PräsidentschaftswahlenHumala gewinnt gegen Fujimori – Linksruck in Peru

Peru wird künftig vom Linksnationalisten Ollanta Humala regiert. Das Land wird sich fortan eher an Brasilien als an den USA orientieren.

Am Ende einer langen Wahlnacht verzichtete Ollanta Humala auf allzu provozierende Siegergesten. Stattdessen sang der neue starke Mann Perus gemeinsam mit seinen Anhängern im Konfettiregen seiner Partei Gana Peru die Nationalhymne und marschierte mit seiner Familie hinter einer großen peruanischen Flagge die Wahlkampfbühne ab. Und irgendwie hatte es Symbolcharakter, dass Humala während seiner Siegesrede auf der dreigliedrigen Bühne von einem Helfer vom äußersten linken Rand auf den mittleren Bühnenteil geführt werden musste.

Die für südamerikanische Verhältnisse zurückhaltende Siegerparty hat ihren Grund. Mit einem hauchdünnen Sieg des linksgerichteten Kandidaten Humala ist in Peru der spannendste, aber auch polarisierendste Wahlkampf der letzten Jahrzehnte zu Ende gegangen. Nach den ersten offiziellen Hochrechnungen gewann der ehemalige Oberstleutnant mit 50,087 Prozent der Stimmen vor der rechtskonservativen Kandidatin Keiko Fujimori (49,913 %) mit ihrer Partei Fuerza 2011. Dies teilte die Leiterin des staatlichen Wahlamtes ONPE, Magdalena Chu, nach stundenlanger Geduldsprobe am späten Abend in Lima mit. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings erst 78,9 Prozent der Stimmen ausgezählt und der Vorsprung betrug gerade einmal rund 20.000 Stimmen.

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Kurz zuvor trat der Sieger im Hotel Los Delfines in San Isidro vor die Presse: "Wir haben die Wahl gewonnen." Trotzdem mahnte Humala zu Geduld. Es gelte noch das endgültige offizielle Endergebnis abzuwarten.

Am Abend hatten die im peruanischen Fernsehen verbreiteten Prognosen, basierend auf Umfragen nach der Stimmabgabe, einen deutlicheren Sieg Humalas (52,5 Prozent) vorausgesagt. Prompt strömten dessen Anhänger auf die Straßen, um den Sieg des bei der letzten Stichwahl 2006 noch unterlegenen Kandidaten zu feiern. Chiles Präsident Sebastián Piñera gratulierte als erster südamerikanischer Staatsmann zum Wahlsieg. Die unterlegene Keiko Fujimori kündigte in einer ersten Stellungnahme an, das offizielle Endergebnis des Wahlamtes ONPE anzuerkennen. Da war allerdings der hauchdünne Vorsprung Humalas noch nicht bekannt.

Der denkbar knappe Vorsprung beweist allerdings auch die tiefe Spaltung, die der heftige Wahlkampf zwischen den beiden Vertretern im Land hinterlassen hat. Noch-Präsident Alan García rief bereits vor Bekanntgabe der ersten Ergebnisse die beiden heillos zerstrittenen Lager der Kontrahenten auf, das Ergebnis zu respektieren, egal wer am Ende die Nase vorn haben werde.

Ollanta Humala ist es offenbar gelungen, die vor allem in der Mittel- und Oberschicht verbreiteten Zweifel an seiner Zuverlässigkeit zu zerstreuen. Keiko Fujimori hingegen wurde den langen Schatten ihres wegen Korruption und Menschenrechtsverbrechen inhaftierten Vaters und ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori nicht los. Noch am Abend jubelte der peruanische Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, der sich in den letzten zwei Wochen des Wahlkampfes eindeutig auf die Seite Humalas gestellt hatte: "Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir uns von einer Diktatur befreit haben, die schrecklich korrupt und blutig war, und die davorstand zurück an die Macht zu gelangen."

Auf den mutmaßlichen Wahlsieger Humala wartet nun viel Arbeit. Er muss die politisch tief gespaltene Gesellschaft wieder versöhnen und zugleich seine Unabhängigkeit beweisen. Das Fujimori-Lager hatte ihn immer wieder als Marionette des venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez dargestellt. Humala selbst positionierte sich als peruanisches Gegenstück des in ganz Lateinamerika populären ehemaligen brasilianischen Staatspräsidenten Luiz Inácio Lula da Silva und versprach "Reformen ohne Destabilisierung". Aus dem Links-Nationalisten war am Ende ein moderater Sozialdemokrat geworden, so hatte es zumindest die Strategie seiner Wahlkampfberater versucht zu vermitteln.

Nun wird Humala liefern müssen. Vor allem den Wirtschaftskurs des Wahlgewinners wird die kritische Ober- und Mittelschicht nun mit Spannung verfolgen. Noch am Wahlabend erinnerte der peruanische Unternehmerverband CONFIEP Humala an seine Versprechen, der ehemalige Staatspräsident Alejandro Toledo mahnte an: "Wir vertrauen darauf, dass die neue Regierung ihre Versprechen auch einlöst." Der neue Vize-Präsident Omar Chehade versuchte unterdessen, die Angst vor einem radikalen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik mit der Ankündigung zu zerstreuen, einen unabhängigen Politiker zum neuen Wirtschaftsminister zu bestimmen.

Die schwierigste Aufgabe aber für Humala wird sein, der enormen Erwartungshaltung in den armen Bevölkerungsschichten gerecht zu werden, die er mit der Ankündigung einer neuen Sozialpolitik geschürt hat. Und als wäre der Wahlkampf noch im vollen Gange versprach Humala noch am Abend die Lösung der Versorgungsprobleme bei Trinkwasser, Strom, im Nahverkehr und eine bessere Bildungspolitik.

Die unterlegene Keiko Fujimori wird angesichts der hauchdünnen Niederlage auch künftig eine wichtige politische Rolle spielen. Wie Humala, der 2006 noch unterlag, rechnen viele Beobachter angesichts ihres jungen Alters damit, dass sie bereits in fünf Jahren einen neuen Anlauf nehmen wird.

Mit dem Wahlsieg Humalas hat sich die politische Landschaft Lateinamerikas noch ein Stückchen weiter nach links verschoben. Das bislang konservativ regierte Peru galt als wichtiger Verbündeter der USA. Auf der politischen Landkarte Südamerikas werden nun nur noch Chile (Sebastián Piñera) und Kolumbien (Juan Manuel Santos) von konservativen Staatschefs regiert.

 
Leser-Kommentare
  1. Jetzt fehlt eigentlich nurnoch Kolumbien. Dann hat sich Südamerika eigentlich vollständig aus der Klammer der Kolonialmacht befreit, oder?

    4 Leser-Empfehlungen
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    Kolumbien ist gerade auf dem besten Weg, sich zu befreien. Nämlich von 40 Jahren Bürgerkrieg. Wer die Entwicklung in den letzten zehn Jahren verfolgt hat, der würde Kolumbien alles, nur keinen Wechsel der Problemlösungsstrategien empfehlen!

    Das Rumgeheule über die "offenen Adern Lateiamerikas", in dem man sich vor allem im Selbstmitleid suhlt und sich allzu gerne fühlt wie die ausgebeutete und liegengelassene Exgeliebte à la Bolivien, Paraguay), die ewig über die ungerechten Konsequenzen des eigenen Fehlverhaltens jammert (Salpeterkrieg bzw. Tripel-Allianz-Krieg), braucht keiner. Und die Holländische Krankheit Venezuelas ist auch ein Vorbild zum Davonrennen! Und die Knüpfung der Währung an den Dollar hat sich Kolumbien trotz angeblicher Nähe an die USA auch verkniffen...

    Kolumbien ist gerade auf dem besten Weg, sich zu befreien. Nämlich von 40 Jahren Bürgerkrieg. Wer die Entwicklung in den letzten zehn Jahren verfolgt hat, der würde Kolumbien alles, nur keinen Wechsel der Problemlösungsstrategien empfehlen!

    Das Rumgeheule über die "offenen Adern Lateiamerikas", in dem man sich vor allem im Selbstmitleid suhlt und sich allzu gerne fühlt wie die ausgebeutete und liegengelassene Exgeliebte à la Bolivien, Paraguay), die ewig über die ungerechten Konsequenzen des eigenen Fehlverhaltens jammert (Salpeterkrieg bzw. Tripel-Allianz-Krieg), braucht keiner. Und die Holländische Krankheit Venezuelas ist auch ein Vorbild zum Davonrennen! Und die Knüpfung der Währung an den Dollar hat sich Kolumbien trotz angeblicher Nähe an die USA auch verkniffen...

  2. ...für die Amerikaner.

    Die allseits gepflegte politische Bevormundung geht den Staaten Lateinamerikas auf den Senkel. Deswegen von einer "Befreiung" zu sprechen, halte ich allerdings für weit übertrieben. Zu groß sind die finanziellen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten.

    Die USA müssen endlich zu einer Diplomatie auf Augenhöhe zurück kehren. Die imperialistische Verletzung des Rechts auf Selbstbestimmung - wie abermals vorgetragen in Pakistan - treibt die Bevölkerung in den Antiamerikanismus und somit, was Pakistan betrifft, auch in den Islamismus.

  3. die Darstellung im ersten Abschnitt ist etwas fragwürdig, oder?

    Was das Ergebnis angeht: je weiter die Auszählung vorranschreitet, desto mehr nähert sich das Ergebnis der zitierten Prognose an, im Moment (bei 86% ausgezählter Stimmen) 51,2 zu 48,8%.

    Kleine Zusammenfassung mit den entsprechenden Links: http://neozech.wordpress....

  4. Ich freue mich, daß Ollanta Humala die Wahl gewonnen hat!

    Der US-Amerikaner hat (wie schon passend geschrieben) eine "Baustelle" mehr, die er mit Diversion "bearbeiten" muß.
    Momentan kommt er mit seinen "Praktiken" nicht so richtig weiter - wie man auch gut an der Rückkehr Zelayas sehen konnte (hatte die Zeit da überhaupt drüber berichtet?)

  5. 5. Humala

    Humala wird der neue Präsident Perus werden.

    Die Abhängigkeit zur USA hat sich schon seit ein Jahrzehnt deutlich gemindert. Hauptabnehmer peruanischer Exportgüter sind nämlich China und USA auf Augenhöhe. In den nächsten Jahren wird laut den Prognosen Chinas Anteil sogar noch größer werden.
    Auch die Staatsschulden gehen immer weiter zurück, sie beträgen jetzt etwas mehr als 20% des BIP.
    Nur bei der Armutsbekämpfung muss man noch viel nachholen, weshalb auch viele Menschen in Peru den Richtungswechsel gewählt haben.

    by the way: wir alle in Nord- Süd- und Mittel-Amerika sind Amerikaner!

  6. Einen Kommentar zu der Frage von hanzwurst:

    "Jetzt fehlt eigentlich nurnoch Kolumbien. Dann hat sich Südamerika eigentlich vollständig aus der Klammer der Kolonialmacht befreit, oder?"

    So einfach ist dies in der Realitaet leider nicht! Neue arrogante und diktatorische Gefahren in Latein Amerika liegen vorallen beim Comandante Hugo Chavez in Venezuela! Mann kann nur hoffen das der Comandante Ollanta Humala eher dem Beispiel von Lula in Brasilien folgt!

    Der sehr hauchduenne Sieg von Ollanta Humala zeigt auch die tiefe Spaltung des Landes auf. Die Jugend und somit die Zukunft des Landes, steht diesen sehr knappen Wahlsieg von Ollanta Omalla eher kritisch gegenueber.

    Saludos de Lima.

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    meinen Sie denn? Die Limeños oder auch die des "restlichen" Landes.

    Na klar ist das ein super schlechtes (da so knapp) Wahlergebnis, da das Land praktisch wiedereinmal in 2 Hälften zerfällt. Da ist egal, wer gewählt würde. Wäre Keiko gewählt worden hätte sich der ganze Fujimoriclan wieder ausgebreitet und wahrscheinlich wäre auch Wladi wieder freigekommen. Problematisch ist bei Ollanta auf jeden Fall, dass Militär- und Staatsmacht zusammenfällt. Selten gut fürs Volk. Sida und cancer eben wie Vargas Llosa sagte.

    meinen Sie denn? Die Limeños oder auch die des "restlichen" Landes.

    Na klar ist das ein super schlechtes (da so knapp) Wahlergebnis, da das Land praktisch wiedereinmal in 2 Hälften zerfällt. Da ist egal, wer gewählt würde. Wäre Keiko gewählt worden hätte sich der ganze Fujimoriclan wieder ausgebreitet und wahrscheinlich wäre auch Wladi wieder freigekommen. Problematisch ist bei Ollanta auf jeden Fall, dass Militär- und Staatsmacht zusammenfällt. Selten gut fürs Volk. Sida und cancer eben wie Vargas Llosa sagte.

  7. Kolumbien ist gerade auf dem besten Weg, sich zu befreien. Nämlich von 40 Jahren Bürgerkrieg. Wer die Entwicklung in den letzten zehn Jahren verfolgt hat, der würde Kolumbien alles, nur keinen Wechsel der Problemlösungsstrategien empfehlen!

    Das Rumgeheule über die "offenen Adern Lateiamerikas", in dem man sich vor allem im Selbstmitleid suhlt und sich allzu gerne fühlt wie die ausgebeutete und liegengelassene Exgeliebte à la Bolivien, Paraguay), die ewig über die ungerechten Konsequenzen des eigenen Fehlverhaltens jammert (Salpeterkrieg bzw. Tripel-Allianz-Krieg), braucht keiner. Und die Holländische Krankheit Venezuelas ist auch ein Vorbild zum Davonrennen! Und die Knüpfung der Währung an den Dollar hat sich Kolumbien trotz angeblicher Nähe an die USA auch verkniffen...

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    ...das "Israel Südamerikas" - mehr braucht man wohl nicht dazu sagen.

    Jeder Schritt, der das Imperium in Lateinamerika "bremst", ist ein Schritt in die richtige Richtung!

    ...das "Israel Südamerikas" - mehr braucht man wohl nicht dazu sagen.

    Jeder Schritt, der das Imperium in Lateinamerika "bremst", ist ein Schritt in die richtige Richtung!

  8. Ich finde nicht besonders besorgniseregend, dass nun angeblich Chávezlinie gesiegt hätte, sondern vielmehr, dass Perú die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub hatte. Keiner der beiden Kandidaten der Stichwahl repräsentiert einen Weg der Mitte: Auf der einen Seite der Fujimorismo, in Gestalt von Alberto im Knast wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auf der anderen Seite der militärisch-"nationalsozialistische" Flügel, in Gestalt von Ollantas Bruder ebenfalls inhaftiert. Beide Seiten wollen ihre "Mitstreiter" natürlich sofort rehabilitieren und die Haftstrafen aufheben.

    Wie auch in den letzten Jahren eine Wahl zwischen Kandidaten aus dem Nichts, die sich nur auf die persönliche Popularität stützen und zu Wahlen Zweckbündnisse formieren. Wo sind die traditionellen Parteien?

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