Wenn am Sonntag die Menschen in Thailand ein neues Parlament wählen, steht der Sieger eigentlich schon fest: Die oppositionelle Puea-Thai-Partei liegt seit Wochen in allen Umfragen klar vorn. Puea Thais Spitzenkandidatin Yingluck Shinawatra, Schwester des 2006 aus dem Amt geputschten Ex-Premiers Thaksin Shinawatra, hat theoretisch beste Chancen, Thailands erste Premierministerin zu werden.

Theoretisch. Denn die einzige wirkliche Entscheidung, die Thailands Wähler am Sonntag treffen werden, ist, ob Puea Thai mehr als die Hälfte der Sitze im Parlament bekommen wird. Doch selbst wenn es so wäre: Ob die Partei des gestürzten Premiers dann auch die nächste Regierung stellt, ist alles andere als klar.

Denn Thaksins Gegner haben in den vergangenen Jahren keine Mittel gescheut, um seine siegreichen Parteien aus der Macht zu hebeln. 2006 hat die Armee Thaksin – es standen Wahlen an, die er gewonnen hätte – aus dem Amt geputscht. Als die Wähler nach dem Ende der direkten Militärherrschaft Ende 2007 erneut eine Pro-Thaksin-Partei (die People's Power Party, PPP) an die Macht gebracht hatten, gingen die Anhänger der sogenannten Volksallianz für Demokratie (PAD) – besser bekannt als Gelbhemden – auf die Barrikaden. Deren Unterstützer stammen vor allem aus Bangkoks Mittel- und Oberschicht.

Das Hauptargument der PAD lautete, das Wahlergebnis sei irrelevant, da den Menschen auf dem Land, die den Großteil der PPP-Wähler ausgemacht haben, aufgrund ihrer zu geringen Bildung das "Verständnis für Demokratie" fehle. PPP-Politiker hätten die Menschen wiederholt "durch Gehirnwäsche" in die Irre geführt oder gleich ihre Stimmen gekauft. Es folgte eine monatelange Blockade des Regierungssitzes in Bangkok durch militante PAD-Anhänger, gefolgt von der aufsehenerregenden Besetzung der Flughäfen der Stadt. Ein Gericht löste den explosiven Konflikt, indem es in einem auffällig einseitigen Urteil die Auflösung der PPP wegen angeblicher Verstöße gegen das Wahlgesetz anordnete. Die gesamte Parteiführung wurde für fünf Jahre gesperrt.

Was darauf folgte, ist bis heute umstritten. Dutzende der verbliebenen PPP-Abgeordneten liefen zur konservativen Democrat Party von Abhisit Vejjajiva über oder gründeten neue Parteien, die eine Allianz mit der Democrat Party eingingen. Abhisit, der die etablierte Ober- und Mittelschicht Bangkoks hinter sich versammelte, beharrt seither darauf, er sei anschließend demokratisch zum Premier gewählt worden und lehnte die Forderung, er solle sich durch Wahlen im Amt bestätigen lassen, vehement ab. Immer weniger Beobachter nehmen ihm diese Darstellung noch ab.

Der Journalist Pravit Rojanaphruk hat kürzlich in der eigentlich konservativen Tageszeitung The Nation einen Artikel veröffentlicht, in dem er über die Absprachen von 2008 bemerkte: "Die kritischen Gespräche über die Bildung der Koalition fanden in der Residenz des damaligen Armeechefs Anuphong Paochinda statt."

Dazu passen die Äußerungen von Chumpol Silpa-archa, dem Chef der kleinen Chart Thai Pattana-Partei, die seit 2008 Teil der Regierungskoalition ist. Die Tageszeitung Bangkok Post schrieb in ihrer Ausgabe vom 9. Juni über ihn: "Während einer Wahlkampfveranstaltung in der Provinz Nakhon Pathon sagte Herr Chumpol, er sei unglücklich darüber, dass er Herrn Abhisit in einem Kommentar sagen gehört habe, er habe Chart Thai Pattana und andere Parteien nur für eine Koalition unter Führung der Democrat Party ausgesucht, weil er keine andere Wahl gehabt habe. (...) 'Es ist nicht so, dass Chart Thai Pattana sich der Koalition anschließen wollte. (...) Wir wurden von einer einflussreichen Macht unter Druck gesetzt, der wir uns nicht entziehen konnten.'"

Auch der renommierte Politologe Thitinan Pongsudhirak von der Chulalongkorn-Universität in Bangkok geht in seiner Einschätzung in eine ähnliche Richtung. Auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion sagte Thitinan kürzlich: "Sie wissen ja, wie dieser Ort funktioniert. Thailand wird ultimativ von den Puyai (einflussreichen Personen, Anm. Redaktion) geführt. Ich denke und spüre, dass immer mehr Menschen wissen, was in Thailand vor sich geht. Und dass auch unsere ausländischen Besucher und Einwohner und Medienvertreter wissen, was hinter den Kulissen passiert."