Zivildienst oder Bundeswehr? Als einer der Letzten stand ich vergangenen Sommer vor der Wahl. Entschieden haben ich mich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in China, als Zivildienstersatz.

In der chinesischen Stadt Kunming arbeite ich in einer Projektstelle von World Vision, die sich um Waisen- und Straßenkinder kümmert. Hier begleite und gestalte ich das Leben von 6- bis 16-Jährigen, die den Aufschwung ihres Landes nur daran merken, dass die Zahl deutscher Luxuswagen und neuer Glaspaläste um sie herum ständig zunimmt. Die Kinder sind überrascht, dass ein "Weißer", wie ich, mit ihnen durch die Straßen zieht, Pfandflaschen sammelt und Ausflüge mit ihnen unternimmt. Auch viele erwachsene Chinesen staunen und habe für meine Arbeit wenig Verständnis. Diese Kinder sind Opfer des wirtschaftlichen Aufstiegs und einer teils rücksichtslosen Politik, verantwortlich für sie fühlen sich die meisten Chinesen nicht.

In wenigen Jahren wird China die größte Volkswirtschaft sein – und sein Aufstieg wird mit dem Niedergang der westlichen Hegemonie assoziiert. Dabei wissen wir wenig über die uns so fremde chinesische Kultur. Ich bin nach China gegangen, weil ich meine eigenen Erfahrungen dort machen wollte. Angesichts der Nachrichten über das Reich der Mitte hatte ich früher oft ein beängstigendes Gefühl. Und gleichzeitig reizte mich diese gesellschaftliche und politische Alternative zu unserer westlichen Welt. Das hat mich bewogen, in eine völlig andere Gesellschaft wirklich einzutauchen.

Das Zusammensein mit den Kindern gewährt mir viele Einsichten in die chinesische Kultur. Die Vorstellung, dass die chinesische Gesellschaft der westlichen immer ähnlicher wird und vor allem nach Wohlstand strebt, greift zu kurz. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, dass die alten konfuzianischen Tugenden wie Menschlichkeit, Güte und Respekt selbst bei den heutigen Straßen- und Waisenkindern zu finden sind.

Und gleichzeitig interessieren sich die Chinesen sehr für unsere Kultur: Die Kinder fragen mich jeden Tag über das Leben im Westen aus. Dieses Interesse sollten wir nutzen, um den Kulturaustausch zwischen Europa und China zu fördern. So hat der Westen eine Chance, das fremde Land mit seiner Kultur besser zu verstehen. Wir dürfen dabei ruhig kritisch sein. Aber wir sollten unsere Ängste im Zaum halten und unser oft überhebliches und arrogantes Auftreten ablegen.