Verfassungsreform: Die marokkanische Farce
Die Staatspropaganda feiert die Volksabstimmung in Marokko als "Ja zur Demokratie". In Wahrheit bleibt der Absolutismus bestehen.
© REUTERS/Stringer

Marokkos König Mohammed VI. bei der Stimmabgabe in Rabat.
Am Freitagabend um halb sieben ist es immer noch feuchtheiß in Rabat, der Hauptstadt Marokkos. Zu Tausenden flanieren die Bürgersleute über den großen Boulevard in der Stadtmitte, auf der Avenue Mohamed V, die sich zu einer von Palmen gesäumten Prachtallee erweitert, dort, wo sich das Parlamentsgebäude befindet. Vor wenigen Monaten noch lag hier der Schauplatz von
Demonstrationen und Sit-Ins
, heute ist nur noch eine Gruppe ehemaliger Kriegsgefangener übrig, die mit Spruchbändern ihre Renten einfordert. Die im Land weit verbreitete Armut wird ansonsten noch in der Form einiger elender Bettler sichtbar, die das Bild des behäbigen Wohlstands etwas stören.
Niemand aber käme auf die Idee, dass dies ein besonderer Tag sein könnte.
Dabei hatten die Freitagspredigten in den Moscheen verkündet, es sei die Pflicht jedes Rechtgläubigen, das Abstimmungsbüro aufzusuchen und mit "Ja" zu stimmen: Ja zum Verfassungsreferendum, das der König unterbreitet hatte. Um nachzuhelfen, hatten viele Verwaltungen, Staatsunternehmen und Firmen der königlichen Familie ihren Mitarbeitern sogar freigegeben. Und seit Tagen prasselte die Propaganda auf die Marokkaner ein: Abstimmen gehen, für den König, für Marokko, für das Referendum!
Gleichwohl, in dem zum Stimmbüro umfunktionierten Schulkomplex von Océane zum Beispiel, einem Unterschichtsviertel in Rabat, war nicht viel los. Die Anzahl der Aufpasser blieb höher als die der erschienenen Wahlbürger. Schon am Vormittag stiegen die Temperaturen dermaßen an, dass die Uniformierten es vorzogen, sich im Schatten niederzulassen; hier zumindest wurden ausländische Besucher nicht behelligt, zuweilen noch nicht einmal nach ihrer Akkreditierung befragt. Gerne gaben die ab und zu auftauchenden Bürger Auskunft: Sie erfüllten ihre muslimische und marokkanische Pflicht, "den König zu unterstützen". Einer rühmte Marokko für seine Demokratie und den Monarchen.
Demokratie? Der marokkanischen Außenpropaganda gelingt es immer wieder, das Image des Königs Mohammed VI. als Reformer aufzupolieren. Schaut man sich indessen an,
was da zur Abstimmung stand
, so handelt es sich um eine eindeutig absolutistische Verfassung. Nichts geht gegen den König, außerdem bleibt er allein zuständig für die innere und äußere Sicherheit. "Das müssen sie verstehen", sagt ein hoher Staatsfunktionär. "Damit die Demokratie Fortschritte machen kann, müssen die beiden wichtigsten Domänen vom König gesichert werden: die Religion und die Armee." Die "Fortschritte" belaufen sich darauf, dass der König seinen Premierminister auch einmal an der langen Leine laufen lassen kann, wenn es ihm behagt.
Der König bleibt der "Führer aller Gläubigen", worauf Mohammed VI. auch in seiner Rede vom 17. Juni hinwies, als er das "Verfassungsprojekt" ankündigte: Den "Weg Gottes" gehe er damit – was im Umkehrschluss bedeutet, dass die Gegner des Projekts den gegenteiligen Weg eingeschlagen hätten. Um es ihnen nicht allzu leicht zu machen, ließ man dem Volk nur wenige Tage Zeit, sich mit den 107 Verfassungsartikeln zu befassen, außerdem wurden unliebsame Diskussions- und Protestveranstaltungen gestört oder gar unterbunden. Am Wahltag selbst kam es dann nach Angaben von Beobachtern mehrmals zu Unregelmäßigkeiten in den Stimmbüros.
Am Samstagmorgen hieß es, 72,65 Prozent der 13 Millionen Stimmbürger hätten an dem Referendum teilgenommen, und es seien 98,49 Prozent Ja-Stimmen gewesen. Man fragt sich, ob so ein Ergebnis überhaupt bewertet werden kann. Denn niemand ist imstande zu sagen, wie es erzielt wurde: durch Nachzählen? Oder durch Nachdenken darüber, was nicht als schamlose Lüge betrachtet werden würde? Oder durch unbekümmertes Lügen? In allen Fällen würde das Resultat besagen, dass sich das Königshaus noch immer recht sicher fühlen dürfte.
Die Anschlussfrage lautet freilich, ob es dem Regime damit gelungen ist, die sich bis nach Marokko ausbreitende Demokratiewelle im arabophonen Raum zu brechen. Noch ist Mohammed VI. beliebt; er ist das Symbol des Glaubens und des Staates. Die auch in Marokko aktive Jugendbewegung, organisiert via Handy und Facebook, hat bisher nicht die aktive Unterstützung der Mittelklasse gewinnen können.
Die schaut besorgt auf Libyen und Syrien, zwei Fälle, die jenen keinen Mut machen, die bescheidenen Wohlstand zu verlieren haben. Und die armen Volksmassen des Landes haben noch nicht damit begonnen, dem Königshof die Schuld an ihrer Misere zu geben, der königlichen Familie gar oder dem König selbst.







sondern ein System, jedenfalls in Arabien.
Wenn er mit der Brechstange das System aushebeln will, dann ist er das erste Bauernopfer.
Veränderungen, wie wir uns das vorstellen werden dauern, oder aber das System wird von einer Revolution hinweggefegt.
Ob es dem Volk dann besser geht, das ist dann die große Frage.
Mehr Details über den Inhalt der Abstimmung würde ich mir in solchen Artikeln wünschen. Worum geht es. Wie werden dem Volk demokratische Rechte vorbehalten.
Die Schilderung des ganzen Drumrums, Stimmungen und Trallala etwas kürzen und dafür mehr Fakten.
"Mehr Details über den Inhalt der Abstimmung würde ich mir in solchen Artikeln wünschen."
Ja, ich würde mir auch gerne mal was wünschen dürfen. Aber des, des derf i net.
.....doch zu viel. Mit Französisch-Kenntnissen können Sie den ganzen Inhalt des Referendum im Internet finden und lesen.
Die entscheidenden Punkte sind im Artikel zur Sprache gekommen.
"Mehr Details über den Inhalt der Abstimmung würde ich mir in solchen Artikeln wünschen."
Ja, ich würde mir auch gerne mal was wünschen dürfen. Aber des, des derf i net.
.....doch zu viel. Mit Französisch-Kenntnissen können Sie den ganzen Inhalt des Referendum im Internet finden und lesen.
Die entscheidenden Punkte sind im Artikel zur Sprache gekommen.
"Mehr Details über den Inhalt der Abstimmung würde ich mir in solchen Artikeln wünschen."
Ja, ich würde mir auch gerne mal was wünschen dürfen. Aber des, des derf i net.
Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Meinung sachlich. Danke. Die Redaktion/ag
Die Bewegungen und ihre Bedeutung konnte das marrokanische Königshaus nicht mehr ignorieren. Jetzt musste die Tür zu Mehrheitsentscheidungen entriegelt werden und das wird nicht die letzte Bewegung gewesen sein, die hier zu verzeichnen ist.
Dieser Appetithappen wird ein nach Demokratie hungerndes Volk nicht satt machen. Es wird eher den Appetit nach dem wecken, was ein Königshaus überflüssig werden lässt.
Diese Entwicklung ist sicher humaner als ein gewaltsamer Abgang, mit dem sich andere Herrscher am Ende vergeblich versuchen, sich an der Macht zu halten. Das liegt nun mal außerhalb ihrer Reichweite.
Sehr geehrter Gero von Randow,
sicher freuen sie sich auch darüber, daß Marokko einigermaßen stabil bleibt!
Hier ziehen die Menschen nicht in Massen nach Europa um ihre Freiheit zu feiern, wie die Tunesier.
Hier werden nicht Menschen zu Hauf erschoßen, wie in Libyen, weil sie auf der "jeweils" falschen Seite stehen, während der Rest gleichmäßig von der NATO mit verstrahlten Waffen bombardiert wird.
Hier herrscht kein Chaos wie in Ägypten, mit zig hundert Militärtribunalen, welche am Rechtsstaat vorbeilaufen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Christenverfolgung, Annäherung an den Iran und die Hisbollah und verbales Aufrüsten gegen Israel, durch die frei "gewonnene" Instabilität.
Hier wird von außen kein Bürgerkrieg angezettelt, wie in Syrien, wo tausende den freien Protest (Bürgerkrieg) wagen, während die Mehrheit der Millionen ganz zufrieden sind, daß sie vor einer stärkeren Islamisierung und Destabilisierung bis jetzt verschont bleiben.
Als ich ihren vortrefflich formulierten Artikel mit hohem geistige Nährwert lesen durfte, mußte ich diese Punkte leider (teilweise) vermissen. Aber sicher greifen sie dies, gewohnt gut recheriert, in einem ihrer nächsten Beiträge auf.
Ein schönes Wochenende und noch ein gutes Schaffen.
"Hier wird von außen kein Bürgerkrieg angezettelt, wie in Syrien, wo tausende den freien Protest (Bürgerkrieg) wagen, während die Mehrheit der Millionen ganz zufrieden sind, daß sie vor einer stärkeren Islamisierung und Destabilisierung bis jetzt verschont bleiben."
Glauben Sie das wirklich? Möchten Sie gerne in einem Land leben, in dem die Korruption jegliche freie wirtschaftliche Entfaltung behindert, in der Sie für jede von der Staatsmeinung abweichende Äußerung gefoltert und getötet werden können, in dem zwar scheinbare Stabilität herrscht, den Menschen dafür aber ihre Würde genommen wird?
"Hier herrscht kein Chaos wie in Ägypten, mit zig hundert Militärtribunalen, welche am Rechtsstaat vorbeilaufen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Christenverfolgung, Annäherung an den Iran und die Hisbollah und verbales Aufrüsten gegen Israel, durch die frei "gewonnene" Instabilität."
Mit sowas muss man immer rechnen, wenn eine repressive Staatsmacht sich im Verfall befindet. Spannungen, die vorher unterdrückt und dadurch verstärkt wurden, können sich nun entladen. Die Revolution selbst ist ja gerade eine Entladung bestimmter Spannungen.
Manche der von Ihnen angesprochenen Missstände werden von der Studentenbewegung übrigens teilweise dem Regime zugeschrieben, das im Zuge einer "Strategie der Spannung" die Menschen davon überzeugen will, dass nur ein starker Staat mit einem mächtigen Mann an der Spitze diese Probleme wieder beseitigen kann und nicht die Demokratie.
"Hier wird von außen kein Bürgerkrieg angezettelt, wie in Syrien, wo tausende den freien Protest (Bürgerkrieg) wagen, während die Mehrheit der Millionen ganz zufrieden sind, daß sie vor einer stärkeren Islamisierung und Destabilisierung bis jetzt verschont bleiben."
Glauben Sie das wirklich? Möchten Sie gerne in einem Land leben, in dem die Korruption jegliche freie wirtschaftliche Entfaltung behindert, in der Sie für jede von der Staatsmeinung abweichende Äußerung gefoltert und getötet werden können, in dem zwar scheinbare Stabilität herrscht, den Menschen dafür aber ihre Würde genommen wird?
"Hier herrscht kein Chaos wie in Ägypten, mit zig hundert Militärtribunalen, welche am Rechtsstaat vorbeilaufen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Christenverfolgung, Annäherung an den Iran und die Hisbollah und verbales Aufrüsten gegen Israel, durch die frei "gewonnene" Instabilität."
Mit sowas muss man immer rechnen, wenn eine repressive Staatsmacht sich im Verfall befindet. Spannungen, die vorher unterdrückt und dadurch verstärkt wurden, können sich nun entladen. Die Revolution selbst ist ja gerade eine Entladung bestimmter Spannungen.
Manche der von Ihnen angesprochenen Missstände werden von der Studentenbewegung übrigens teilweise dem Regime zugeschrieben, das im Zuge einer "Strategie der Spannung" die Menschen davon überzeugen will, dass nur ein starker Staat mit einem mächtigen Mann an der Spitze diese Probleme wieder beseitigen kann und nicht die Demokratie.
hohen Lebensstandard. Viele Probleme, die es in anderen Ländern der Region gibt, hat man dort weitgehend im Griff.
Der König geniest im Lande hohes Ansehen.
Warum sollen dort eine Revolution oder Demokratiebewegungen etwas zum Besseren verändern?
Denken wir mal an die "funktionierenden" Demokratien wie Irak, Afghanistan, Pakistan etc. oder an die "demokratische" Beteiligung unseres Volkes an bei der Bankenrettung, der Euroeinführung oder dem Eurorettungsschirm.
Jedes Volk muss seine Entwicklung und seine Art zu leben selbst bestimmen.
Diese ständigen intellektuellen westlichen Schulmeistereien ("werdet endlich demokratisch wie wir") sind nicht nur arrogant, sonder auch falsch.
Haben wir die Weisheit gepachtet?
Freuen wir uns einfach, dass Marokko stabil ist.
Wir werden mit Libyen, Ägypten, Pakistan, Somalia und auch in Europa selbst (PIGS etc) noch genügend Probleme haben.
Das ist eine interessante Reaktion. Denn die angeblich westliche Kritik, die der Artikel äußert, wird in der gleichen Weise auch im Lande selbst laut, dies zum ersten. Zweitens enthüllt die Antwort "Schulmeisterei" den Wunsch, mit Kritik auf andere Weise fertig werden zu wollen als mit Argumenten. Und drittens das überraschende Auftauchen des Wortes "intellektuell", offenbar als Schimpfwort verwendet - was sich da äußert, darüber nachzudenken lohnt sichsicherlich auch.
Das ist eine interessante Reaktion. Denn die angeblich westliche Kritik, die der Artikel äußert, wird in der gleichen Weise auch im Lande selbst laut, dies zum ersten. Zweitens enthüllt die Antwort "Schulmeisterei" den Wunsch, mit Kritik auf andere Weise fertig werden zu wollen als mit Argumenten. Und drittens das überraschende Auftauchen des Wortes "intellektuell", offenbar als Schimpfwort verwendet - was sich da äußert, darüber nachzudenken lohnt sichsicherlich auch.
Mit dieser Farce hat der König sein eigenes Schicksal besiegelt. Er uns seine Sippe werden sich noch wundern, wie schnell sie vom marokkanischen Volk abserviert werden.
Die Opposition muss standhaft bleiben und weiterhin für Recht und Freiheit kämpfen bis das Volk siegt!
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