JapanDie Sorgen der Landwirte von Fukushima

Vor der Atomkatastrophe belieferte die Präfektur Fukushima ganz Japan mit Reis und Rind. Nun macht sie Schlagzeilen wegen verseuchten Essens. Die Regierung ist ratlos. von Sonja Blaschke

Ein Landwirt in der Nähe von Fukushima misst Strahlung mit einem Geigerzähler.

Ein Landwirt in der Nähe von Fukushima misst Strahlung mit einem Geigerzähler.  |  © YOSHIKAZU TSUNO/AFP/Getty Images

Beherzt greift die etwa 40-jährige Japanerin zu den Kirschen in einem kleinen Discount-Supermarkt in einem Tokioter Vorort. Jetzt steht auf der Verkaufsfläche nur noch eine einzige Packung mit den zartroten Früchten – aus der Präfektur Fukushima. Das andere Obst und Gemüse im Laden kommt aus Ibaragi, Tochigi und Chiba. All das sind Präfekturen im nahen Umkreis des beschädigten Atomkraftwerkes in Fukushima Daiichi. Bei den Nahrungsmittelprodukten aus dieser Region wurden zuletzt häufiger zu hohe Radioaktivitätswerte gemessen.

Außer Avocados aus Mexiko, Kiwis aus Neuseeland oder Okra-Schoten aus Shikoku (Westjapan) gibt es kaum Obst und Gemüse in den Regalen des Billigsupermarkts, das nicht aus den betroffenen Regionen stammt. In einem etwas schickeren Supermarkt im gleichen Ort hingegen kommt der größte Teil der Vitamin-Versorgung aus dem Norden Japans oder aus dem Westen. Es handelt sich offenbar um eine Frage des Einkommens, ob man in Japan derzeit auf Nahrungsmittel aus Fukushima verzichten kann.

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Die Bauern aus Fukushima verzweifeln

Um überhaupt noch etwas verkaufen zu können, müssen die Bauern aus der Präfektur Fukushima die Preise deutlich senken. "In so einem Fall können sie von Tepco eine Entschädigung verlangen", sagte Herr Sato von der Präfekturverwaltung. Tepco, die Betreiberfirma des beschädigten AKWs, habe bis Mitte Juli bereits Schadensersatz in Höhe von rund 60 Milliarden Yen (533 Millionen Euro) gezahlt, hieß es von Tepcos PR-Abteilung auf Anfrage. Der Großteil ging an Evakuierte und 2,4 Milliarden Yen an Landwirtschafts- und Forstbetriebe. Doch der Antrag ist zeitaufwändig und das erstattete Geld kann über die Zukunftssorgen nicht hinweg trösten.

Fukushima – vor der Atomkatastrophe war das eine der fruchtbarsten Regionen des Landes. Letztes Jahr stand Fukushima an zweiter Stelle bei der Produktion von Pfirsichen (20 Prozent) und grünen Bohnen (10,3 Prozent), an dritter Stelle bei Gurken (8,5 Prozent) und japanischen Nashi-Birnen (8,1 Prozent) und an vierter Stelle beim Reisanbau mit 5,1 Prozent.

Die Produkte seien nach wie vor "sicher und frisch", schreibt der Gouverneur von Fukushima Yuhei Sato auf der Website. Es folgt eine Liste an sicheren Produkten. Aber auch eine ganze Reihe an Ausnahmen ist aufgelistet, darunter sämtliche Produkte aus den Städten Minamisoma und Tamura. Minamisoma geriet kürzlich in die Schlagzeilen, weil von hier verseuchtes Rindfleisch kam, das bereits ausgeliefert und verarbeitet wurde. Schuld waren radioaktiv belastete Heuballen. Viele Verbraucher fragen sich: Warum erst jetzt, und was kommt als nächstes heraus?

Wie beim Obst und Gemüse sinken die Preise für Rindfleisch – kämpferischen Slogans in den Medien wie "Fight! Fukushima!" (Kämpfe Fukushima!) zum Trotz. Nicht nur Rind aus Fukushima ist betroffen, sondern auch aus anderen Landesteilen. Die Regierung kündigte am Dienstag an, verseuchtes Fleisch von derzeit rund 3.000 Tieren zu kaufen und zu verbrennen.

Sie will damit das Vertrauen der Verbraucher wiederherstellen, und sie reagiert auf die immer lauter werdenden Hilferufe der Bauern: "Wenn der Staat und Tepco uns nicht helfen, können wir unseren Lebensunterhalt nicht mehr verdienen", sagte ein verzweifelter Bauer kürzlich im japanischen Fernsehen. Ein anderer gab unter Tränen seinen Hof auf: "Die Krise wird hier noch fünf, zehn Jahre oder länger dauern", sagte er.

Leserkommentare
  1. Eine absolut saubere und sichere Technologie, um Strom zu niedrigen Preisen zu produzieren.

    Zumindest so lange, wie die Produktionsmittel da bleiben, wo sie hingehören.

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    Es gibt ohne Explosion und Katastrophe genügend Probleme für die nächsten 100.000 Jahre. Denn der radioaktive Müll will ja sicher gelagert werden. Das Kapitel kommt ja noch...

    Atomstrom ist nicht günstig. Die Endlagerung wird lediglich nach wie vor nicht in den Strompreis eingerechnet, weil der Steuerzahler (WIR) die Endlager komplett alleine bezahlt und die Stromkonzerne damit nicht belastet werden!

    Legt man die Kosten für Exploration, Ausbau, Sicherung, Unterhalt und Überwachung der Endlager auf den Strompreis um, wars das mit günstig.

  2. Hoffentlich passiert das nicht auch mal hier - aber bei soviel Atomkraftwerken in Deutschland (noch) und seinen Nachbarn (noch länger?), sehe ich das auch noch auf uns zu kommen. Die EU sollte den Ausstieg europaweit und schnellstens herbeiführen....

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  3. Es gibt ohne Explosion und Katastrophe genügend Probleme für die nächsten 100.000 Jahre. Denn der radioaktive Müll will ja sicher gelagert werden. Das Kapitel kommt ja noch...

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    Das sich die Leute nie auch nur einen Funken Gedanken über den restlichen Dreck machen den unsere Gesellschaft so produziert. Wir reden von 60.000 Tonnen Atommüll in 40 Jahren, aber wir produzieren jedes Jahr viel mehr als 60.000t chemotoxischen Müll der genauso verschwinden muss und genauso giftig ist. Bitte lesen sie doch das hier mal durch oder hören es sich an: http://www.dradio.de/dlf/...
    Dieser Müll wird auch in 100.000 Jahren nicht zerfallen sein und er ist außerdem zum größten Teil leicht wasserlöslich. Da landen dann auch die Filter aus Müllverbrennungsanlagen und Kohlekraftwerken.
    Das Müll-Argument bei AKWs ist im Endeffekt ein ziemlicher Witz und es gibt bis heute kein Endlager, weil es von Grünen und Atomkraftgegner mit bigotten Argumenten verhindert wurde.
    Haben Sie sich eigentlich mal die Frage gestellt was aus einer Solarzellenfabrik so alles außer Solarzellen rauskommt?

  4. Atomstrom ist nicht günstig. Die Endlagerung wird lediglich nach wie vor nicht in den Strompreis eingerechnet, weil der Steuerzahler (WIR) die Endlager komplett alleine bezahlt und die Stromkonzerne damit nicht belastet werden!

    Legt man die Kosten für Exploration, Ausbau, Sicherung, Unterhalt und Überwachung der Endlager auf den Strompreis um, wars das mit günstig.

    8 Leserempfehlungen
    • carol
    • 29. Juli 2011 13:48 Uhr

    wenn man das so liest, dann sind die kosten doch erheblich. selbst wenn Atomkraftwerke wirklich wichtig sind, so rechtfertigen GAUs nicht deren bau.

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  5. Ist das jetzt eine so große Überraschung???

    Für Physikerin Angela Merkel ist auch das wahrscheinlich nicht vorstellbar gewesen.

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  6. Das sich die Leute nie auch nur einen Funken Gedanken über den restlichen Dreck machen den unsere Gesellschaft so produziert. Wir reden von 60.000 Tonnen Atommüll in 40 Jahren, aber wir produzieren jedes Jahr viel mehr als 60.000t chemotoxischen Müll der genauso verschwinden muss und genauso giftig ist. Bitte lesen sie doch das hier mal durch oder hören es sich an: http://www.dradio.de/dlf/...
    Dieser Müll wird auch in 100.000 Jahren nicht zerfallen sein und er ist außerdem zum größten Teil leicht wasserlöslich. Da landen dann auch die Filter aus Müllverbrennungsanlagen und Kohlekraftwerken.
    Das Müll-Argument bei AKWs ist im Endeffekt ein ziemlicher Witz und es gibt bis heute kein Endlager, weil es von Grünen und Atomkraftgegner mit bigotten Argumenten verhindert wurde.
    Haben Sie sich eigentlich mal die Frage gestellt was aus einer Solarzellenfabrik so alles außer Solarzellen rauskommt?

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    zu 7
    nein, wie auch. Nicht jede-r ist wissensmäßig so hoch ausgerüstet, dass er-sie alles verstehen kann.

    Darum sind ja die ehrlichen Informationen der Regierung so wichtig.

    Wenn die aber lieber durch PR und Gewinnstreben tatsächliche Fakten verschleiern oder gar Gegenteiliges behaupten, sieht es einfach schlimm aus.

    Wie die Bauern in Fukushima, die nicht wußten wie sie mit dem Stroh für die Tiere am besten umgehen sollen.

    Darum brauchen wir - Information - die außerhalb der Politik weitergegeben werden.

    Wäre also mal schön gewesen, von Ihnen zu hören, was alles so aus Solarzellen herauskommt.

  7. nun ja streng genommen ist so etwas nur in abgemilderter Form schon hier in Deutschland geschehen. Die radioaktive Wolke aus Tschernobyl hat weite Teile Bayerns radioaktiv verstrahlt. Die Dosis ist zum Glück nicht so stark, doch bis heute sind Pilze wie Maronenröhrlinge teilweise noch mit 5000 Bequerel belastet und Wildtiere wie Wildschweine sogar noch stärker. Seit der Katastrophe sind auch schon über 20 Jahre vergangen und die Intensität nimmt stetig ab.
    Es wird aber noch ca. 250 Jahre brauchen bis in Bayern wieder Normalwerte herrschen.
    Mich wundert nur das das Abtragen des Bodens in Fukushima scheinbar keine Besserung bringt, was ja heissen muss, das die radioaktiven Partikel schon tiefer ins Erdreich eingedrungen sind als erwartet oder was noch schlimmer wäre: Immer noch Fallout aus den Reaktoren auf die Felder niederregnet.

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  • Schlagworte Japan | AKW | Obst | Schadensersatz | Yen | Fukushima
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