhäusern und hätten gepanzerte Wagen in Schulen abgestellt. Manchmal zögen die Gadhafi-Verbündeten auch ihre Uniformen aus, damit niemand sie in der eingekesselten Rebellenbastion erkennen könne.

Unterdessen laufen die Bemühungen weiter, die mehr als 3000 in der Stadt eingeschlossenen, hauptsächlich afrikanischen Gastarbeiter aus der Stadt zu bringen. Am Montag gingen in der belagerten Stadt nach UN-Angaben rund 900 Menschen – vor allem Ghanaer und verletzte Libyer – an Bord von Schiffen, um nach Bengasi gebracht zu werden.

Großbritannien kündigte Hilfe für die eingeschlossenen Gastarbeiter in Misrata an. Sie sollten mit Hilfe der International Organisation for Migration in Sicherheit gebracht werden. Zudem werde man medizinische Hilfe in Libyen finanzieren, sagte Entwicklungshilfeminister Andrew Mitchell.

Die EU-Kommission hat unterdessen ihre provisorische Planung für humanitäre Hilfe in Libyen abgeschlossen. Dabei könnten auch Soldaten aus europäischen Staaten zum Schutz von Hilfslieferungen unter anderem in Misrata eingesetzt werden. Die 27 Mitgliedsstaaten hätten einstimmig das Einsatzkonzept verabschiedet, sagte ein Sprecher der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton. Es handle sich jedoch nicht um einen detaillierten Plan. Dieser würde erst dann ausgearbeitet, wenn die Vereinten Nationen um Hilfe bitten sollten.