Die Bilder sind unerträglich. Unzählige hungernde Menschen flüchten kreuz und quer durch Ostafrika, um an einen Ort zu gelangen, an dem es Nahrung gibt. An dem sie der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren entkommen. Die Auffanglager in Kenia und Äthiopien sind überfüllt.

Am härtesten trifft die Katastrophe Somalia, ein Land ohne Staat, ohne Frieden, ohne Zukunft. Dort hungern 3,7 Millionen Menschen, 500.000 Kinder sehen dem Hungertod entgegen, sagen die Vereinten Nationen. Somalia wird stärker noch als die Nachbarländer von  Naturkatastrophen heimgesucht. Und als würde das alles nicht reichen, treiben die in Teilen Somalias herrschenden islamistischen Shabaab-Milizen ein zynisches Spiel mit den UN und den Hilfsorganisationen .

Mal dürfen Helfer die Not lindern, dann wieder nicht, zwischenzeitlich leugnen die "Gotteskrieger", dass es eine Hungerkatastrophe gibt. Die Islamisten, ausgerechnet sie, die sich als besonders glaubensstark aufführen, missachten das im Islam zentrale Ideal der "Zakat", der sozialen Wohltätigkeit. Mit wachsender Verzweiflung versuchen die Vereinten Nationen, Auswege zu finden. Es scheint kaum zu gelingen, jedenfalls nicht rasch. Die ersten Flüge nach Mogadischu lindern die Not nur wenig,das Sterben in Somalia geht weiter. Sollen die westlichen Staaten, mit ihrem der "Zakat" nahen Ideal der Empathie, die menschenverachtende Haltung der Shabaab-Milizen einfach hinnehmen?

Eine Antwort fällt schwer. Ein "Ja" wie ein "Nein" bedeuten, Menschenleben zu riskieren, entweder durch Zögerlichkeit, die weiteren Hungertod in Kauf nimmt, oder durch ein Handeln, das in Konflikte mit den Milizen führt. Außerdem schreckt die gescheiterte Intervention aus den 90er Jahren ab. Damals versuchten die UN, unter Führung der USA, angesichts einer Hungersnot in Somalia die Lieferung von Nahrung sicherzustellen und das Land zu befrieden. Es misslang. Die US-Armee wurde in den Bürgerkrieg hineingezogen, es gab grausige Bilder abgeschlachteter amerikanischer Soldaten. Und später hat es der Westen versäumt, mit dialogbereiten Kräften bei den Vorgängern der Shabaab ins Gespräch zu kommen. Kann darum die Lehre nur lauten: nie wieder Somalia?

Die Antwort der Empathie heißt Nein. Der Westen darf sich nicht von den Shabaab-Fanatikern, die mit al-Qaida verbündet sind , vorschreiben lassen, wo er helfen darf und wo nicht. Der Westen muss versuchen, regionale Partner einzuspannen und dann humanitär eingreifen. Wenn es nicht anders geht, mit Hilfe militärischer Logistik. Kriegsschiffe, Hubschrauber, Fahrzeuge, Soldaten – als Schutz für Hilfe, für sichere Luftbrücken zu den Hungernden in Somalia. Ohne Hilfe werden Tausende qualvoll sterben.

Fast alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben im Jahr 2005 bei einem Gipfel in New York die "Responsibility to Protect" beschlossen, die Schutzverantwortung der internationalen Gemeinschaft für Menschen, die schweren Verletzungen der Menschenrechte ausgesetzt sind. Die historische Entscheidung war eine Konsequenz aus dem Versagen der Staatenwelt beim Völkermord mit fast einer Million Toten im Jahr 1994 in Ruanda. Monatelang mordeten Milizen, kein Land griff ein. Was jetzt die Shabaab in Somalia tun, kommt einem Völkermord Tag für Tag näher. Wie lautet heute die Lehre aus "Nie wieder Ruanda"?

Eine militärisch gestützte und geschützte humanitäre Intervention erscheint unausweichlich. Die Alternative lautet, darauf zu vertrauen, die Shabaab-Milizen könnten ein wenig einlenken oder sich kaufen lassen. Natürlich gibt es Argumente, die zur Vorsicht mahnen: Somalias Infrastruktur ist zerstört, die Milizen werden sich wehren, die USA und ihre Nato-Partner sind in anderen Konflikten gebunden. Einwenden kann man außerdem, dass in Nordkorea auch millionenfach gehungert wird. Nur ist dort eine Intervention angesichts der atomaren Drohung des Regimes undenkbar. Wo es aber eine Chance gibt, humanitäre Hilfe in der Not mit dem Militär zu leisten, sollte der Westen handeln. 

Erschienen im Tagesspiegel