Seit dem Wochenende rumort es in Spanien. Zehntausende Menschen demonstrieren auf den Straßen, viele von ihnen haben inzwischen zentrale Plätze in mehr als 40 Städten besetzt. Ihr Schlachtruf: "Democracia Real Ya!" (Echte Demokratie jetzt!). So heißt der Verbund aus mehr als 200 Gruppierungen, die vor allem eins eint: die Wut auf die etablierten Parteien. "Wir haben es satt, von der politischen Klasse für blöd verkauft zu werden", sagt beispielsweise die Madrider Physiotherapeutin Susana, die trotz Uni-Studiums für monatlich 800 Euro brutto ganztags in einem Seniorenheim arbeitet.

"Wähle sie nicht!", heißt dann auch eines der Mottos der Demonstranten. Am kommenden Sonntag stehen in Spanien Regional- und Kommunalwahlen an, den regierenden Sozialisten (PSOE) droht ein Debakel. Die Anhänger der neuen Protestbewegung sind die großen Verlierer einer Krise, die in Spanien jeden fünften Erwerbsfähigen arbeitslos gemacht hat. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei mehr als 40 Prozent – sie ist so hoch wie nirgendwo sonst in Westeuropa. "Wir sind die am besten vorbereitete Generation Spaniens, aber es geht uns schlechter als unseren Eltern", beklagt der 22 Jahre alte Architektur-Student Sergio. Der harte Sparkurs der Regierung, erzwungen durch die hohe Verschuldung, hat den Unmut der Menschen noch verschärft.

Bislang dient "Democracia Real Ya!" vor allem als Sammelbecken für die Frustrierten. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten: Studenten, Arbeitslose, Globalisierungsgegner, Schuldner, Rentner, Umweltschützer, Linke, Konservative, Gläubige und Atheisten sind unter den Demonstranten. Entsprechend vielseitig sind daher auch ihre Forderungen: Arbeitsplätze, bezahlbare Wohnungen, Kampf gegen die Korruption oder schlichtweg "ein neues politisches System".

Die Protestbewegung organisiert sich über Facebook, Twitter und andere Internetplattformen – eine Parallele zu den Aufständen des arabischen Frühlings, der die spanischen Demonstranten inspirierte. "Er zeigt uns, dass der Sieg möglich ist", heißt es in einem Manifest – und dem Essay Empört euch, mit dem der französische Autor Stéphane Hessel zum Protest gegen Ungerechtigkeit und das Finanzmonopol aufruft. Die Anhänger der Bewegung nennen sich daher auch "Die Empörten" (Los Indignados), über Twitter bezeichnen sie ihren Protest als "SpanishRevolution". "Wir sind keine Ware in den Händen von Politikern und Bankern", schrien am vergangenen Samstag bis zu 130.000 Menschen bei Demonstrationen in rund 50 Städten Spaniens. Es war der Durchbruch des Protestverbunds, der erst im April von Studenten ins Leben gerufen worden war.

Gewalt lehnen die Demonstranten strikt ab. "Wir wollen auf friedlichem Wege die ganze zivile Gesellschaft mobilisieren", sagt der Sprecher der Bewegung, der arbeitslose Anwalt Fabio Gándara (26). Das gelingt weitgehend. Einzig im südspanischen Granada kam es bislang zu Ausschreitungen, als die Polizei den zentralen Carmen-Platz räumte. Drei Demonstranten seien festgenommen worden, teilten die Behörden mit. Im Herzen Madrids schlugen in der Nacht zum Dienstag etwa 2000 Demonstranten unter dem Motto "Yes, we camp" ein Zeltlager auf dem Platz an der Puerta del Sol (Sonnenpforte) auf. Bis zur Wahl am Sonntag wollen sie bleiben.

Die Politik indes weiß nicht so recht, wie sie mit dem Phänomen umgehen soll. Die oppositionelle konservative Volkspartei (PP) tut die Demonstranten als "linke Systemgegner" ab und fühlt sich nicht angesprochen. Die Sozialisten versuchten dagegen sogleich, die Bewegung für sich zu vereinnahmen. So veröffentlichten sie auf ihrer Webseite das Manifest von "Democracia Real Ya!". Die Proteste im Netz waren aber so groß, dass der Text schnell wieder verschwand. Und als PSOE-Spitzenkandidat Tomás Gómez nach Angaben der Demonstranten anfragen ließ, ob er sich zu ihnen auf Madrids Puerta-del-Sol-Platz gesellen dürfe, skandierte die Menge lautstark: "No!"