Umweltschützer sprechen von einem Desaster. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres ist im brasilianischen Amazonasgebiet eine Waldfläche von 900 Quadratkilometern abgeholzt worden – das entspricht der Größe Berlins. Dort grasen nun Rinder, oder es wachsen Soja- und Zuckerrohrpflanzen auf endlosen Feldern. Im Vergleich zu 2010 hat sich die Einschlagsrate in Amazonien damit mehr als verdoppelt, nachdem sie seit 2004 stetig gesunken war. Die Fläche der geschädigten (noch nicht gerodeten) Flächen liegt um ein Vielfaches höher.

Anstatt den Raubbau jedoch zu bremsen, bedient Brasiliens Politik die Interessen der Agrarindustrie. Erst kürzlich hat das Abgeordnetenhaus ein neues Waldgesetz mit 410 zu 63 Stimmen verabschiedet, das Rodungen weiter vereinfacht. Dahinter steckt das Ziel, die USA als größten Lebensmittelexporteur der Welt zu überholen. Seit 2001 ist die Agrarfläche Brasiliens um 21 Prozent ausgeweitet worden. Die Menge des produzierten Getreides ist seit den 1970er Jahre von 20 Millionen Tonnen auf 160 Millionen jährlich gestiegen. Weil die Bauern Produktionssteigerungen aber nicht mit höheren Erträgen pro Hektar erzielen, verlangen sie ständig nach neuen Böden. In einem Land, das fast 25 Mal so groß wie Deutschland ist, scheint es davon genug zu geben.

In diesem Zusammenhang ist das neue Waldgesetz zu sehen: Waren die Großgrundbesitzer in den bewaldeten Gebieten Amazoniens bisher verpflichtet, 80 Prozent des natürlichen Baumbestandes zu erhalten, wird diese Fläche auf 50 Prozent verkleinert. Farmen bis 440 Hektar fallen aus den Bestimmungen heraus, dürfen also komplett gerodet werden. Der Schutzgürtel entlang von Flüssen wird von 30 Meter auf 15 Meter halbiert. Im größten Flusseinzugsgebiet der Welt würden dadurch verstärkt Pestizide und Erdreich in die Wasserläufe geschwemmt. Hinzu kommt, dass illegalen Kahlschlägern eine Amnestie versprochen wird.

Zwar hat das neue Waldgesetz noch nicht den Senat passiert, und Präsidentin Dilma Rousseff hat ihr Veto gegen die Amnestie angekündigt. Doch es scheint, als ob Brasilien, euphorisiert vom Aufstieg zur fünftgrößten Wirtschaftsmacht der Welt, stärker denn je auf ein Entwicklungsmodell setzt, in dem für Umweltbelange kein Platz ist.

Dem Bau eines gigantischen Wasserkraftwerks am Fluss Xingu hat die brasilianische Regierung trotz zahlreicher Klagen und Bedenken von Wissenschaftlern bereits zugestimmt. Der 17 Milliarden Dollar teure Staudamm, an dessen Bau auch deutsche Firmen beteiligt sind, wäre der drittgrößte der Welt: Mehr als 500 Quadratkilometer Regenwald würden überflutet und das indigene Volk der Kajapó vertrieben.