Die niederländische Sozialdemokratie legte nach Kriegsende einen geradezu furiosen Start hin: Sozialdemokratische, liberale und christliche Strömungen hatten sich zur überkonfessionellen Partij van de Arbeid (PvdA) zusammengeschlossen, um die damals vorherrschende, konfessionell festgelegte Politikstruktur zu durchbrechen. Und 1948 stellte die junge  Partei mit Willem Drees schon den Ministerpräsidenten.

Von dieser optimistischen Aufbruchstimmung ist heute nicht mehr viel zu spüren. Zwar konnten die Sozialdemokraten einen desaströsen Absturz bei der letzten Parlamentswahl gerade noch verhindern, indem sie kurzfristig ihre Führung austauschten. Doch sie mussten dennoch in die Opposition. Zuletzt fiel die Partei in Umfragen gar hinter die niederländische Linkspartei und den Rechtspopulisten Geert Wilders zurück.


Zur ohnehin trüben Stimmung kommen Konflikte innerhalb der Partei: Die Parlamentsfraktion stimmte zuletzt für ein Verbot des rituellen Schlachtens – und löste damit massiven Widerstand an der eigenen Basis aus. Nicht zum ersten Mal kommt es zum Streit in Integrationsfragen, einem Themenbereich, der in den Niederlanden nicht erst seit den Morden an Pim Fortuyn und Theo van Gogh äußerst heikel ist. Bereits 2009, als die Parteiführung unter dem Eindruck eines erstarkten Rechtspopulismus auf einen restriktiven Integrationskurs schwenken wollte, empörten sich die eigenen Anhänger. Sie erreichten eine moderatere Erklärung, die auf die gesellschaftliche Teilhabe von Migranten abzielte.

Der große Einfluss der Mitglieder auf die Parteispitze geht auf Reformen zurück. Nach jeder verlorenen Wahl berief die Partij van de Arbeid interne Kommissionen ein. Seit den 1990er Jahren hat sich die Basis darin über die Abgehobenheit der Parteiführung beklagen können und auch darüber, dass sie die Spitzenkandidaten nicht mit auswählen durfte. Oft blieb dies wirkungslos.

Doch dass die Mitglieder heute in Personal- und Programmfragen weitreichende Einflussmöglichkeiten besitzen, geht auf Erneuerungsbewegungen der Partei während und nach der Regierungszeit von 1994 bis 2002 zurück. Die Bewegung "Niet Nix" (Mehr Als Nichts) und ein Kommissionsbericht mit dem klangvollen Namen "Unter einem geschlossenen Dach wächst kein Gras" rügten die starren innerparteilichen Strukturen. Die Mitglieder wollten nicht länger lediglich schon längst feststehende Entscheidungen abnicken.

Dieses Mal reagierte die Parteispitze offensiv: Sie bildete Arbeitsgruppen, veranstaltete offene Mitgliederabende, organisierte aufwendige Straßenwahlkämpfe, besonders in Problemvierteln – der Zentralismus in der Partei wurde damit langfristig aufgebrochen. Anstatt des Parteivorstandes sollten nun die Parteiabteilungen der Regionen vor Wahlen die Kandidatenauswahl treffen. Der Spitzenkandidat der niederländischen Sozialdemokraten sollte von den Mitgliedern gewählt werden. Auch bei strittigen inhaltlichen Fragen wie etwa der Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre wurde die Basis befragt.

Doch die neue innerparteiliche Direktdemokratie birgt auch Probleme. Aktuelle Studien, etwa die des Schweizer Politologen Hanspeter Kriesi, legen nahe, dass vor allem bildungsferne Bürger an direktdemokratischen Abstimmungen nicht mitwirken. Bei den niederländischen Sozialdemokraten stellte sich zuletzt nur ein Spitzenkandidat dem Mitgliederentscheid. Das direktdemokratische Mittel wurde damit zur Farce, denn der eigentliche Beschluss war wieder einmal viel früher in den Hinterzimmern der Partei gefallen.

Dieser neue, direkt gewählte Partei- und Fraktionschef ist der ehemalige Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen. Ein Sozialdemokrat, dem der Utrechter Soziologe Marcel van Dam zwar ernsthaftes Bemühen attestiert, er sei jedoch "kein Kämpfer, kein Verkäufer oder Inspirator". Er habe zudem kein gesellschaftspolitisches Gegenkonzept zum globalisierungskritischen und rechtspopulistischen Programm Geert Wilders.