Anhäger der Pro-Taliban-Partei Jamiat Ulema-i-Islam-Nazaryati demonstrieren nach dem Tod bin Ladens in Quetta gegen die USA. © Banaras Khan/AFP/Getty Images

Ein Triumph im Kampf gegen den Terrorismus, ein Erfolg für den Westen, so äußerten sich Politiker in den USA und Europa zum Tod von Osama bin Laden . Die pakistanische Regierung hingegen schwieg zunächst beharrlich. Wie hätte sie auch erklären sollen, dass schon wieder ein Topterrorist innerhalb ihrer Grenzen getötet wurde?

"Exporteur des Terrors", "gefährlichster Staat der Welt" oder "Herkunft der Taliban" – Pakistan hat in den vergangenen Jahren viele wenig schmeichelhafte Beinamen verliehen bekommen. Die Tötung Osama bin Ladens am Wochenende in dem Ort Abbottabad rund 150 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt, dürfte den Ruf nicht verbessern. Längst bezichtigt nicht mehr nur Indien den alten Rivalen Pakistan offen, den Terrorismus zu fördern. Auch Afghanistan prangert die Freundschaft der pakistanischen Sicherheitskräfte zu al-Qaida und Taliban an. Die USA kritisieren ihren Verbündeten ebenso wie manche europäische Regierung.

Doch bei Worten blieb es nicht: Der Tod bin Ladens stellt nur den Höhepunkt einer ganzen Reihe von Festnahmen und Tötungen von Kadern des Terrornetzwerkes al-Qaida dar. In Pakistan konnte al-Qaida dadurch stark geschwächt werden und wich zum Teil in den Jemen aus. Der amerikanische Vize-Präsident Joe Biden erklärte im Dezember 2010, dass al-Qaida in Pakistan keine Kraft mehr habe, um einen Anschlag in den USA zu verüben. Das offizielle Kriegsziel aus dem Jahr 2001 war damit erfüllt: Das Terrornetzwerk sollte in der Region keinen sicheren Hafen mehr haben und kein Sicherheitsrisiko für den Westen mehr darstellen.

Doch die Ideologie von al-Qaida ist damit längst nicht tot. Anschläge und Pläne zu Attentaten haben das in den vergangenen Jahren bewiesen. Terrorexperten sprechen von der dritten Generation, die keine zentrale Führung mehr braucht. Die Schwäche der ersten Generation von al-Qaida verhindert keine Terrorakte. Auch, weil in Pakistan andere radikale Gruppen an Einfluss gewannen. Mancher amerikanischer Spitzenmilitär bezeichnet seit kurzem das aus Pakistan stammende Haqqani-Netzwerk als schlimmsten Feind der US-Streitkräfte in Afghanistan. Die Haqqanis, benannt nach einer Großfamilie, kämpfen gemeinsam mit den Taliban und sind mit paschtunischen Stämmen in Afghanistan verwandt.

Nicht nur das Haqqani-Netzwerk entstand in Pakistan. Zahlreiche Terrororganisationen bildeten sich dort – einige wurden mithilfe des Geheimdienstes ISI gegründet, anderen wurde ein sicherer Unterschlupf geboten. Al-Qaida und die afghanischen Taliban bildeten dort ihre Kämpfer aus und tun dies zum Teil immer noch. Andere Gruppen wie Laskar-e-Taiba (LeT), die in Kaschmir gegen die indischen Sicherheitskräfte kämpfen, werden immer noch vom ISI gefördert. Die LeT war für den Anschlag in Mumbai im November 2008 verantwortlich. In dieser "Armee der Gerechten" war sogar ein aktiver Staatssekretär im Verteidigungsministerium Mitglied. Auch Spitzenbeamte und hochrangige Offiziere fühlen sich der LeT verbunden.

Erst der Kampf gegen die pakistanischen Taliban um das Swat-Tal und zahlreiche Anschläge der Extremisten in Pakistan auf Armee, Geheimdienst und Regierungseinrichtungen haben Teile des Sicherheitsapparats gegen die Radikalen aufgebracht. 30.000 Zivilisten und 5.000 Männer der Sicherheitskräfte starben in den vergangenen Jahren durch Anschläge. Im Krieg gegen die Taliban im Swat-Tal und in den Stammesgebieten verlor Pakistan mehr Soldaten als in den drei Kriegen gegen Indien.

Die Rivalität mit Indien war einer der Hauptgründe, warum Pakistan begann, die Islamisten als strategisches Mittel zu benutzen. Der Militärgeheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) unterstützte bereits in den achtziger Jahren die afghanischen Mudschahedin-Gruppen im Kampf gegen die Sowjets – und arbeitete damals eng mit dem amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA zusammen. Nach dem Abzug der Sowjetunion förderte Pakistan über den ISI die Entstehung der Taliban. Die erste Kämpfergeneration waren meist Flüchtlinge, die in den Religionsschulen, den Madrassas, radikalisiert wurden.

Pakistan wollte unbedingt verhindern, dass Indien seinen Einfluss in Afghanistan ausbauen konnte. Afghanistan sollte als strategischer Rückzugsraum für Pakistan bereitstehen, würde es zu einer weiteren Auseinandersetzung mit Indien kommen. In den 1990er Jahren – so lautet der Vorwurf von amerikanischen und indischen Terrorexperten – nutzte der ISI dann die Extremisten, um im Nachbarland Anschläge verüben zu lassen. Auch der Kampf in Kaschmir gegen die indischen Sicherheitskräfte wurde mithilfe einiger Dschihad-Gruppen geführt.

Der ISI unterhielt auch Kontakte zu bin Laden. Dass das Netzwerk al-Qaida seine Zentrale bereits 2002 von Afghanistan nach Pakistan verlagert hatte, galt als offenes Geheimnis. Auch die hochrangigen Mitglieder flohen in die weitgehend autonomen Stammesgebiete. Einige Al-Qaida-Führer sollen sogar vom pakistanischen Militär in den letzten Kriegstagen 2002 aus dem umkämpften Kundus in Nordafghanistan nach Pakistan ausgeflogen worden sein. Das schreibt der Taliban-Experte Ahmed Rashid in seinem neuen Buch. Er beschreibt auch, wie sehr der ISI die Taliban beim Kampf gegen die Nordallianz und damit auch gegen die Amerikaner unterstützte.

Wenig überraschend war daher, dass auch die afghanische Führung der Taliban von Afghanistan nach Pakistan umzog, nachdem die mit den Amerikanern verbündete Nordallianz ihre Herrschaft beendete. Mullah Mohammed Omar, der Kopf der selbsternannten Gotteskrieger, soll mit einigen Vertrauten bis heute von den Behörden unbehelligt in Quetta leben. Die Quetta Schura übt immer noch einen erheblichen Einfluss auf die Aufständischen in Afghanistan aus. In der Stadt demonstrierten heute Anhänger einer den Taliban nahestehenden Partei gegen Amerika und hielten Plakate mit dem Porträt bin Ladens hoch.