Nach den spektakulären Volkstriumphen in Tunesien und Ägypten wird die Orientierung im Arabischen Frühling schwieriger, die revolutionäre Fahrt ist ins Stocken geraten. Sechs Monate nach der Flucht des tunesischen Diktators Ben Ali zweifeln Millionen junger Menschen in Tunis und Kairo an ihrer neuen Zukunft, während sich die verbliebenen Potentaten der Region immer erbitterter gegen ihren Sturz wehren. In Libyen herrscht Bürgerkrieg, in Syrien Staatsterror und im Jemen Staatszerfall. Umbruch in Nahost – eine erste Bilanz nach sechs Monaten.

Ägypten

Die Zelte stehen zum zweiten Mal, die Demokratiebewegung macht mobil. Tausende campieren wieder auf dem Tahrir-Platz in Kairo , dem Epizentrum des 18-tägigen Volksaufstandes gegen Hosni Mubarak. Nervosität und Frustration im Land wachsen, die Wirtschaft kommt nicht auf die Beine und die Kriminalität grassiert. Und immer mehr Menschen zweifeln, ob der herrschende Militärrat es wirklich ernst meint mit dem Weg in die Demokratie und der Zerschlagung des alten Regimes. "Wir haben Mubarak davongejagt und Tantawi bekommen", klagen sie über den 75-jährigen General an der Staatsspitze und werfen ihm vor, die Aufarbeitung der Diktatur zu blockieren. "Wir wollen ein wirkliches Aufräumen, ernsthafte Strafverfahren und eine demokratische Regierung", meint die junge Ärztin Weam Naher, die der "Koalition der revolutionären Jugend" angehört, dem Dachverband der jungen Reformer. "Von einem echten Wandel haben wir bisher noch nichts gemerkt", sagt die 30-Jährige.

Vor allem die schleppenden Gerichtsverfahren gegen schießwütige Polizisten und ihre Vorgesetzten, die 850 Tote und Tausende Verwundete auf dem Gewissen haben, bringen sie und ihre Mitstreiter auf die Barrikaden. Der Prozess gegen den damals verantwortlichen Innenminister Habib el-Adly wird seit April unter fadenscheinigen Vorwänden verschleppt. In Suez setzte das Gericht letzte Woche alle 14 angeklagten Polizeioffiziere gegen geringe Kautionen auf freien Fuß und verschob ihr Verfahren auf Mitte September. Empörte Angehörige steckten daraufhin Polizeiautos und Regierungsgebäude in Brand. Und ob der Mordprozess gegen den gestürzten Staatschef Mubarak am 3. August tatsächlich eröffnet wird, steht in den Sternen. Um die Gemüter zu beruhigen, forderte Premierminister Essam Sharaf die Justiz jetzt per Fernsehansprache auf, die Prozesse zügig durchzuziehen.

Gleichzeitig empfinden viele Bürger die für Ende September angesetzten Parlamentswahlen als zu früh . Praktisch keine der neuen Parteien ist in der Lage, bis dahin im ganzen Land präsent zu sein. Einzig die Muslimbruderschaft und Mubaraks alte Seilschaften haben ihre politischen Bataillone gut organisiert. Und so fürchtet die Demokratiebewegung, diese beiden etablierten politischen Lager könnten das neue Parlament von Anfang an dominieren und die Hauptlinien der neuen Verfassung unter sich ausmachen. Sie fordert darum, den Spieß umzudrehen. Zunächst soll mit einem Grundgesetz das Fundament für Ägyptens Demokratie gelegt und danach erst Volksvertretung plus Präsident bestimmt werden.

Aber nicht nur auf dem Tahrir-Platz, an allen Ecken und Cafés der Nil-Metropole wird diskutiert – über soziale Gerechtigkeit und faire Löhne, über Toleranz und Religionsfreiheit, über Islam und Politik. Die Angst ist weg, jeder kann den Mund aufmachen, die Debatten überschlagen sich. Und trotz aller Zweifel, die Mehrheit schaut optimistischer in die Zukunft als unter Mubarak – das jedenfalls hat eine repräsentative Umfrage des Abu Dhabi Gallup Zentrums ermittelt. "Ägypter sind nun stärker motiviert, sich für ihr Land einzusetzen", heißt es in dem Fazit der Meinungsforscher.