Als er Essam Scharaf zum ersten Mal sprechen hörte, hatte Ahmed Tränen in den Augen. Der junge Ägypter stand auf dem Tahrir-Platz in Kairo, und zu der Menge sprach ein Mann, der gerade zum neuen Ministerpräsidenten des Landes ernannt worden war. Essam Scharaf hieß der Mann, und er klang wie einer von ihnen. Einer, der sagte, er erhalte seine Legitimität nur vom Volk. Viele der jungen Aktivisten konnten ihr Glück kaum fassen.

Das war Anfang März. Am vergangenen Montag ist Essam Scharaf zusammengebrochen. Einen Schlaganfall habe er erlitten, hieß es zunächst, dann beeilten sich Sprecher, den Zusammenbruch als Schwächeanfall wegen Kreislaufproblemen zu bezeichnen. Der Ministerpräsident sei erschöpft. Mittlerweile soll er wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden sein.

Essam Scharaf hat allen Grund, erschöpft zu sein. Seit seinem Amtsantritt wird er aufgerieben zwischen den Anliegen der revolutionären Jugend und der alles beherrschenden Macht des Militärrats. 

Früh hatte sich Scharaf den Protesten angeschlossen. Er war mit den jungen Leuten auf der Straße, auf dem Tahrir-Platz. Man kannte ihn, war er doch vor Jahren Verkehrsminister unter Hosni Mubarak gewesen. Warum er 2005 abtreten musste, ist sein Geheimnis. Es gibt verschiedene Gerüchte und sie beinhalten alle eine handfeste Auseinandersetzung mit Mubarak. Perfekte Voraussetzungen also dafür, dass ihm die Vertreter der Demokratiebewegung trotz seiner Verbindungen zum Establishment das Vertrauen schenkten.

Ein Revolutionär als Ministerpräsident?

"Am Anfang dachte ich, er ist einer von uns und macht alles, was wir wollen", sagt einer der Protestler. Doch mussten er und seine Mitstreiter miterleben, dass Scharaf nicht einmal über die Besetzung der Ministerposten entscheiden durfte: Vor wenigen Tagen stellte der Ministerpräsident ein neues Kabinett vor, das viele Minister im Amt belässt. Die Zeitung Al-Ahram meldet, der vorherige Außenminister werde womöglich wieder eingesetzt. Es lief, wie schon so oft in den vergangenen Monaten: Scharaf versprach Veränderungen, deren Realisierung er nicht garantieren konnte.

Sein neues Kabinett sollte wirkliche Reformen ermöglichen. "Ich verstehe euren Wunsch nach schneller Veränderung und versichere euch, dass ich mich sehr anstrenge, um eure Anforderungen zu erfüllen", richtet er sich auf seiner Facebook-Seite an die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. Dass aber die Hälfte der Minister nicht ausgetauscht werden sollte, darunter ausgerechnet der Justizminister Abdel Asis al-Gindi und der Innenminister Mansur al-Essawi, machte die Demonstranten zornig. Gelten sie doch als mitverantwortlich dafür, dass die Verurteilung der mächtigen Figuren des Ex-Regimes so schleppend vorangeht und eine Reform des Sicherheitsapparats bislang ausblieb.