Protestaktion in Madrid © PEDRO ARMESTRE/AFP/Getty Images

Die Globalisierung von unten ist im Gange. Die große Empörung, zu der der französische Schriftsteller Stéphane Hessel die desillusionierte Jugend der entwickelten Welt in seinem Bestseller aufruft, greift um sich. Der aktuelle Schauplatz des friedlichen Kampfes um mehr Demokratie, Rechtsstaat und Gerechtigkeit ist das Königreich Spanien. Seit 15. Mai weht im Herzen von Madrid, auf dem legendären Platz Puerta del Sol, "der Geist vom Tahrir-Platz", wie man hier in Erinnerung an den zentralen Kairoer Platz, dem Zentrum des erfolgreichen Anti-Mubarak-Widerstands, etwas pathetisch gelegentlich sagt. Der Protest überlagert den Wahlkampf zu den Regional- und Kommunalwahlen, die am kommenden Sonntag stattfinden.

Der neue Aufstand der Namenlosen kam gleichsam aus dem Nichts. Dieses Nichts ist natürlich alles andere als nichts, nämlich nichts anderes als das zeitgemäße Instrument der Aufständischen und Empörten des 21. Jahrhunderts: das Internet. Über Facebook und Twitter hatten einige Aktivisten innerhalb weniger Stunden die ersten paar Tausend zum zentralen Platz Spaniens dirigiert, um dort ihre " Indignación " zu zeigen, die Empörung, die Ungeduld und die Wut über die Missstände im Land und über die eigene Notlage.

In kürzester Zeit schalteten sich auch Nichtregierungsorganisationen dazu, von Nachbarschaftshilfen bis zu Attac, verschickten die Versammlungsbotschaften, die Resolutionen und Aufrufe in ihren Netzwerken und multiplizierten so die Teilnehmerzahlen und die Schauplätze. Entsprechend wuchs die Beteiligung und übertraf die Erwartungen der Erfinder des Projekts bei Weitem. So gab es schon am Sonntag Großkundgebungen der Empörten außer in Madrid auch in Barcelona, Sevilla und Palma de Mallorca. Die Liste der Schauplätze der Protestdemokratie wächst seither geradezu stündlich, eine ständig aktualisierte Karte im Netz sorgt für Orientierung all jener, die ihren Groll über den Stand der öffentlichen Dinge jetzt auch loswerden wollen.

So könnte diese Woche des Zorns , die eine zwar heiße, aber doch irgendwie ganz normale heiße Phase des Wahlkampfs der Parteien hätte werden sollen, als Zeit der Abrechnung mit den Etablierten eine entscheidende Markierung werden für den weiteren Weg der spanischen Demokratie. Vielleicht wird daraus auch ein Signal für das restliche demokratische – oder postdemokratische – Europa.

Denn diese Bewegung des 15. Mai ( Movimiento M-15 ), die sich selbst inzwischen Democracia Real Ya (Echte Demokratie jetzt) nennt, ist ja kein schlichter Protest gegen die mit Brüssel abgesprochenen Sparpläne der Minderheitsregierung des Chefs der Sozialistischen Partei (PSOE), José Luis Rodríguez Zapatero. Das verbreiten zwar die Spin-Doktoren der konservativen Volkspartei (PP), während sie aus der Deckung die Aktivitäten der Bewegung aufmerksam beobachten und darauf achten, nicht etwa durch voreilige Äußerungen auf sich aufmerksam zu machen. Die Stoßrichtung der Proteste geht jedoch weit über Regierungskritik hinaus. Die Empörung nährt sich nicht aus Einsparungen bei Transferleistungen allein.

Hier formiert sich eine neue Spielart des Populismus von unten. Er kommt aus ohne die dumpfe Fremdenfeindlichkeit und speziell die Islamophobie, mit der die rechtsnationalen Repräsentanten des Biederpopulismus à la Wilders, Strache, Blocher, Pia Kjærsgaard und Marine Le Pen bisher die Szene beherrschen und die Atmosphäre vergiften.

Doch ähnlich wie diese völkisch orientierten Populisten richten sich Empörung und Zorn auch der neuen Neinsager gegen "das System" insgesamt: gegen die Politiker und gegen die Parteien, in Spanien vor allem gegen die beiden Großen, PSOE und PP, gegen die am Besitzstand orientierten Gewerkschaften, von denen die Arbeitslosen, vor allem die Jungen ohne Zukunft (die Jugendarbeitslosigkeit beträgt in Spanien 40 Prozent), sich nicht vertreten fühlen, gegen die Banken und deren Einfluss auf die Politik, gegen die wachsenden Hypotheken , die zum Zukunftsverlust beitragen, die prekären Arbeitsverhältnisse, den Lohndruck auf die Minderqualifizierten, die spanische Bildungskatastrophe, die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen und nicht zuletzt die notorische Korruption auf allen Ebenen der Verwaltung.