Die Gesichter der Politiker und Polizisten, der Journalisten und Experten, die im Fernsehen berichten, erklären und bewerten, was in diesem Land seit dem 22. Juli um 15.25 Uhr geschehen ist, sind noch gebräunt von den Sommerferien. Jetzt liegt darüber ein fahler Flaum von Erschöpfung und ungläubigem Entsetzen. Noch kann niemand hier wirklich glauben, was er sieht und hört. Und wenn das kleine Land mit seinen fünf Millionen Menschen irgendwann aus dem Schock erwacht, wird das Trauma dieser Tage auf alle Zeit auf ihm lasten.

Es wird ein anderes, sich seiner Fragilität bewussteres Norwegen sein. Vor wenigen Tagen noch genossen die Menschen das unschuldig-wohlige Gefühl, in einem der glücklichsten Länder der Welt zu wohnen. Wo andere Staaten unter hohen Schulden oder Arbeitslosigkeit ächzen, ist Norwegen dank Öl und Gas schuldenfrei, die Wirtschaft floriert und sucht dringend Arbeitskräfte. Der Grundstücksmarkt boomt, Löhne und Gehälter steigen schneller als die Preise. Es war einmal ein Land ohne Feinde und ohne ernsthafte Sorgen. Dann kam der Attentäter .

Am Freitag noch mochte man die Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel für ein schlimmes, aber doch in einer an Terror gewöhnten Welt halbwegs erfassbares Attentat halten, das Ausmaß des Mordens im Sommerlager der Jungsozialisten war da noch unbekannt. Islamistische Gruppen schienen die wahrscheinlichsten, üblichen Verdächtigen. Doch dann kam am Sonnabend die neue, schreckliche Hiobsbotschaft: Der 32-jährige Attentäter der beiden Taten, Anders Behring B., ist ein rechtsradikaler Landsmann. Über 600 junge Leute aus allen Teilen des Landes waren auf der kleinen Insel zusammengekommen. Mehr als achtzig hat er kaltblütig erschossen, viele weitere sind schwer verletzt.

Auf Deutschland mit seinen 80 Millionen Menschen umgerechnet, würde dies fast 1500 Tote in einer Nacht bedeuten. Wie der verstorbene Schriftsteller Nordahl Grieg im Zweiten Weltkrieg schrieb: Wir sind in Norwegen so wenige, dass jeder Gefallene ein Bruder oder ein Freund ist.

Aber nicht nur die Bevölkerungszahl unterscheidet Norwegen von Deutschland. Seine Gesellschaft ist enger verwoben als bei uns und leidet stärker mit. Die Netze von Familie, regionaler Herkunft, Ausbildung und Beruf sind ungleich persönlicher, die Globalisierung und der neue Wohlstand haben sie zwar geschwächt, aber doch nicht aufgelöst. Die gemeinsame Liebe zu der oft dramatischen Landschaft und der Stolz auf die Eigenständigkeit der Regionen und Dialekte vom Nordkap bis zum Skagerrak bleiben ein starkes Bindeglied.

Und es ist eine Gesellschaft, die besonders stolz ist auf ihre Jugend und die Chancen, die es ihr bieten kann. Norwegen ist ein kinderreiches und kinderfreundliches Land, die Erwachsenen bringen der neuen Generation, auch wenn sie sich manchmal über sie wundern, großes Grundvertrauen entgegen. Die Jugendlichen, die jährlich zu dem traditionellen Sommer-Camp der Jungsozialisten auf der Insel Utøya  reisen, gehören mit ihrem gesellschaftlichen und politischen Engagement zu den Besten ihrer Generation. Die Angehörigen und Freunde der Toten und Verletzten wie alle Überlebenden sind nun fürs Leben gezeichnet. 

Wie schützt man sich gegen das Unglaubliche?

Auch wenn die Polizei erklärt, sie habe mögliche Terror-Angriffe auf Oslo, einschließlich solcher von rechtsradikaler Seite, stets in ihre Planung einbezogen, das Massaker auf Utøya  traf sie völlig unvorbereitet. Schon lange gibt es in Oslo kein nennenswertes rechtsradikales Milieu mehr; im jüngsten Bericht des norwegischen Verfassungsschutzes wurden Straftaten von dieser Seite als wenig wahrscheinlich eingestuft.

Deshalb sind jetzt auch die konkreten Folgerungen für die innere Sicherheit des Landes schwer zu prognostizieren – wie schützt man sich gegen das Unglaubliche? Das wird erst zu beantworten sein, wenn über Hintergrund, Ablauf und Motiv des Doppel-Attentats größere Klarheit besteht. Die Polizei sucht noch nach einem möglichen Komplizen . Hätte eine islamistische Gruppe es verübt, wären die üblichen Erklärungen schnell parat.

Bei einem "ethnischen Norweger", wie Anders B. in der Polizei-Sprache heißt, steht man jedoch noch vor einem Rätsel. Was könnte ihn – und vielleicht etwaige Hintermänner – dazu bewegt haben, nicht nur die Regierungszentrale anzugreifen, sondern auch fast hundert Menschen zu ermorden? Wahrscheinlich wird er irgendwann, spätestens im Mordprozess, verworrene Hass-Tiraden von sich geben. Aber als Präzedenzfall, nach dem sich Sicherheitsbehörden richten könnten, taugt er nicht.

Dennoch scheint eins gewiss, wie noch nach jedem Terroranschlag: Die Sicherheitskontrollen werden im Regierungsviertel verschärft, und wenn die Jungsozialisten sich im nächsten Jahr wieder auf Utøya treffen sollten, werden diskrete Sicherheitsbeamte unter ihnen sitzen. Die Fähigkeit der Polizei zu schnellem Eingreifen wird ausgebaut werden. Und zwischen Politikern und Bürgern wird eine Wand von Sicherheitsglas die bisherige Nähe und Spontaneität brechen.

Vor allem aber wird das Trauma dieser schrecklichen Nacht das kollektive Bewusstsein Norwegens verändern. Zunächst steht das Land in dem Entsetzen wie in der Sorge für die Opfer zusammen und ist entschlossen, sich durch den Terror nicht ein anderes Zusammenleben aufzwingen zu lassen. Noch bevor das ganze Ausmaß der Katastrophe offenbar war, formulierte Ministerpräsident Stoltenberg dies als Botschaft: "Ihr werdet unsere Demokratie und unser Engagement für eine bessere Welt nicht kaputtmachen." Das wichtigste sei jetzt für Norwegen, an seinen eigenen Werten festzuhalten und zu zeigen, "dass unsere offene Gesellschaft auch diese Prüfung bestehen wird".

Dass die Norweger sie erfolgreich bestehen, muss man nicht nur für sie hoffen. Und dennoch: Das Land ist nach der Katastrophe vom 22. Juli 2011 nicht mehr wie es vorher war. Der Schatten einer verwundbaren Welt wird es nicht mehr verlassen.