Die Gewalt der syrischen Armee gegen die eigene Bevölkerung in der Nordprovinz Idlib hat militärische Spannungen ausgelöst. Türkische Grenzsoldaten legten ihre Kampfausrüstung an, als syrisches Militär an die Grenze vorrückte, berichteten Augenzeugen. Die Armeen stehen sich in Sichtweite gegenüber.

Syrische Truppen waren am Donnerstag in das Dorf Chirbet al-Dschoos vorgestoßen, das nur einige hundert Meter von der Grenze zur Türkei entfernt liegt. Dort hatten Hunderte Syrer unter freiem Himmel campiert. Sie waren durch frühere Razzien der syrischen Sicherheitskräfte aus ihren Städten und Dörfern vertrieben worden. Polizei und Geheimdienst machen in der Provinz Idlib Jagd auf mutmaßliche Aufständische und Regimegegner.

Ein syrischer Aktivist berichtete, was er von Flüchtlingen erfahren hatte. In Chirbet al-Dschoos seien 14 ältere Menschen, die nicht flüchten wollten oder konnten, festgenommen worden. Auf den Dächern der Häuser seien Heckenschützen postiert. Das syrische Staatsfernsehen zeigte dagegen Bilder von angeblichen Rückkehrern, die sich in ihren Behausungen einrichteten.

Am Donnerstag erreichten 1.600 neue Flüchtlinge die Lager im türkischen Grenzgebiet. Damit sind nun mehr als 11.700 Menschen vor der Gewalt in Syrien in die benachbarte Türkei geflüchtet.

Nach dem Mittagsgebet demonstrierten heute wieder in ganz Syrien Zehntausende Menschen gegen das Assad-Regime. In einigen Orten schossen die Sicherheitskräfte auf die friedlich demonstrierende Menge. In der nördlichen Großstadt Homs starben dabei drei Menschen, in den Vorstädten von Damaskus sechs Menschen, berichteten Aktivisten.

US-Außenministerin Hillary Clinton warnte angesichts dieser Entwicklungen vor einer Ausweitung der Krise. Die Gefahr potenzieller Grenzzwischenfälle steige, "wenn die syrischen Truppen nicht sofort ihre Angriffe und Provokationen einstellen", sagte Clinton. "Diese aggressive Aktion wird nur die ohnehin instabile Lage der Flüchtlinge in Syrien weiter verschlimmern."

Die Staats- und Regierungschefs der EU verurteilten die "unannehmbare und schockierende Gewalt" der syrischen Regierung von Präsident Assad gegen die eigenen Bürger. Auf dem Gipfeltreffen verschärfte die EU die Sanktionen gegen das syrische Regime.

In Syrien demonstrieren seit mehr als drei Monaten Hunderttausende Bürger für politische Reformen und für einen Regimewechsel. Die Führung in Damaskus entzog sich den Forderungen mit vagen Versprechungen und ließ ihre Sicherheitskräfte mit Schusswaffen auf die Demonstranten losgehen. 1.300 Protestierende und 300 Armee- und Polizeiangehörige kamen nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten bisher ums Leben.