In Tunis hat ein erster Prozess gegen den im Januar gestürzten tunesischen Präsidenten Sein al-Abidin Ben Ali und seine Frau Leila Trabelsi begonnen. Die beiden Angeklagten sind dabei abwesend. Die Justiz soll darüber urteilen, ob Ben Ali mit seiner Frau Staatsvermögen veruntreute und sich so ein riesiges Vermögen angehäuft hat. Er regierte Tunesien 23 Jahre lang autoritär. Die Vorwürfe wies er von seinem Exil zurück.

Gegen Ben Ali und seine Gefolgsleute liegen insgesamt mehr als 90 Anklagepunkte vor. Zunächst konzentriert sich das Gericht auf die großen Mengen an Geld und Schmuck, die in einem Präsidentenpalast nördlich von Tunis gefunden wurden sowie auf die Entdeckung von Waffen, Drogen und archäologischen Schätzen in einer Residenz Ben Alis in Karthago. Wegen illegaler Bereicherung sowie Waffen- und Drogenbesitzes droht Ben Ali im Falle seiner Verurteilung bis zu 20 Jahre Haft. Später soll ein Militärtribunal sich mit schwerwiegenderen Vorwürfen wie Mord, Folter und Geldwäsche befassen, die zum Teil mit der Todesstrafe geahndet werden könnten.

Ben Ali und seine Frau waren am 14. Januar ins Exil in Saudi-Arabien geflüchtet. Die Behörden der tunesischen Übergangsregierung fordern seitdem die Auslieferung Ben Alis und seiner Frau. Dass die beiden im Fall einer Verurteilung ausgeliefert werden, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Der 74-jährige ehemalige Machthaber soll schwer krank sein.

Ben Ali fühlt sich mit einem Trick ins Asyl getrieben

Über seinen Anwalt Akram Asuri ließ Ben Ali verbreiten, er habe seinen Posten als Präsident nicht verlassen. Er habe auch nicht die Flucht ergriffen, sondern sein Land verlassen, um eine "brudermörderische Konfrontation" zu vermeiden. Stattdessen habe er lediglich seine Familie auf dem Flug nach Saudi-Arabien begleiten wollen und dann umgehend zurückkehren wollen. Die Piloten hätten aber seine Befehle missachtet und seien ohne ihn zurückgeflogen. Ben Ali wirft der neuen Führung vor, ihm mit diesem Trick ins Exil getrieben zu haben.

Seine Anklage sei laut Ben Ali nun der Versuch, vom Chaos abzulenken, in das Tunesien seit seinem Sturz abgerutscht sei. Zugleich äußerte er die Hoffnung, dass seine Landsleute ihm "Gerechtigkeit widerfahren" lassen. Ben Alis Anwalt verlangte nach Verlesung der Anklageschrift am Montag, das Verfahren zu vertagen, um die Verteidigung besser vorbereiten zu können. Außerdem hätten die 27 Millionen Dollar nicht in seinen Büros gelegen, und die Waffen seien Geschenke anderer Staatschefs, betonte der Anwalt.

Vor dem Gericht in Tunis skandierten etwa 50 Demonstranten Parolen gegen Ben Ali. Den Prozess bezeichneten sie als "Justizfarce". Ein Demonstrant sagte, das Gericht hätte mit dem "Wichtigsten" beginnen sollen, nämlich der Mitverantwortung Ben Alis für die Tötung von 300 Menschen im Monat vor seiner Flucht. Auf Plakaten war zu lesen: "Ben Ali ist in Saudi-Arabien, aber seine Bande ist immer noch in Tunesien" sowie "Er ist geflohen wie eine Ratte, aber der Gerechtigkeit entgeht er nicht".

Tunesien gilt als Ursprungsland des Arabischen Frühlings. Ben Ali war der erste Langzeitherrscher, der bei Protestaktionen gestürzt wurde. Bei der Revolution waren nach Zahlen der Vereinten Nationen mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Unter ihnen waren zahlreiche Demonstranten. Sicherheitskräfte sollen zum Teil gezielt auf sie geschossen haben.

Angesichts der Abwesenheit der beiden Angeklagten sieht die tunesische Opposition in dem Prozess nur eine symbolische Verfolgung der ehemaligen Staatsführung. Sie fordert Reformen im Justiz- und Sozialsystem sowie mehr Pressefreiheit, nachdem die Opposition unter Ben Ali jahrzehntelang systematisch unterdrückt wurde. Für den 23. Oktober ist in Tunesien die Wahl zu einer verfassunggebenden Versammlung angesetzt. Sie soll für das nordafrikanische Land eine moderne und demokratische Verfassung ausarbeiten.