Bin Ladens Tod : New York feiert gegen sein Trauma

Als sie hören, dass bin Laden tot ist, eilen viele New Yorker zu Ground Zero. Manch einer hofft jetzt auf einen Neuanfang. Von T. Schröder und M. Braun, New York
Tausende Menschen feiern in New York die Nachricht vom Tod bin Ladens © Spencer Platt/Getty Images

Für Bill Steveit ist es ein ganz persönlicher Triumph. Der Vietnamveteran mit dem Vollbart und der Baseballkappe steht mitten am Ground Zero, jenem Ort, der seit dem schicksalhaften Tag vor knapp zehn Jahren für die Verletzbarkeit der Supermacht Amerika steht. Jeden Gedenkgottesdienst hat Bill Steveit seit damals besucht, um die Erinnerung an den Tag frisch zu halten. Um den Hals hat Steveit sich an diesem Montag ein Schild gehängt, darauf ein Zeitungsartikel mit den Namen aller Opfer der Anschläge. "Endlich haben wir ihn gekriegt, den Massennmörder, der 3000 Menschenleben hier am Ground Zero auf dem Gewissen hat", sagt er.

Es habe viel zu lange gedauert, bis Osama endlich gefangen war, sagt er. Bush, so der große stämmige Mann, sei stattdessen lieber in ein Land einmarschiert, "das uns niemals angegriffen hat." Dabei müssten die gejagt werden, die die Amerikaner angreifen wollten. Obama habe die Jagd nach Osama bin Laden dagegen zu seiner Priorität gemacht. "Dank ihm haben wir ihn jetzt." Der Gottesdienst in diesem Jahr werde etwas ganz besonderes, meint Steveit. "Heute haben wir ein Zeichen an alle Terroristen da draußen gesendet: Auch wenn Ihr flüchtet und Euch versteckt, wir finden Euch und ziehen Euch zur Rechenschaft."

Überall stehen an diesem Morgen Übertragungswagen und Fernsehteams, Touristen fangen den Freudentaumel der Menschen mit ihren Handys ein. Die Banker in ihren grauen Anzügen versuchen, sich einen Weg durch die Massen in ihre Büros zu bahnen. Doch es ist kaum ein Durchkommen, wer westlich vom Hudson River den Broadway erreichen will, muss sich im großen Bogen um die Gebäude schlängeln, um an sein Ziel zu kommen. Polizisten versuchen, Ordnung ins euphorische Chaos zu bringen.

Mitten unter ihnen steht auch James. Immer wieder spricht er dieselben stoischen Worte in verschiedene Mikrofone, die ihm Fernsehteams hinhalten. "Es ist ein großer Tag für Amerika und für die ganze Welt", sagt er und schwenkt zur Bekräftigung seiner Sätze eine kleine USA-Flagge. Einige seiner Freunde seien in den Trümmern ums Leben gekommen, andere kämpften noch immer mit den Erinnerungen, die heute wieder sehr lebendig sind. "Ich bin heute hier, um zu feiern, einfach nur zu feiern", ruft er. Mit den New Yorkern und dem ganzen Land. "Ich bin stolz auf das US-Militär und die Navy", sagt er. Obama habe nur das Glück, zur passenden Zeit Präsident zu sein.

Es ist ein später Triumph für die Menschen hier in New York. Er kommt fast zehn Jahre, nachdem American Airlines Flug 11 von Terroristen gekapert und am Morgen des 11. Septembers in den Nordturm des World Trade Centers einschlug. Wenige Minuten später krachte United Airlines Flug 175 in den Südturm. Eine ganze Stadt stand unter Schock, die Supermacht Amerika war plötzlich sehr verletzbar geworden.

In wenigen Monaten jährt sich das nationale Trauma, die Vorbereitungen laufen, viele Stockwerke des geplanten Superbaus One World Trade Center, der früher Freedom Tower hieß und der personifizierte Trotz der New Yorker werden sollte, sind inzwischen fertiggestellt. "Ich kenne persönlich niemanden, der dort gestorben ist", sagt Bill Steveit. "Aber ich bin Bürger dieser Stadt, und es hätte auch mich treffen können an diesem Tag."

Die Zeitungen sind am Morgen voll mit Berichten über den Tod des Terroristenführers. Alle haben sie großflächig das Konterfei des "Staatsfeind Nummer Eins" abgedruckt. "Got him!", "wir haben ihn!", titelt die größte Boulevardzeitung der Stadt, New York Post . Und weiter unten heißt es: "Vengeance at last! US nails the bastard", "Endlich Vergeltung! Die USA bringen den Bastard zur Strecke". Das New Yorker Blatt Daily News geht noch einen Schritt weiter. "Rot in Hell!"; "Schmore in der Hölle!", ruft die Zeitung dem Al-Qaida-Chef entgegen.

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Kommentare

167 Kommentare Seite 1 von 20 Kommentieren

Interessehalber:

Viele schreien hier (im wahrsten Sinne des Wortes) Zeter und Mordio. Was mich allerdings wundert ist, warum, wenn die USA Bin Laden denn ermorden wollten, sie dann eine ganze Kommandotruppe und vier Helikopter dafür riskiert haben. Ein Dronenangriff hätte es doch auch getan, oder ein einzelner Helikopter, oder ein Kampfjet mit Raketen. Wäre schließlich nicht das erste Mal, dass sich die USA eines Terroristenführers auf explosive Weise entledigten.
Vielleicht wollte man die Leiche, um hinterher beweisen zu können, dass man ihn tatsächlich "erwischt" hat? Dies würde aber nicht erklären, warum man sich derselben dann zu schnell entledigt hat. Vielleicht wollte man zivile Opfer vermeiden? Das aber hat die USA bisher auch nicht aufhalten können.

Nein, alle Indizien sprechen (so ungern ich das auch einräume) dafür, dass man versuchte, Bin Laden lebend gefangen zu nehmen und er sich widersetzte. Und, bei aller "Liebe", wer sich seiner Gefangennahme mit Waffengewalt widersetzt (selbst wenn er, was hier aber nicht der Fall ist, unschuldig ist, wie er in seinen Videos immer wieder angab), weiß, womit er zu rechnen hat und was dann auch nicht als Mord gelten kann.

Ich bin mir allerdings sicher, dass der Finger am Abzug der Soldaten hier wesentlich nervöser war als es für eine Gefangennahme dienlich gewesen wäre, wonach dann aber der Soldat, nicht der Befehlshaber für Bin Ladens Tod verantwortlich wäre.

der glaubwürdige terrorist

@Winfried: Genau, als man Bin Laden zu den Anschlägen befragte ob er es war sagte er nein. Und Sie glauben eher dem Terroristen als der ofiziellen Berichterstattung Ihres Landes?

"Vielleicht wollte man die Leiche, um hinterher beweisen zu können, dass man ihn tatsächlich "erwischt" hat?"

Ja, weil das Volk nur glaubt was es sieht. Das ist doch billig und hat Bild-Zeitungs-niveau. Er ist weg, glaubt es und gut ist. Ein u.U. beim Gefecht entstelltes Bild Osamas würde nur seine Familie aufregen. An die darf man ja ruhig auch mal denken.

"Dies würde aber nicht erklären, warum man sich derselben dann zu schnell entledigt hat."

Es geht hier auch um Schadensbegrenzung beim muslimischen Volk: man wird Bin Laden los und redet nicht mehr drüber, weil man ihn auch nicht hypen möchte. Außerdem ist er nach islamischem Brauch bestattet worden was auch wiederum den Gegnern den Wind aus den Segeln nimmt.

"Vielleicht wollte man zivile Opfer vermeiden? Das aber hat die USA bisher auch nicht aufhalten können."

Ja, man hätte eine Rakete reinhauen können - aber so hat man die Gewissheit seines Todes und die Inneneinrichtung retten können, die bestimmt Spuren zu weiteren wichtigen AlQaida Mitgliedern enthält. Einfach wegbomben ist doch die primitive Holzhammer-methode.

Falsch!

Osama bin Laden wurde schon 1999, u.a. wegen die Anschläge auf die US-Botschaften in Afrika, auf die FBI Listen der meistgesuchten Flüchtigen gesetzt.

Er stritt die Anschläge vom 11. September zunächst ab, damals lebte er ja noch offen unter dem Schutz der Taliban in Afghanistan, später, 2004 und 2006, hat er sich in Videobotschaften dazu bekannt.

Somit wurde ein Massenmörder, der sich anscheinend seiner Verhaftung widersetzte, erschossen. Das hat mit Mord nichts zu tun.

Fälschlicherweise Ihren Kommentar empfohlen....

Nun ja, da kann man nichts machen. Zur Sache:

"Genau, als man Bin Laden zu den Anschlägen befragte ob er es war sagte er nein. Und Sie glauben eher dem Terroristen als der ofiziellen Berichterstattung Ihres Landes?"

Sie stellen die falsche Frage. Bin Laden war die Person, die im Internet und im TV etliche Terroranschläge angekündigt und den heiligen Krieg gegen die USA und den Westen ausgerufen hat, zumindest wird es so dargestellt. Und jetzt sollten Sie sich die Frage stellen:

Warum sollte er den Terroranschlag verneinen, wenn er ihn ausgeführt hat?

ER, der den Krieg erklärt hat, ER der für den Islam sterben wollte, ER der in jedem US-Amerikaner der Steuern zahlt einen potentiellen Feind gesehen hat. Warum? Aus Angst?

Genau mein Gedanke!!

Vor 10 Jahren haben die Menschen die jetzt Feiern die Staaten verurteilt in denen Menschen genau das Taten was sie nun Zelebrieren.

Wo ist sie die Moralische Überlegenheit die immer wieder verkündet wird? Wo sind die Politiker die sagen das auch "Böse" Menschen immer noch Menschen sind?
Wo ist er der Verurteilt das die Leiche einfach über dem Meer entsorgt wurde? Verklappt.

Nein unser Außenminister deutet viel mehr an das die Todesstrafe solange sie nicht auf Deutschen Boden vollzogen wird ok ist.

Wir sind wirklich weit gekommen so als Zivilisation.

an 2 + 4, Schon mal bedacht

ob da nicht doch ein Unterschied besteht
wenn Glaubensangehörige den Tod von Tausenden unbeteiligten Opfern (sicher auch Muslime dabei gewesen) ausgelassen feiern

oder Angehörige den Tod des Mannes, der diese Tausenden Opfer und noch andere auf dem Gewissen hatte?

Habt Ihr Euch schon einmal angehört wie es klang, als die Körper auf dem Boden aufschlugen Blopp Blopp Blopp
Das waren verzweifelte Menschen die keinen anderen Ausweg sahen als den Fall in die Tiefe
und stellt Euch einmal vor, es wären Euere Angehörigen, Freunde

und Glaubensanhänger ohne jeglichen Bezug zu diesen Opfern am anderen Ende der Welt verteilen Süßigkeiten an ihre Kinder, damit die auch etwas zum Mitfreuen haben.

Ich bin nicht so pervertiert, als dass ich da nicht einen Unterschied feststellen könnte.

Gut, dass es die USA gibt
und auch gut dass es Menschen gibt, die Ziele verfolgen und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. Lang lebe Amerika.

Mich erinnern die Bilder an .....

....die Leute hier nach dem Fußballspiel oder im Karneval. Das finde ich immer sehr traurig und ein wenig ekelig.

Bei Bin Laden ging es wenigstens um etwas und es war eine gemeinschaftliche Aufgabe mit vielen Mühen. Da kann man echte Freude verstehen. Den Auszudrücken, sich sogar gehen zu lassen, auch auf mir persönlich komische Art, kann ich irgendwie verstehen.

Sie meinen, Sie .....

....glauben nicht, dass da ein gewisser Unterschied ist, wenn die Leute sich freuten, dass Bin Laden unsere Bürger bzw unseres Alliierten getötet hatte. Zugegeben, viele hier mögen die Amis nicht und waren ins Geheime auch glücklich, aber die dürfen nicht kümmern. Aber das sind Idioten.

Nun finde ich ungehemmte Freude wirkt immer etwas lächerlich und die Menschen, die sich so benehmen sind mir irgendwie suspekt und scheinen grauenhaft prol; Foßballfans und Karnevalisten als Beispiele. Aber hier, ging es wenigstens um etwas, man ist eine recht große Gefahr los und die Präzedenz gegen diese Art Verbrecher ist gemacht. Da verstehe ich tatsächlich, dass die Leute aus sich herausgehen und Freude auch zeigen.

Antiamerikanismus

"Zugegeben, viele hier mögen die Amis nicht und waren ins Geheime auch glücklich, aber die dürfen nicht kümmern. Aber das sind Idioten."

Nicht jede Kritik am Verhalten einiger US-Bürger ist Antiamerikanismus. Es ist aber immer dumm, "die Amerikaner", "die Araber" usw. zu sagen. Leider hat Präsident Bush damals als oberster Repräsentant des Landes selbst dazu beigetragen, die "Stimmung" anzuheizen: "dead or alive", "crusade" etc. Sie erinnern sich?

Natürlich erinnere ich mich....

....an die damalige Zeit. Auch verstehe ich die auch sprachlichen Mechanismen, die in der Politik manchmal verwendet werden müssen bzw, die man glaubt anwenden zu müssen. So war ich nicht besonders überzeugt, als man von einem "Krieg gegen den Terror" sprach, weil es eigentlich nur um eine Verbrechensbekämpfung ging, die eben auch militärische Mittel erfordern würde.

Andererseits sieht man an den Kommentaren eine Verwirrung in der Bevölkerung im Verständnis dessen, was da geschieht und man glaubte eine Orientierung vorgeben zu müssen. Natürlich wurden die Sachverhalte intern auch detaillierter analysiert und man war sich klar, dass es um Verbrecher geht, wählte aber dennoch den Ausdruck "Krieg" um das erwartete Ausmaß er notwendigen Anstrengung auszudrücken.

naive US Amerikaner?

glauben die US Amerikaner tatsächlich, dass mit dem Tod von Osama Bin Laden der Terrorismus erledigt wäre? Wie naiv muß man eigentlich sein? Mit solchen patriotischen Feierlichkeiten wird der Teufelskreis aus Haß und Vergeltung erneut entfacht. Und die Medien spielen das Spielchen eifrig mit. Es stünde den US Amerikanern besser zu Gesicht, sich einmal leise und bescheiden zu verhalten. Den tragischen 3000 Todesopfern des Attentats vom 11.9.2001 stehen mittlerweile zig 10.000 zivile Opfer im Irak- und Afghanistankrieg gegenüber. Aber die zählen offenbar nichts bei den sogenannten Gutmenschen aus der USA. Dieses dumme Verhalten wird jedenfalls nicht zu Frieden und Tolleranz zwischen den Kulturen beitragen.

So sind sie und so soll es auch ankommen.

Sie übertünschen alle kritischen Fragen ,warum schleppt man diesen angeblich meistgesuchten Terroristen nicht vor ein Gericht? Man ist an Leisetreten nicht intressiert ,im Gegenteil,anscheinend braucht man weltweiten Zoff, um die -Terrorindustrie- weiter anzuheizen. Mit Unterstützung westl Regierungen wie z.B.auch von Frau Merkel, die die Tötung Bin Laden ausdrücklich begrüsst und den Auftraggeber dieser Terroraktion auch noch beglückwünscht.Armes Deuschland ,wer regiert uns eigentlich wirklich?