Die pakistanischen Behörden müssen sich im Zusammenhang mit dem Versteck des mittlerweile getöteten Al-Qaida-Chefs Osama bin Laden kritische Fragen von ihren US-Verbündeten gefallen lassen: Wie konnte es sein, dass sich der Terroristenführer offenbar jahrelang in einem stattlichen Anwesen und in direkter Nachbarschaft zu einer Militärakademie sowie pensionierten Offizieren verbergen konnte? Wie konnte Regierung, Armee und Geheimdiensten dies so lange verborgen bleiben?

Die USA jedenfalls hegen Zweifel an der Aufrichtigkeit der örtlichen Behörden und schließen eine systematische Unterstützung für bin Laden nicht aus. Es sei "unvorstellbar", dass sich bin Laden ohne Hilfe längere Zeit in Pakistan habe verstecken können, sagte der Anti-Terror-Berater von US-Präsident Barack Obama, John Brennan.

Ihm zufolge führt Washington Gespräche mit der pakistanischen Regierung darüber, weshalb der Mann hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 so lange unbehelligt in einem befestigten Anwesen kaum zwei Autostunden von der Hauptstadt Islamabad entfernt habe leben können. "Die USA wollen untersuchen, ob bin Laden über irgendeine Form eines Unterstützungssystems in Pakistan verfügt hat", sagte Brennan.

Pakistans Präsident Asif Ali Zardari weist solche indirekten Anschuldigungen zurück. Auch wenn der US-Einsatz gegen den Al-Qaida-Chef "keine gemeinsame Aktion" gewesen sei, habe ein Jahrzehnt Zusammenarbeit zwischen Pakistan und den USA "zu der Ausschaltung von Osama bin Laden als dauerhafte Bedrohung für die zivilisierte Welt geführt", schreibt er in einem Gastbeitrag in der Washington Post. Unter der Überschrift "Pakistan hat seinen Teil getan" fügte er hinzu, Pakistan sei zufrieden, dass die Identifizierung eines Kuriers des Terrornetzwerks durch pakistanische Dienste letztlich zu bin Laden geführt habe.

Dieser Auffassung seines Präsidenten will sich der pakistanische Botschafter in den USA, Husain Haqqani, allerdings nicht anschließen. Auch er glaubt an ein "Unterstützungssystem" für bin Laden. "Die Frage ist, war es Unterstützung innerhalb der Regierung und dem Staat Pakistan oder innerhalb der pakistanischen Gesellschaft", sagte Haqqani dem Sender CNN und sicherte eine "vollständige Untersuchung" zu dieser Frage zu.

Pakistan ist ein wichtiger Verbündeter der USA im Kampf gegen den Terrorismus. Allerdings steht der pakistanische Geheimdienst im Verdacht, ein doppeltes Spiel zu betreiben und entgegen der offiziellen Position die radikalislamischen Taliban zu unterstützen.

Und auch bei der Kommandoaktion im Fall bin Ladens herrschte bei der Regierung in Washington offenbar großes Misstrauen gegenüber Pakistan. So wurde die dortige Regierung erst dann von der Aktion informiert, als die Hubschrauber mit den US-Elitesoldaten den Luftraum des Landes wieder verlassen hatten. Dies berichtet Obama-Berater Brennan. Dabei habe man ein Feuergefecht mit dem pakistanischen Militär in Kauf genommen, sagte er. "Zum Glück hat es keine Konfrontation mit den pakistanischen Streitkräften gegeben." Die Regierung in Islamabad habe keine Ahnung gehabt, ob die USA oder ein anderes Land hinter der Militäraktion auf ihrem Staatsgebiet stünden.