Tel Aviv. Seit seiner Gründung 1948 ist es für Israel das Albtraum-Szenario schlechthin: Unbewaffnete palästinensische Flüchtlinge marschieren einfach über alle Grenzen hinweg ins Land hinein . Eine Massenbewegung, die sich nur um den Preis eines furchtbaren Massakers stoppen lässt. Es ist ein Szenario, dass auch daran erinnert, dass es bei dem Konflikt mit den Palästinensern nicht nur um die Grenzen zwischen Israel und einem künftigen Palästinenserstaat geht, sondern ebenso um die Frage jener palästinensischen Flüchtlinge, die Anspruch auf eine Rückkehr ins heutige israelische Territorium erheben. Auf sieben Millionen Menschen ist ihre Zahl inzwischen angewachsen.

Was sich am Sonntag an den Grenzen zu Syrien, zum Libanon und zum Gaza-Streifen abspielte , hatte für viele Israelis genau diesen Albtraum-Charakter. Allerdings noch mit einer zusätzlichen Komponente. "Die arabische Revolution klopfte gestern an unsere Tür", schreibt der israelische Kommentator Aluf Benn in Haaretz . Die Ereignisse hätten die Illusion beendet, dass Israel von den dramatischen Ereignissen um sich herum völlig abgeschottet sei.

Der 15. Mai 2011 jedenfalls wird sich ins kollektive Gedächtnis einprägen. Wobei man sich in Israel die Frage stellt, inwiefern das vielleicht nur eine Generalprobe für den September war. Dann plant die Palästinenserbehörde die einseitige Ausrufung eines Staates und in der UN-Generalversammlung in New York soll über dessen Anerkennung abgestimmt werden. Israelische Experten rechnen damit, dass sich dann mehr als 130 der 192 dort vertretenen Staaten für eben diese Anerkennung entscheiden.

Um über diese Perspektive und die Ereignisse vom Sonntag zu debattieren, trat am Montag der Knesset-Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung zusammen. Dabei erinnerte die ehemalige israelische UN-Botschafterin Gabriela Shalev daran, dass das augenblickliche Ansehen ihres Landes in den Vereinten Nationen ein "Rekordtief" erreicht habe. Wobei die Ausrufung eines Palästinenserstaates aus ihrer Sicht nicht das Ziel an sich der Palästinenser sei. Ihnen ginge es vielmehr darum, Israel völlig in den Augen der Weltöffentlichkeit zu diskreditieren.

Israels Premier Benjamin Netanjahu fühlt sich nach dem Sonntag erst einmal bestärkt in seinem bisherigen Kurs, auf seiner Politik des Nicht-Reagierens und Beharrens am Status Quo. Für ihn sind die Ereignisse an den Grenzen nur ein weiterer Beweis dafür, dass es Israel mit Kräften zu tun habe, die seine Zerstörung wollten. Sein Verteidigungsminister Ehud Barak hingegen spielte die Symbolik des Geschehens herunter und erklärte nüchtern, die Armee wisse mit solchen Konfrontationen umzugehen – auch wenn sie ja, wie es aussah, durchaus überrascht worden war.

Dass militärische Strategie allein jedoch kein Ersatz für Politik sei, beklagten Montag vor dem Knesset-Ausschuss die extra zum Thema geladenen Experten. Shimon Shamir, ehemaliger Botschafter in Kairo und Professor für Nahost-Geschichte, forderte Netanjahu auf, die Initiative zu ergreifen, statt rechthaberisch darauf zu insistieren, dass diese Entwicklung seine frühen Warnungen ja nur bestätigen würden.