Arabische Umbrüche Die Golfregime verweigern sich dem politischen Wandel
Die Proteste in Bahrain sind niedergeschlagen, alle Reformversprechen am Golf vergessen. Die Regime verharren in der Vergangenheit. Ein Gastbeitrag
© Reuters

Schiiten-Proteste in Manama, Bahrain
Politische Reformen sind die dringlichste Herausforderung für die sechs arabischen Golfstaaten. Aus zwei Gründen ist es jedoch unwahrscheinlich, dass der arabische Frühling zu mehr Demokratie in den Ländern Saudi-Arabien, Bahrain, Kuwait, Katar, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten führen wird. Erstens, weil die tragischen Ereignisse in Bahrain tiefgreifende negative Auswirkungen auf die politische Reformbewegung in der Region hatten. Und zweitens, weil es nur allzu deutlich ist, dass die Kräfte des Status quo derzeit stärker sind als die des Wandels. Obwohl eine Demokratisierung dringend nötig ist, sollte man in den arabischen Golfstaaten auf absehbare Zeit nicht damit rechnen.
ist Professor für Politische Wissenschaften an der Universität der Vereinigten Arabischen Emirate in al-Ain. Sein Beitrag ist Teil einer Reihe zu den Umbrüchen in der arabischen Welt, die ZEIT ONLINE in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung veröffentlicht.
Ein tragisches Beispiel ist in diesem Zusammenhang die gewaltsame Niederschlagung der Protestbewegung in Bahrain vergangenen März. Die Forderungen der Bahrainis nach sozialer Gerechtigkeit, demokratischen Reformen und einer konstitutionellen Monarchie waren mit Sicherheit gerechtfertigt und sind in einer breiten Öffentlichkeit in den arabischen Golfstaaten auf positive Resonanz gestoßen. Doch war der Aufruf der Opposition und einiger Reformaktivisten, die Herrscherfamilie zu stürzen übereilt. In der Folge geriet die Regierung in Panik und hätte um ein Haar die Kontrolle verloren, die Gesellschaft Bahrains ist tief gespalten in verschiedene konfessionelle Lager und schlimmer noch: Andere regionale Kräfte mischten sich ein.
Dabei gab es in Bahrain eine gute Gelegenheit für die Errichtung einer konstitutionelle Monarchie. Stattdessen aber kam es hier und in allen anderen arabischen Golfstaaten zu einem schweren Rückschlag für den Reformprozess. Die Erfahrung war niederschmetternd, das Signal für weitere politische Reformen verheerend. Die Lehre, die die arabischen Golfstaaten daraus zogen, lautet: Eine übereilte Demokratisierung ist wie die Büchse der Pandora, sie enthält viele Unwägbarkeiten. Stabilität und Regimeerhalt wurden schnell wieder oberste Priorität – nicht die politischen Reformen.
Regime sehen sich in einer Sonderstellung
Die einzige Möglichkeit, Stabilität zu wahren, ist aus Sicht der Regime die Stärkung des Status quo. In diesen überwiegend konservativen Ländern setzt man auf Kontinuität, nicht auf Wandel. Schließlich sei der althergebrachte Weg immer noch der beste, heißt es. Auch wenn die arabischen Golfstaaten sich dem wind of change nicht vollständig verschließen können: noch bieten sie ihre enormen Ressourcen auf, um diese Kräfte nicht zu stark werden zu lassen.
Dahinter steht die Überzeugung, dass die arabischen Golfstaaten anders sind und dies auch bleiben werden: Wir sind – sagen die Vertreter der Regime – nicht Ägypten, Tunesien, Libyen oder Syrien, und niemand möchte die Erfahrungen Bahrains noch einmal machen. Dabei verweisen sie auf eine Kombination von Faktoren, denen sie ihre Sonderstellung verdanken: Wirtschaftliche Prosperität, sozio-ökonomische Erfolge, ein hoher Lebensstandard, relativ geringe Bevölkerungszahlen, ihre noch immer stammesgeprägte Lebensweise und eine Mentalität, die sich aus der unerschöpflichen Quelle der Tradition speist. Hinzu kommt, dass der Westen wenig – um nicht zu sagen gar keinen – Druck ausübt.
Diese Faktoren, ebenso wie die Möglichkeit, als mächtiges Kollektiv im Rahmen des Golfkooperationsrats handeln zu können, macht die Golfstaaten weitgehend immun gegen die revolutionären Strömungen des Jahres 2011. Die Regime verteidigen ihre Sonderstellung mit allen Mitteln, zur Not auch mit schwerem Geschütz. Das alles hat aus ihrer Sicht nichts mit konterrevolutionären Instinkten oder mit einem Rückgriff auf polizeistaatliche Mittel zu tun. Man bedient sich zum Erhalt des Status quo eben sehr einfallsreich sämtlicher Ressourcen.
- Datum 21.06.2011 - 16:33 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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... und im Iran wirkt weiter fort und in die dortigen Gesellschaften hinein, auch wenn es in den arabischen Golfstaaten und in der "Islamischen Republik Iran" gegenwärtig keine offenen Massenproteste (mehr) gibt.
Alle dortigen Regimes werden entweder tiefgreifende Reformen auf allen Ebenen in Angriff nehmen müssen, oder sie dürften früher oder später ebenfalls von Unruhen, Aufständen und Revolutionen so lange erschüttert werden, bis substanzielle Veränderungen von "unten" erstritten werden.
Der große Vorteil der islamisch-konservativen Regimes am Golf ist ihr unermesslicher Ölreichtum, der dafür sorgt, dass die Armut und Perspektivlosigkeit in diesen Ländern längst nicht solche Ausmaße angenommen hat, wie in vielen anderen arabischen Ländern.
Hier stehen (noch?) eher clandestine, konfessionelle und ethnische Konflikte im Vordergrund, als soziale Konflikte.
Doch das Beispiel Libyen mahnt, dass auch Ölreichtum nicht unbedingt auf Dauer vor Revolutionen schützt.
"Ziehen wir doch eine große Mauer
und dann sollen die Rückständigen in der Vergangenheit leben."
Und wenn diese zynische "Lösung" nicht funktioniert, z.B. weil ein Großteil der diktatorisch Beherrschten dort die Nase mehr und mehr voll hat, von den über sie herrschenden und demokratisch nicht legitimierten Autokraten-Klüngeln?
"Doch das Beispiel Libyen mahnt, dass auch Ölreichtum nicht unbedingt auf Dauer vor Revolutionen schützt."
Ich glaube nicht, dass wir in Libyen eine Revolution sehen werden- dort tobt ein erbitterter Bürgerkrieg.
Die Formulierung im Artikel "Die Lehre, die die arabischen Golfstaaten daraus zogen, lautet: Eine übereilte Demokratisierung ist wie die Büchse der Pandora, sie enthält viele Unwägbarkeiten." ist kulturell etwas gewagt.
Unabhängig davon war Pandoras Büchse ein Faß- Und das Öffnen des Fasses die Voraussetzung für Fortschritt und auch Demokratie.
http://thomasweber.blog.d...
... wird also auch der Emir von Bahrein demnächst bombardiert?
"Zwar liegen die arabischen Golfstaaten auf dem Human Development Index ziemlich weit oben, aber sie belegen einen der unteren Ränge, wenn es um Freiheit und Demokratie geht."
Den Bewohnern geht es dort halt auch ohne Demokratie und Freiheiten mehrheitlich bei weitem besser, als hier der Mehrheit mit Demokratie und Freiheit. Durch den Ressourcenreichtum ist dort sozusagen das Hemd naeher als die Hose.
Hier haben wir zwar im Gegensatz zu diesen Laendern viele Freiheiten und demokratische Strukturen, die aber letztlich nur ein sehr kleiner und elitaerer Kreis auch wirklich effektiv nutzen kann. Fuer die uebergrosse Mehrheit stehen all die schoenen Sachen nur auf dem Papier.
...dann bleiben zwei Wege:
- Wenn bis dahin genügend Geld in Handel, Dienstleistung etc. investiert wurde dann kann das VIELLEICHT die Länder weiter tragen, die für einen solchen Weg nötige Offenheit verträgt sich aber schlecht mit Fundamentalismus
- Jemen, ein SEHR deprimierendes Menetekel.
In jedem Fall wird das Geld verrinnen wie Sand in den Händen und der Einfluss dahinschwinden.
...dann bleiben zwei Wege:
- Wenn bis dahin genügend Geld in Handel, Dienstleistung etc. investiert wurde dann kann das VIELLEICHT die Länder weiter tragen, die für einen solchen Weg nötige Offenheit verträgt sich aber schlecht mit Fundamentalismus
- Jemen, ein SEHR deprimierendes Menetekel.
In jedem Fall wird das Geld verrinnen wie Sand in den Händen und der Einfluss dahinschwinden.
Die Region hat eine Zunahme der Bevölkerung von 2% im Jahr. in 10 Jahren also ein Fünftel mehr, in 20 Jahren, wenn das Öl knapp wird, gibt es 50% mehr Araber als heute.
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Im Augenblick ertragen die Angehörigen der Mittelschicht das strenge Regime ihrer Heimat, weil sie sich im Ausland austoben können. Die scheinbare Stabilität in der Region wird erkauft durch eine Umverteilung der Ressourcen, durch welche ein großer Teil der Bevölkerung zufrieden gestellt wird.
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Das hohe Bevölkerungswachstum ist wie eine Zeitbombe: Bald werden die Ressourcen nicht mehr für Alle ausreichen. Den Herrscherhäusern bleiben nur noch wenige Jahre.
...dann bleiben zwei Wege:
- Wenn bis dahin genügend Geld in Handel, Dienstleistung etc. investiert wurde dann kann das VIELLEICHT die Länder weiter tragen, die für einen solchen Weg nötige Offenheit verträgt sich aber schlecht mit Fundamentalismus
- Jemen, ein SEHR deprimierendes Menetekel.
In jedem Fall wird das Geld verrinnen wie Sand in den Händen und der Einfluss dahinschwinden.
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