Im Hauptquartier der islamistischen En-Nahda-Bewegung in Tunis © FETHI BELAID/AFP/Getty Images

Der Westen unterstützt Demokratie und freie Wahlen – aber nur, solange die Richtigen gewählt werden: so denken noch immer viele Menschen zwischen Rabat und Riad. Das "D-Wort" ist in der arabischen Welt zum Reizwort, zum Inbegriff westlicher Doppelmoral geworden. Spätestens seit die radikal-islamische Hamas im Januar 2006 die Parlamentswahlen in den Palästinensischen Autonomiegebieten gewonnen hat und binnen weniger Tage von Europäern und Amerikanern mit einem Boykott belegt wurde, hat westliche Demokratieförderung im Nahen Osten einen bitteren Beigeschmack: den des double standard, des Mit-zweierlei-Maß-Messens.

Doch mit dem arabischen Frühling hat der Westen eine zweite Chance bekommen. Denn jetzt, da Diktaturen gestürzt und neue Systeme im Entstehen sind, können Europäer und Amerikaner unter Beweis stellen, dass es ihnen wirklich ernst ist mit der Demokratie in der arabischen Welt. Dazu gehört vor allem diejenigen politischen Kräfte anzuerkennen, denen es gelingt, unter Einhaltung der demokratischen Spielregeln Mehrheiten zu organisieren und Wahlen zu gewinnen – auch wenn es sich dabei um die Muslimbrüder oder andere islamistische Parteien handelt.

Hinzu kommt, dass eine Boykottpolitik nur allzu oft ins Leere läuft, wie das Beispiel der im Gaza-Streifen regierenden Hamas zeigt. Denn auch der fortgesetzte westliche Boykott konnte die Hamas nicht dazu bewegen, die 2006 vom Nahost-Quartett aufgestellten Kriterien, darunter die Anerkennung des Existenzrecht Israels sowie aller bereits geschlossenen Verträge und der Verzicht auf Terror und Gewalt, zu erfüllen.

Eines hat der arabische Frühling sehr deutlich gemacht: westliche Politik in Nordafrika und im Nahen Osten muss die öffentliche Meinung der Länder mit einbeziehen. Fragt sich nur, wer oder was das ist. Diese mit den islamistischen Parteien gleichzusetzen, wäre nicht nur eine grobe Vereinfachung, sondern falsch. Denn die Massendemonstrationen auf dem Kairoer Tahrir-Platz, in Tunis und in anderen arabischen Städten, die längst zum Symbol für das Aufbegehren der "arabischen Straße" gegen den erdrückenden Status-quo avanciert sind, gingen nicht von den islamistischen Parteien, sondern von einer mit ihren Machthabern unzufriedenen Jugend aus.

Richtig ist gleichwohl, dass die Muslimbrüder in Ägypten und deren tunesischer Zweig, die En-Nahda-Bewegung, sehr schnell das Potenzial der Proteste erkannt und für sich genutzt haben. Heute zählen sie zu den Gewinnern des arabischen Frühlings. Von den anciens régimes über Jahrzehnte unterdrückt und verfolgt, stehen sie nun in den Startlöchern, um in die Parlamente in Kairo und Tunis einzuziehen.

Und anders als die säkularen Parteien, die sich erst allmählich formieren und um die Wählergunst buhlen müssen, verfügen die islamistischen Parteien über straffe, gut organisierte Strukturen und weit verzweigte Netzwerke – zwei Trümpfe, die sie in den bevorstehenden Wahlkämpfen mit Sicherheit ausspielen werden. Gewiss: die islamistischen Parteien sind nicht identisch mit der öffentlichen Meinung dieser Länder, aber sie sind in der Lage, ein Gutteil davon für ihre Ziele zu mobilisieren.