Protestierer in Madrid © Pedro Armestre/AFP/Getty Images)

An der Puerta del Sol ist noch alles beim Alten. Auch Tage nach den Wahlen campen auf dem berühmten Platz in Madrids Zentrum die Demonstranten der Bewegung "Democracia Real Ya". Die Stimmung ist gut, viele vor allem junge Protestler sind hier. Einige debattieren mit Besuchern über die Probleme des spanischen Bankensystems, manche entspannen in der Sonne. Andere arbeiten weiterhin an Plakaten und stellen detaillierte Informationen über sich und ihre Ziele aus. Die Vollversammlung tagt, die Ausschüsse und Untergruppen formulieren weiter ihre Beschlüsse. Als sei am vergangenen Sonntag nichts passiert.

Doch es ist etwas passiert. Am Sonntag haben Spaniens Sozialisten (PSOE) die Regional- und Kommunalwahlen krachend verloren. In etliche Rathäuser werden nun Politiker der Volkspartei (PP) einziehen. Ausgerechnet die Konservativen haben gewonnen, die in der Woche vor der Wahl wenig Verständnis für die Platz-Besetzungen in Spaniens Städten zeigten.

Die Demonstranten von der Puerta del Sol haben sich dieses Wahlergebnis nicht gewünscht. Sie hatten zum Boykott aufgerufen. Erfolgreich waren sie damit nicht. Im Gegenteil, 66 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab, 3 Prozentpunkte mehr als vor fünf Jahren. Und gerade einmal 2,5 Prozent gaben einen "Voto Blanco", einen leeren Stimmzettel, ab. Das ist ein Anstieg von 0,6 Prozentpunkten im Vergleich zu 2007. Wollte man bösartig argumentieren, ließe sich sagen: Die Mehrheit der spanischen Bevölkerung hat sich offen gegen die Ziele der Protestler gestellt.

Die 28-jährige Noelia, eine der gewählten Sprecherinnen der Bewegung, sagt indes, für sie ändere sich durch die Wahl gar nichts. Das Wahlergebnis sei für die Bewegung unerheblich. Bereits am Samstag hatten sich die Demonstranten darauf geeinigt, den Wahlausgang zu ignorieren und die Besetzung aufrecht zu halten – für mindestens eine weitere Woche. Sie könne nicht sagen, es wäre ihr lieber gewesen, hätten die Sozialisten gewonnen, sagt Noelia. Schließlich sei sie ja prinzipiell gegen das Wahlsystem, das den beiden großen Parteien Vorteile einräume, erzählt sie, während sie sich eine Zigarette dreht.

Denn obwohl das spanische Wahlsystem theoretisch eine verhältnismäßige Zusammensetzung des Parlaments ermöglichen soll, werden kleine Parteien systematisch benachteiligt. Da die Anzahl der entsandten Volksvertreter von der Größe der Wahlkreise abhängt, haben kleine Parteien fast ausschließlich in großen, bevölkerungsreichen Gebieten Chancen. Dieses System zu ändern, ist eine der zentralen Forderungen der Bewegung. Doch sie gehen noch weiter: Auch während der Legislaturperioden soll das Volk die Möglichkeit bekommen, sich zu beteiligen. Plebiszite sollen die Integration des Bürgers in das politische System verbessern.

Stolz erzählt Noelia davon, wie innerhalb der Versammlungen Debatten zwischen Konservativen und Anarchisten verlaufen, wie Einigkeit hergestellt wird und Ergebnisse erzielt werden. Kurz: Sie ist begeistert vom Konsensprinzip. Für sie ist dies eines der magischen Wörter. Die Beteiligung aller funktioniere, es sei möglich, Lösungen zu finden, mit denen am Ende alle zufrieden sind.

Konsens als Ziel, das wäre neu in Spanien, ist doch das politische Establishment tief zerstritten. Zwischen den beiden großen Parteien, den Sozialisten und den Konservativen, liegen Welten, Konflikte werden in aller Heftigkeit ausgetragen.