Afrika Wahlen in Nigeria – demokratische Wende oder Chaos
Wenn der bevölkerungsreichste Staat Afrikas wählt, ist das wichtig für den ganzen Kontinent, schreibt Thomas Mättig im Gastbeitrag. Die Wahl ist ein Signal.
© PIUS UTOMI EKPEI/AFP/Getty Images

Wahlkampfplakate in Kaduna/Nigeria: Die Kandidaten Goodluck Jonathan (l.) und Muhammadu Buhari
Es ist der Gigant Afrikas: 150 Millionen Einwohner, Vielvölkerstaat und reich an Erdöl. Was hier in Nigeria geschieht, zwischen den Sümpfen des Niger-Delta im Süden und dem Palast des Sultans von Sokoto im Norden, hat immer auch eine Signalwirkung für den gesamten Kontinent. Im April wählt Nigeria in drei Schritten den Präsidenten, das Parlament und die Gouverneure der Bundesstaaten. Und dieses Mal soll alles besser werden als in der Vergangenheit.
Afrikas bevölkerungsreichster Staat, in dem Muslime und Christen neben Anhängern traditioneller Religionen leben, versucht sich seit Ende der 1990er-Jahre zum vierten Mal seit der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1960 an der Demokratie. Es ist die bislang längste dieser Phasen in der Geschichte Nigerias, zuvor dominierten Militärdiktaturen.
ist Landesvertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Nigeria
Doch Begeisterung löste die "Vierte Republik" bislang nicht aus – zu wenig bietet der Staat seinen Bürgern. Geld in Milliardenhöhe verschwindet auf den Auslandskonten korrupter Politiker, die Arbeitslosigkeit in der fast völlig auf die Ölförderung reduzierten Volkswirtschaft liegt bei über 30 Prozent. Die Stromversorgung liegt ebenso darnieder wie die Sozialsysteme, der Großteil der Bevölkerung lebt in bitterer Armut. Die Lebenserwartung liegt bei nur 48 Jahren – eine der niedrigsten weltweit.
Die Geschichte der drei Wahlen seit dem Ende der Militärherrschaft im Jahr 1999 ist eine des Verfalls demokratischer Standards. Mit über 300 Toten und massiven Fälschungen bildeten die letzten Abstimmungen im Jahr 2007 einen traurigen Tiefpunkt. Die Frustration ist groß, die Meinung einhellig: So kann es nicht weitergehen. Studierende sind genervt, weil sie durch Streiks an Universitäten wichtige Jahre verlieren. Intellektuelle schämen sich, wenn sie bei der Visumserteilung für internationale Konferenzen so intensiv geprüft werden, weil ihr Land fast nur noch mit Internetbetrug und Schmuggel in Verbindung gebracht wird. Und die zahlreichen Motorradtaxifahrer, Schuhputzer und Verkäufer von Handyguthaben, die Nigerias Straßen säumen, spüren zwar die ständig steigenden Preise, aber keine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen.
Doch die Zeichen, dass es im April zu einer echten Verbesserung kommen könnte, mehren sich. Nigerias Präsident Goodluck Jonathan, durch den Tod seines Amtsvorgängers Umaru Musa Yar’Adua im Mai 2010 vom Vize zum Präsidenten aufgestiegen, scheint es ernst zu sein mit freien und fairen Wahlen. Unter dem Eindruck öffentlicher Proteste entließ er den korrupten Chef der Wahlbehörde und ersetzte ihn durch den bekannten und landesweit geschätzten Demokratieaktivisten Attahiru Jega. Der hat sich nicht nur ein Rekordbudget erstritten, sondern in kürzester Zeit auch ein neues, glaubwürdiges Wählerregister aufgebaut, Nigerias extrem selbstbewusste Sicherheitskräfte an einen Tisch gebracht und damit begonnen, die eigene Behörde zu reformieren. Die Nigerianer danken es ihm: Zur Registrierung standen sie teilweise tagelang an. Wo Jega auftritt, wird er wie ein Volksheld gefeiert.
Wird also alles gut? Leider gibt es genügend Grund zur Skepsis. Noch immer gibt es nicht nur zahllose logistische Probleme in dem von verfallener Infrastruktur geprägten Land. Etliche Politiker und Parteibarone haben kein Interesse an freien und fairen Wahlen und werden wohl alle Register ziehen, um den Prozess zu sabotieren – vom Stimmenkauf bis zum Einsatz bewaffneter Banden. Bereits jetzt sind zahlreiche Menschen durch Ausschreitungen bei Wahlveranstaltungen ums Leben gekommen. Und die Akteure in Nigerias zahlreichen Gewaltherden – Rebellen im Niger-Delta, christliche und muslimische Fanatiker im zentralnigerianischen Jos oder islamistische Fundamentalisten im Nordosten – werden versuchen, die Wahlen für ihre Zwecke zu missbrauchen.
- Datum 01.04.2011 - 12:51 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Nigeria ist etwas Besonderes und gleichzeitig ein gutes Beispiel für alles. Es hängt zwischen alten Traditionen, imperialistischen Grenzziehungen und modernem Kapitalismus. Wieso stets die Erwartungen überfrachten, wieso immer eine Idealform von Demokratie als Maßstab anlegen, den wir selbst nicht einmal erfüllen?
Tatsächlich ist Nigeria angesichts aller Einflüsse und Anforderungen enorm stabil geblieben. Selbst die diversen Diktaturen waren "milder" als in anderen Ländern. DAS ist eine erstaunliche Leistung!
Und so sehe ich die neuen Anforderungen etwas anders als aus der Warte des lehrmeisterhaften Idealisten. Korruption, ja, aber dann auch Kampf gegen die der Vorbildstaaten, etwa in Form deren unsäglicher Öl-Konzerne, die dem Land schadeten. Auch bei sozialen Standards ist Vorsicht geboten. Ohne System und nach wie vor mit einer sehr hohen Geburtenrate kann dies rasch in Chaos und noch mehr Elend enden. Kein Herrscher oder Präsident hat es hier leicht und nur eines ist gewiss: Wenn er etwas tut, dass auch nur den Standard hält, leistet er mehr als etwa eine Merkel oder ein Sarkozy.
Vielleicht sollte man die Vorbilder überdenken.
ich war schon oft in diesem Land, im Norden und im "christlichen" Teil, ich bin als man in Europa, in der Presse dieses Land als schlechtes Beispiel beschimpft hat, ganz alleine gereist. Ich wurde immer gut aufgenommen und kann mich nicht beschweren.
ich war schon oft in diesem Land, im Norden und im "christlichen" Teil, ich bin als man in Europa, in der Presse dieses Land als schlechtes Beispiel beschimpft hat, ganz alleine gereist. Ich wurde immer gut aufgenommen und kann mich nicht beschweren.
Je größer die Vorkommen, desto weniger Demokratie! Und Nigeria ist wohl mit das beste Beispiel was große Ölvorkommen mit einem Land machen können.
Der wichtigste Grund für die Korruption sind sicherlich die Ölkonzerne, die auf eine korrupte Regierung angewiesen sind.
Eingentlich ist es sehr traurig. Über Bildung, soziale Systeme und einem Gesundheitssystem für alle ließe sich das Bevölkerungswachstum sehr einfach stoppen und hierfür würde der Gewinn aus der Ölförderung gebraucht. Aber genau das ist nicht möglich, wie die Geschichte durch mehrere gestürtzte oder ermordete Präsidenten gezeigt hat.
Also nicht wundern wenn immer mehr Menschen aus Afrika zu uns strömen werden, denn unsere Politik verhindern seit Jahren effektiv die Lösung der Probleme in Afrika, insbesondere die Lösung der Bevölkerungsproblematik wird gekonnt durch die Strukturanpassungsmaßnahmen der Welt Bank und des IWF's verhindert. Frage mich manchmal ob hier dies eine Form der Strategie Teile und Herrsche ist?
MFG
Organized chaos!
Hoffen wir das beste für Nigeria. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Selbstverständlich sollte der mit gesundem Menschenverstand Bedachte darauf hoffen, dass eine Wende zum Besseren geschieht. Realistischerweise muss man anerkennen, dass sich der Bundesstaat im Westen des afrikanischen Kontinents, wenn man dies überhaupt behaupten kann, gerade erst auf einem Weg zur Verwirklung von bestimmten Idealen befindet; der Anspruch auf diese Forderungen muss den Menschen als gerechtfertigt und als unverhandelbar angesehen werden: Einigkeit, Eintracht, Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit. Außerdem will man Glauben, das Verlangen nach Glauben bildet jedoch keinen Zweck, sondern das Mittel mit der man Hoffnung bewahrt, um Liebe zu erhalten. Niemand kann bezweifeln, dass nicht irgendwann, vielleicht in naher Zukunft, mehr als einhundertundfünfzig Millionen Menschen würdigere Verhältnisse einfordern, dass diese nach einer Ordnung sinnen, in der ein jeder über die eigenen menschlichen Rechte und über die eigenen menschlichen Freiheiten verfügt, die einem jeden zustehen. Deswegen kann man aber nicht auf die Geduld verweisen, auf einen Zufall warten, welcher allen das Glück beschert - nein, jeder einzelne muss sich persönlich für sich erheben, um den Anspruch auf Besserung zu markieren, indem ein jeder diesen artikuliert. Der afrikanische Kontinent gleicht keinem homogenen Bild, aber man kann nicht ausschließen, dass ähnliche Ereignisse und vergleichbare Prozesse wie gegenwärtig in Nordafrika in Nigeria bald ebenfalls einsetzen werden: Drang nach Freiheit.
ich war schon oft in diesem Land, im Norden und im "christlichen" Teil, ich bin als man in Europa, in der Presse dieses Land als schlechtes Beispiel beschimpft hat, ganz alleine gereist. Ich wurde immer gut aufgenommen und kann mich nicht beschweren.
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