Titelseiten amerikanischer Zeitungen zum Tod Osama bin Ladens © Spencer Platt/Getty Images

Es ist bisweilen erstaunlich, wer sich argumentativ zusammentut, um das Geschehen in der Welt zu verurteilen. Über die Tötung von Osama bin Laden durch amerikanische Soldaten empören sich: die Hamas in Gaza, User in Islamisten-Foren und viele, sehr viele Kommentatoren in deutschen Medien.

Die moralische Aufgebrachtheit ist billig und fehl am Platz. Denn niemand (außer den Beteiligten) weiß derzeit, was genau an diesem frühen Montagmorgen in bin Ladens Anwesen geschah . War sein Tod von Anfang an geplant? Oder sollte bin Laden eigentlich festgenommen werden? Wehrte er sich? War er bewaffnet? Wollte er lieber sterben als in die Hände der Amerikaner geraten? Gut möglich. Ein Dschihadist in Handschellen kommt nicht gerade märtyrerhaft daher. Die USA tun gut daran, die Umstände der Aktion zügig offen zu legen. Der Rest der Welt aber tut gut daran, die Vorgänge in Abbottabad nicht zu verurteilen, solange sie unbekannt sind.

Zu einfach machen es sich indes auch all jene, die den Tod bin Ladens nun bejubeln. New Yorker , deutsche Politiker , der UN-Sicherheitsrat . Ja, bin Laden hat die Welt mit Terror überzogen. Bin Laden war mitverantwortlich für den tausendfachen Tod Unschuldiger. Emotionen sind deshalb verständlich, insbesondere bei jenen, die bei den vielen Terroranschlägen seit 2001 in New York und Washington, in Bali, Djerba, London oder Madrid Angehörige verloren haben. Wenn aber ein deutscher Politiker wie der CDU-Mann Ernst-Reinhard Beck behauptet, Osama bin Laden sei nun "der Gerechtigkeit zugeführt" worden, ist dies ein Verrat am Rechtswesen der westlichen Welt.

Die USA haben eine historische Chance verpasst. So viel lässt sich heute schon sagen – ganz gleich, ob die Operation in Abbottabad von Anfang an als kill mission geplant war, oder ob die Einsatzrealität am Ende keine andere Option zuließ. Die Tötung Osama bin Ladens war kein moralisches Vergehen, sondern ein strategischer Fehler.

Man hätte ihm den Prozess machen müssen.

Sicher, es gibt eine Menge strategische Gründe, die aus Sicht Barack Obamas gegen eine Gefangennahme bin Ladens gesprochen haben: Ein Prozess hätte den Präsidentschaftswahlkampf 2012 überlagert, allein der Ort des Verfahrens – Den Haag, Guantánamo, USA? – wäre zum Politikum geworden. Racheakte, Anschläge, Geiselnahmen, Befreiungsversuche, all das, was Deutschland in der RAF-Zeit erlebt hat, hätte Amerika bevorgestanden.

Man hätte es um des Rechtsstaates willen in Kauf nehmen müssen.