Julia Timoschenko vor dem Büro der Staatsanwaltschaft in Kiew © GENYA SAVILOV/AFP/Getty Images

Trotz Regen sind wieder Hunderte in die Kiewer Innenstadt gekommen. Vor dem Bezirksgericht Petschersk schwenken sie Fahnen und singen enthusiastisch Julia-Lieder. Es sind Unterstützer der ehemaligen ukrainischen Regierungschefin Julia Timoschenko, der nun der Prozess gemacht wird. Selten zuvor wurde ein Gerichtsverfahren in der Ukraine mit so viel medialem und öffentlichem Interesse verfolgt. An ihm lässt sich gut der Zustand der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im Land ablesen.

Timoschenko ist wegen Amtsmissbrauchs in drei Punkten angeklagt. Zum einen soll sie ihre Kompetenzen überschritten haben, indem sie 2009 als Ministerpräsidentin Gaslieferverträge unterschrieb, für die sie die Zustimmung des ganzen Kabinetts benötigt hätte. Damit soll sie dem Land einen finanziellen Schaden von 150 Millionen Euro zugefügt haben. Außerdem soll sie von 2007 bis 2010 mehr als 200 Millionen Euro aus dem Verkauf von CO2-Emissionszertifikaten zweckentfremdet haben, um damit Löcher in der Rentenkasse zu stopfen. Und: Sie soll 1.000 Rettungswagen zu überhöhten Preisen gekauft haben.

Am vergangenen Freitag hatte der Prozess mit Tumulten begonnen, an diesem Mittwoch war das Schauspiel vor Gericht schnell wieder vorbei. Man vertagte sich wegen "Verfahrensfehlern" auf nächste Woche. Es könnte Monate dauern, bis ein Urteil gesprochen ist.

Timoschenko ist ein Medienprofi. Sie versteht es, sich öffentlichkeitswirksam zu inszenieren. Sie weiß, dass öffentliche Aufmerksamkeit ihre einzige Chance ist, das Verfahren zu ihren Gunsten zu entscheiden. Auf die Unabhängigkeit des Gerichts kann sie nicht vertrauen. Ukrainische Richter gelten als korrupt. Oft genug urteilen sie nach Preis, nicht nach Recht. Timoschenko selbst spricht von einem "Schauprozess".

Tatsächlich gibt es einige Anzeichen dafür, dass das Verfahren politisch motiviert ist. Timoschenko führt die größte Oppositionspartei im Land an, bei der Präsidentenwahl im Februar 2010 unterlag sie ihrem politischen Erzfeind Wiktor Janukowitsch nur knapp. Das Gerichtsverfahren könnte ihre politische Karriere nun beenden, im Falle einer Verurteilung stünden ihr bis zu zehn Jahre Haft bevor.

Selbst wenn sie mit einer Bewährungsstrafe davon käme, dürfte sie für die kommenden zehn Jahre keine weiteren politischen Ämter mehr übernehmen. Bei der Parlamentswahl 2012 und der Präsidentenwahl drei Jahre später könnte sie nicht kandidieren. Weite Teile der zerstrittenen Opposition wären damit führungslos.