Auf die Frage, was derzeit die größte Gefahr für Großbritanniens Libyen-Einsatz sei, antwortete ein Mitglied der Regierung Cameron im privaten Gespräch kurz: "ein schneller, vollständiger Erfolg". Also der Kollaps des Gadhafi-Regimes. Die Antwort dürfte überraschen. Mit Blick auf Libyen entspricht sie weder der offiziellen Lesart, noch scheint sie in die Debatte um die mangelhafte britische Ausrüstung und die generelle Überforderung schwächelnder oder unwilliger europäischer Nato-Mitglieder zu passen.

Die Regierung Cameron hat derzeit alle Hände voll zu tun, den Schaden zu begrenzen, den aufmüpfige Militärs mit ihrer Kritik angerichtet haben . Sir Mark Stanhope, Chef der Marine, hatte bemängelt, dass die britische Marine wegen des Libyen-Einsatzes auf dem letzten Loch pfeife, worauf der Premier ihn nach 10 Downing Street beorderte und dort zusammenstauchte.

Doch die Vorstellung eines schnellen Endspiels in Libyen treibt den Verantwortlichen in London und anderen Hauptstädten den Angstschweiß auf die Stirn. Gewiss ist es peinlich, wenn den Europäern die Munition ausgeht oder nicht genug Bomber Angriffe fliegen können. Doch am Ende werden die Amerikaner einspringen, wie verärgert und unwillig auch immer sie seien mögen.

Nur entspricht es der Realität, dass die westliche Allianz derzeit überhaupt nicht gerüstet ist für das, was sich in Libyen nach einem Kollaps abspielen kann: Ein Zusammenbruch der staatlich-diktatorischen Ordnung setzt stets weitere garstige Kräfte frei. Es wird zu Plünderungen und Racheakten kommen, der Kampf um die Kontrolle der Ölindustrie und deren Einnahmen wird einsetzen. Nicht zuletzt dürfte die lose Oppositionsallianz Libyens aufbrechen, die sich im Hass auf das Gadhafi-Regime vereinte, in der aber fundamentale Gegensätze existieren, etwa jene zwischen säkularen Kräften und Dschihadisten.

Auch wenn sich Libyen vom Irak unterscheidet, wird die Situation nach dem Zusammenbruch des Regimes von Gadhafi in vielerlei Hinsicht der im Irak 2003 gleichen. Dort fingen die Probleme nach dem schnellen Sieg der Allianz über Saddam Hussein erst richtig an. Rund 150.000 Soldaten der Amerikaner und ihrer Alliierten vermochten weder Chaos, Plünderungen noch Massaker zu verhindern, oft absichtsvoll geschürt von al-Qaida und Anhängern des gestürzten Diktators. Die Kosten des Einsatzes stiegen dramatisch.

In Libyen aber hat der Westen keine Bodentruppen, es darf sie laut UN-Resolution wie auch dem erklärten Willen der intervenierenden Staaten nicht geben. Doch sollten sich die schlimmsten Befürchtungen bestätigen, kann der Verzicht auf Bodentruppen unhaltbar und der internationale Druck, etwas zu tun, zu stark werden. Dabei steht die Sorge der politisch Verantwortlichen in London, Paris und Washington, zu schnell zu siegen und ein solches Szenario in Libyen vorzufinden, auch nicht im Widerspruch zu den Befürchtungen hochrangiger britischer Militärs um den Zustand der Streitkräfte.