Das blonde Fallbeil ist längst grau geworden, doch seine Rhetorik ist noch immer messerscharf. "Jeder Fünfte verbindet mit Europa unsinnige Regelungen und Einmischungen, im Grunde ein bürokratisches Monster." Wenn Edmund Stoiber so spricht, hören viele noch immer den Europa-Skeptiker. Einen der "Bayern first" sagt und "Moloch Brüssel" denkt.

Doch Stoiber hat dazugelernt, seit er vor über drei Jahren ausgezogen ist, den Moloch zu entschlacken. Als Vorsitzender der High Level Group zum Bürokratieabbau kämpft der 69-Jährige so verbissen gegen überbordende Regelungen, wie er einst Gerhard Schröder attackiert hat.

Dabei ist anfangs nur schwer zu verstehen, warum sich dieser Mann nach vier aufreibenden Jahrzehnten im Politikbetrieb das antut und an diesem Freitag wieder nach Brüssel reist, um den Bürokratieabbau voranzutreiben. Als sein neues Amt bekannt wurde, ergoss sich über ihn zunächst nur Häme. "Bei seiner Aufgabe für die Europäische Kommission handelt es sich offenbar um Beschäftigungstherapie für einen Polit-Pensionär", ätzte die liberale EU-Parlamentarierin Silvana Koch-Mehrin. Und der Vorsitzende der sozialistischen Fraktion im EU-Parlament, Martin Schulz, kritisiert "die Schnapsidee", diese neue Arbeitsgruppe zu gründen.

Edmund Stoiber konnte all das nur ertragen, weil Widerstand für ihn zum Leben gehört. Er ist es seit der Bundeswehr gewohnt. Vor 50 Jahren ging er nicht zu irgendeiner Truppe, sondern zu den Gebirgsjägern. Die drahtige Figur seiner jungen Jahre hat er seither ein wenig verloren, nicht aber die Erinnerung an sein Schlüsselerlebnis – beim Offizierslehrgang in Mittenwald. Stoiber sollte vom Geländewagen springen  – "Sprung auf, Marsch Marsch! rauf, runter" – blieb aber mit seinem Stiefel an der Heckklappe hängen und verdrehte sich das Knie so schlimm, dass er vorzeitig entlassen wurde. Heute schildert er die Situation mithilfe eines zusammengeklappten DIN A4-Zettels und seinen Händen. Vielleicht hat er im Moment des Absprungs zu lang gewartet, denkt er heute. Es war nicht das letzte Mal: Rückschläge und Strauchler begleiteten seine Karriere.

Einer dieser Strauchler leitete seinen politischen Abstieg ein. 2005 lehnte er nach langem Hin und Her ein Ministeramt unter Angela Merkel ab. Fortan bröckelte auch seine Hausmacht in der CSU. 2007 schied er als Ministerpräsident aus der Landespolitik aus.

Für einen Vollzeitrentner aber fühlt er sich bis heute zu fit. "Als EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso mich bat, den Vorsitz der Gruppe zu übernehmen, da dachte ich: Ein kleiner Beitrag für die Akzeptanz Europas wäre schon gut."

Kann sein, dass Stoiber auch ein wenig das schlechte Gewissen getrieben hat. Zählte er in seiner Amtszeit als Ministerpräsident doch stets zu den schärfsten Europa-Kritikern. Nun aber gibt er offen zu, dass Bayern nur in Europa stark sein kann. Und genau deshalb will er Europa mitgestalten. Allein in Deutschland seien in den vergangenen fünf Jahren 21.000 neue Rechtsbefehle erlassen worden. 85 Prozent davon gründen auf einem europäischen Impuls, sagt Stoiber. "Kein Wunder, dass die Akzeptanz der Bürger für Europa sinkt, wenn Fragen des täglichen Lebens, wie die neue Glühbirne, zunehmend von Brüssel geregelt werden, ohne die Bürger und nationalen Parlamente ausreichend zu beteiligen."

Immer wieder legt er den Kopf mit den nach links gescheitelten Haaren schief, wenn er ins Erzählen kommt. Auch sonst hat er sich wenig verändert. Die randlose Brille mit den goldenen Bügeln gehört zu ihm wie der Bayerische Verdienstorden am Jackett. Mal reist er zur Regierung nach Wien, dann nach Paris oder er versammelt seine Truppe von 15 Beratern, viele davon mit reichlich Erfahrung im Zusammenspiel von Staat und Unternehmen, in einem Amsterdamer Hotel.