Am Tag nach dem Tod von Osama bin Laden wird sein letzter Rückzugsort im nordpakistanischen Abbottabad von Neugierigen und Journalisten umlagert. Kinder aus der Umgebung versuchen einen Blick in die ummauerte Anlage zu erhaschen, Anwohner schildern Reportern aus aller Welt, wer ihrer Meinung nach hier wohnte und was bin Laden damit zu tun hat. Mehrere Männer behaupten, nicht bin Laden, sondern ein Double des Terroristenführers sei in dem Feuergefecht mit den Amerikanern gestorben. So berichtet es die AP-Korrespondentin Nahal Toosi, die wie viele andere Reporter das Anwesen besichtigen möchte. Doch das ist schwierig: Wer hinein will, von dem verlangt die Polizei eine Zustimmung des Militärs – doch dort werden die Reporter wieder an die Polizei verwiesen.

Informationen aus erster Hand zum Geschehen sind rar. US-Medien ergänzen die wenigen offiziellen Verlautbarungen mit Details, die sie unter der Hand erfahren. Die Video- und Bildaufnahmen des Militärs sind unter Verschluss, Dokumente geheim. Belege für die Informationen der US-Regierung fehlen daher. Deshalb werden auch weiterhin Fragen diskutiert werden wie jene, ob der ehemals meist gesuchte Mann der Welt im Schusswechsel mit einer US-Eliteeinheit starb, wie offiziell mitgeteilt, oder ob die Soldaten den Terroristenführer gezielt töteten. Oder auch, wie sicher es ist, dass es tatsächlich die Leiche bin Ladens war, die am Montag von dem US-Flugzeugträger USS Carl Vinson in die Arabische See glitt.

Sicher ist: Es sollte schnell gehen am frühen Montagmorgen. Die US-Spezialeinheit der Navy's Special Warfare Development Group (NSWDG) wollte wieder fort sein, bevor sie mit dem pakistanischem Militär oder der Polizei in Konflikt geraten könnte.

Über Monate hatten die Amerikaner die Operation geplant, Geheimdienstler gingen Szenarien durch, suchten nach Details und Situationen, die einen Erfolg gefährden könnten. "Es gab kein Treffen, in dem nicht jemand an Black Hawk Down erinnerte", zitiert die New York Times einen Beamten. Jenes Militärdesaster, das die US-Armee 1993 in Somalia erlebte, sollte sich nicht wiederholen.

Die Suche nach bin Laden zog sich in den Jahren nach dem 11. September 2001 erfolglos hin. Schub bekamen die Ermittlungen erst durch die Operation Cannonball, eine 2006 gestartete Geheimdienstmission mit dem Ziel, bin Laden zu stellen. Die USA stockten dafür ihre Teams in Afghanistan und Pakistan auf. Mithilfe des Geheimdienstes NSA observierten sie einen Getreuen bin Ladens, einen Kurier, der pakistanischen CIA-Mitarbeitern im Juli vergangenen Jahres bei einer Straßenkontrolle aufgefallen war.

Lange Zeit vermuteten die US-Fachleute bin Laden in einer Höhle in der Abgeschiedenheit von Pakistans Bergen – ein Irrtum, der sich erst durch die Beobachtung des Gehilfen aufklärte. Denn der Mann verkehrte auch in jenem Anwesen in der nordpakistanischen Stadt Abbottabad , in dem das Militär bin Laden am Montag stellte. Am Ende waren die Amerikaner sicher: Nicht verborgen zwischen Felsen des nahen Gebirges, sondern hinter Betonwänden und Stacheldraht residierte der Gesuchte, in ruhiger Lage am Rande eines Feldes. Bis zu sechs Meter hohe Mauern schirmten sein Anwesen ab. Ins Innere führten weder Telefon- noch Internetverbindung, eine Telekommunikationsüberwachung schied für die Fahnder also aus.

Die CIA aber wollte sicher gehen, dass sich bin Laden auch im Haus befände, sollte der Einsatz starten. Mit hohem Aufwand vermieden die Spione, dass bin Ladens Wachleute sie bemerkten und die Arbeit von Monaten umsonst gewesen wäre. Ab Februar wurde die Planung des Zugriffs konkret. Die Strategen beschrieben drei Vorgehensweisen: Eine Mission von Hubschrauben, der Abwurf von Bomben aus Tarnkappenbombern oder eine gemeinsame Aktion mit den Pakistanern, die man nur Stunden zuvor einweihen wollte.

Gut vorbereitet, ausgestattet mit Satellitenfotos und detaillierter Kenntnis der Gewohnheiten der Anwohner, trug CIA-Chef Leon Panetta die Pläne im März im Weißen Haus vor. Sorge bereitete vor allem die Frage, wie die Regierung in Islamabad auf eine Geheimaktion reagieren würde. Am Donnerstag vergangener Woche dann erweiterte sich der Kreis der Mitwisser erneut. Die Helikopter-Mission hatte sich mittlerweile als das geeignete Mittel herausgestellt. Die Sprengkraft von Bomben hätte bin Ladens Körper vernichtet und damit den Beleg seines Todes.

In einem Treffen mit den Chefs der Sicherheitsdienste kündigte Barack Obama eine baldige Entscheidung an. "Wir machen das", sagte er am Freitag dann in kleinem Kreis nach 16 Stunden Nachdenkens, schilderten Reporter der New York Times. Vier Helikopter sollten vom afghanischen Dschalalabad aus aufsteigen, zwei davon als Nachhut, um das Elitekommando zu retten, sollte es Probleme geben. Man terminierte den Einsatz auf Sonntag, weil die in Nordpakistan erwartete Bewölkung das Licht des abnehmenden Mondes besser abschirmen würde.

Als die Hubschrauber mit 79 Soldaten an Bord gen Abbottabad abhoben, versammelte Obama seinen Sicherheitsstab um sich. CIA-Chef Panetta war per Video aus dem Hauptquartier zugeschaltet. Es soll eine sehr schweigsame Runde gewesen sein, zitierten Zeitungen einen Teilnehmer.