Jens StoltenbergNorwegens Art, die Freiheit zu verteidigen

Wie Norwegens Ministerpräsident auf die grausamen Anschläge reagiert, ist beeindruckend. Er beschwört die Freiheit, nicht Vergeltung. Michael Schlieben kommentiert. von 

Jens Stoltenberg war der Schreck das ganze Wochenende über anzusehen. Sein erstes Statement gab der norwegische Ministerpräsident an einem geheimen Aufenthaltsort ab; kurz nachdem eine Bombe vor seinem Regierungshochhaus explodiert war. In den folgenden 48 Stunden, als sich das grausige Ausmaß des Attentats allmählich abzeichnete, trat er mehrfach vor die Presse, traf sich mit Angehörigen der Opfer, besichtigte die Ruinen im Regierungsviertel, sprach auf dem Gedenkgottesdienst.

Man sah einen Regierungschef mit geweiteten Augen, mit belegter Stimme; einen, der mit den Tränen kämpft. Man sah einen Spitzenpolitiker, der Schwäche zeigt. Aber trotzdem hat Stoltenberg an diesem Wochenende alles andere als einen schwachen Eindruck hinterlassen. Im Gegenteil, es war beeindruckend zu beobachten, welche Worte er an seine geschockten Landsleute aussandte, wie er versuchte, sie zu trösten und aufzurichten. Und vor allem: welches Ideal er der unfassbaren Grausamkeit des Attentäters entgegensetzte.  

"Unsere Antwort wird mehr Offenheit und mehr Demokratie sein" – das war die zentrale Botschaft Stoltenbergs an diesem Wochenende. Er verteidigte genau jene offene und freie Gesellschaft Norwegens, die der Attentäter mit seinen Waffen und Bomben bekämpfen wollte. Dessen Hass und Destruktivität setzte Stoltenberg eine fast trotzige Zuversicht entgegen.

Nicht von ungefähr lobte Harald V. den Premierminister schon an diesem Wochenende ausdrücklich in seiner Fernsehansprache: Er glaube fest daran, dass Freiheit stärker sei als Angst, sagte der König. Er sei dankbar, dass Stoltenberg fest zu den freiheitlichen Grundwerten des Landes stehe.

Tatsächlich ist das gar nicht hoch genug einzuschätzen. Auf einen solchen Ausnahmezustand wie den von Oslo ist niemand vorbereitet – auch kein Regierungschef. Am Freitag wurde fast Hundert Jugendliche getötet und das Regierungsviertel verwüstet. Schwerer kann man ein nationales Selbstbewusstsein binnen weniger Stunden kaum zerstören.

"Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit."

Jens Stoltenberg beim Trauergottesdienst in Oslo

Andere Reaktionen auf eine solche Tat wären durchaus denkbar, ja sogar nachvollziehbar und menschlich gewesen. Aber Stoltenberg sprach nicht von Rache, nicht von Vergeltung, nicht von einer Jagd auf irgendwelche Hintermänner.Er demonstrierte keine militärische Entschlossenheit, wies niemandem die Schuld zu, er forderte auch keine Gesetzesänderungen, wie das jetzt reflexhaft in Deutschland bereits begonnen hat. Stoltenberg war nicht aktionistisch, nicht affektgesteuert, sondern in seiner Fassungslosigkeit wohltuend klug und besonnen. Sein Verhalten war ein Zeugnis von guter politischer Führung.

Dem 52-Jährigen, der aus einer Politiker-Dynastie stammt, haftete in der norwegischen Presse lange Zeit der Ruf des Sunnyboys an. Mit 26 Jahren war er bereits Chef der Jungsozialisten, die an diesem Wochenende zum Ziel des Attentäters wurden. Stoltenberg galt als Dandy, alsverhätschelterPolitiker-Sohn – bis zu diesem Wochenende. Nun aber hat er bewiesen, dass er ein Staatsmann von Format ist.

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Leserkommentare
  1. Jens Stoltenberg, für mich sind Sie ein wahrer Europäer. Mein Mitgefühl für die Opferfamilien, für alle Norweger.

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    [...]

    Das was die meisten westlichen Regierungen in den letzten Jahren zur Terrorabwehr getan haben hat eher Terror geschaffen als bekämpft.

    Zumal diese Leute auch ganz eindeutig auf dem rechten Auge blind sind.

    Gekürzt wegen unsachlicher Inhalte. Die Redaktion/er

    "Wenn wir zulassen, dass uns etwas in Angst und Schrecken versetzt, ist das Leben nicht mehr lebenswert." Lucius Annaeus Seneca

    Es ist weiterhin unsäglich, dass die Bilder, die dieser Mensch von sich anfertigen ließ, nun auch noch von einer großen Zahl von Medien gebracht werden. Sind Sie noch bei Verstand? Ist Ihnen nicht klar, dass das, was für Schienenselbstmörder inzwischen in den meisten Redaktionen angekommen ist, hier erst recht gelten muss? Ich wende mich angewidert ab.

    mögliche STrafe wäre dem Täter absolut kein Podium zu bieten. Was sicherlich sein Wunsch wäre und weshalb er auch kein suizid begang.

  2. mal eine gehörige Scheibe abschneiden. Die fangen ja schon wieder an nach mehr Überwachung zu schreien um ihren George Orwell Staat zu perfektionieren.

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    Dieser Mann hat einfach Format..... das geht unseren Politikern, die immer nur nach schärferen Gesetzen schreien (und dafür sogar auf die Verfassung pfeifen, wie sie oft genug bewiesen haben) vollkommen ab.

    Skandinavisches Understatement eben. Warum können wir nicht auch solche Politiker hervorbringen?

    .. und nicht Bush, wie in den vergangenen 10 Jahren. So etwas erfordert jedoch menschliche Reife und Authentizität, und kann nicht "dargestellt" werden.

    Und persönlich bin ich der Meinung, Teile der deutschen Politik verfahren auch deshalb so, weil sie wissen, dass Menschen, die sich bedroht fühlen und Angst haben, leicht zu steuern sind. Freie Menschen dagegen muss man mit Argumenten überzeugen.

    Das Person-Nummer-System in Schweden und auch in Norwegen ist übrigens hervorragend zu jeglicher staatlicher Überwachung geeignet. Ohne diese Nummer läuft in diesen Ländern gar nichts. Nicht nur das sämtliche Handlungen unter dieser Nummer irgendwo registriert werden, gibt die Personnummer an sich auch Auskunft über Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund!

    Warum sollten norwegische Politiker eigentlich nach mehr Überwachung schreien....?

    Stoltenberg gehört allerdings auch einer politischen Richtung an, in der Entscheidungen ohne Rückfragen bei Vorgesetzten oder Gönnern notwendig sind. Ein konservativer Politiker wäre vermutlich von seinen Parteigängern und seinen Finanziers sehr schnell zu einer harten Reaktion gegen wen auch immer gedrängt worden - allein schon aus dem Grund, weil letztere einen erheblichen Vermögensverlust befürchten. Beispielhaft ist hier die Reaktion der damaligen spanischen Regierung bei den Anschlägen von Madrid.

    Mir scheint die reaktion des mp unbedingt beispielhaft.
    auch wenn mir kenntnisse über die tatsächlichen verhältnisse in norwegen weitgehend abgehen (wie vermutlich den meisten deutschen) scheint das ein land zu sein, in welchem menschen mit werten und klarem verstand offenbar sogar gewählt werden,insofern möchte ich den allermeisten Kommentaren beipflichten und den skandinaviern ein kompliment machen.
    nun zu meiner kritik : diese friedliche freiheitsliebe der norwegischen reaktion basiert doch auf gesundem demokratischem selbstbewusstsein!!!
    ein vergleichbares existiert geschichtsbedingt in meinem Land nicht und wenn ich diesen artikel lese....
    -man wäre doch gerne mit änlichen amtsträgern versehn!

    die kommen aber in allen demokratien (auch in dieser) aus dem volk, entsprechend finde ich das in vielen kommentaren präsente kollektivbashing bezgl der deutschen politik schlicht albackenenes im grunde fast vordemokratisches gewäsch. kritik ist nötig aber so zu tun als gäbe es ein aus der monarchie übernommenes " die da oben" und ein "wir hier unten" ist was viele hier recht selbstgerecht proklamieren- und genau was den skandinaviern eben offenbar fremd ist-
    nicht die hiesige politik kann von herrn stoltenberg lernen,die bürger sind es die ihr verhältnis zu IHRER demokratie vor der haustür überdenken sollten.

    ps (ich inklusive)

  3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Die Redaktion/er

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    [...]

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde moderiert. Die Redaktion/er

  4. Applaus an Herrn Stoltenberg für diesen allein vernünftigen und trotzdem aussergewöhnlichen politischen Kurs. Applaus auch an Herrn Schlieben für die Hervorhebung dessen.

    Also Beispiel, dass es auch anders geht folgende:

    Bush 2001-> "I want justice. And there's an old poster out West, I recall, that says, "Wanted: Dead or Alive."

    Hans Peter Uhl 2011 (heute) -> "Wir brauchen die Vorratsdatenspeicherung[...]Im Vorfeld muss die Überwachung von Internetverkehr und Telefongesprächen möglich sein. Nur wenn die Ermittler die Kommunikation bei der Planung von Anschlägen verfolgen können, können sie solche Taten vereiteln und Menschen schützen."

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    • Lynus
    • 25. Juli 2011 15:22 Uhr

    Dazu sei noch erwähnt, dass Norwegen die VDS bereits hat.

    Weitere Worte unnötig.

  5. Ich bin nur glücklich, dass wohl eine Anweisung von oben kam, dass der Herr von SPON heute mal zu diesem Thema schweigen muss.

    Solche Leute wie er, sind die wahren Feinde der Demokratie.

    Norwegens offenene Gesellschaft ist gerade auch nach diesem Attentat für ihren Mut zu beneiden.

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    "Solche Leute wie er, sind die wahren Feinde der Demokratie." Wieso ist Fleischhauer denn ein Feind der Demokratie? Weil er einen Blog über Linke schreibt?

    • Lynus
    • 25. Juli 2011 15:22 Uhr

    Dazu sei noch erwähnt, dass Norwegen die VDS bereits hat.

    Weitere Worte unnötig.

  6. ER zeigte völlig verständliche Schwächen, als er mit soviel menschlichem Leid konfrontiert wurde, bewies aber eine entscheidende Stärke, die ich bei so vielen (europäischen) Politikern vermisse.

    Standhaftigkeit, Ehrlichkeit und Besonnenheit statt reflexhaftem Aktionismus. Mein Tiefer Respekt für diesen Politiker. ER hat so sehr früh den Täter samt seiner Ziele einer Destabilisierung des Staates ins Abseits gestellt.

    Zitat:""Unsere Antwort wird mehr Offenheit und mehr Demokratie sein" – das war die zentrale Botschaft Stoltenbergs an diesem Wochenende. Er verteidigte genau jene offene und freie Gesellschaft Norwegens, die der Attentäter mit seinen Waffen und Bomben bekämpfen wollte. Dessen Hass und Destruktivität setzte Stoltenberg eine fast trotzige Zuversicht entgegen.

    Nicht von ungefähr lobte Harald V. den Premierminister schon an diesem Wochenende ausdrücklich in seiner Fernsehansprache: Er glaube fest daran, dass Freiheit stärker sei als Angst, sagte der König. Er sei dankbar, dass Stoltenberg fest zu den freiheitlichen Grundwerten des Landes stehe.Ende"

    Mittlerweile soll er auch eine Fortsetzung des Ferienlagers auf der Insel angekündigt haben. So macht er den Täter endgültig zu einem erbärmlichen Feigling, der null Wirkung mit seiner feigen Tat ausgelöst hat !

    Auch die Entscheidung des Richters, Ihm gerichtlich keine öffentliche Plattform für seine rassitisch- menschenverachtenden Thesen zu bieten ist absolut richtig.

  7. [...]

    Entfernt wegen werblicher Inhalte. Die Redaktion/er

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Gerhard Stoltenberg | Jens Stoltenberg | Norwegen | Jusos | Gerhard Stoltenberg | Norwegen
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