Kiew, ein wuchtiger Sowjetbau, politisches Symbol vergangener Tage. Hier treffen die Entscheider der nahen Zukunft einen der Mächtigen von heute: Der ukrainische Außenminister Kostjantyn Hryschtschenko empfängt die Munich Young Leaders , 18 Nachwuchskräfte der Außen- und Sicherheitspolitik. Es sind Diplomaten aus dem Auswärtigen Amt, Berater aus dem Bundestag, Offiziere aus dem Verteidigungsministerium in Berlin – und Wissenschaftlerinnen aus Indien und Kuwait, dazu der stellvertretenden Außenminister der Republik Moldau, ein Abgeordneter aus Armenien und Journalisten aus Israel und Russland.

Die jungen Führungskräfte, die zum Netzwerk Munich Young Leaders gehören, haben sich vor dem Treffen kurz per Internet über die Lage der Welt informiert. Sie machen mit dem Handy Fotos von dem Treffen, viele werden die Bilder auf Facebook und in andere soziale Netzwerke stellen. Ganz selbstverständlich nutzen sie digitale Netzwerke für ihre Karriere in der Außenpolitik. Die grenzüberschreitenden Möglichkeiten des Internets haben das Denken der jungen Außenpolitiker entscheidend beeinflusst.

Der ukrainische Außenminister erzählt von der Brückenfunktion seines Landes und der blockfreien Politik, die seine Regierung zwischen der Nato und Russland anstrebt. Es klingt wie zu den Zeiten, in denen der Eiserne Vorhang die Welt in Ost und West trennte. Doch die Young Leaders kennen die Außenpolitik zu Zeiten des Kalten Krieges nur noch aus Erzählungen. Als sie ihre Karriere begannen, hatten Globalisierung und Internet längst die Welt – und auch die Diplomatie – tiefgreifend verändert. Nachrichten verbreiten sich innerhalb von Minuten von Wladiwostok bis Vera Cruz, von Memphis bis Melbourne.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hob vor Kurzem die Bedeutung der sozialen Netzwerke für die erfolgreichen Revolten in Nordafrika hervor. Ohne Twitter, Facebook, Youtube und Co. wird in der nahen Zukunft in Demokratien nicht mehr regiert werden können. Noch haben Staats- und Regierungschefs wie Angela Merkel, Wladimir Putin oder gar Raúl Castro das Sagen, die ihre Karrieren ohne Mobilfunktelefone, E-Mails und Internet begonnen haben. "Wie haben die das damals nur gemacht?", fragt eine deutsche Diplomatin. "Das müssen ganz entschleunigte Zeiten gewesen sein, wenn die Depesche per Diplomatenpost von der Botschaft ans ferne Ministerium ging."

Miteinander sprechen und darüber bloggen

Die Munich Young Leaders sind 2009 in München entstanden. Die Hamburger Körber-Stiftung und die Münchner Sicherheitskonferenz hatten erstmals 25 junge, internationale Führungskräfte und Talente in die bayerische Landeshauptstadt geladen. Sie sollen die Sicherheitskonferenz beleben, einen Dialog zwischen Staaten ermöglichen, die kaum miteinander sprechen, und untereinander Kontakte knüpfen. Die Young Leaders diskutieren untereinander über die Konflikte und Krisen der Welt. Sie treffen aber auch zahlreiche einflussreiche Politiker, Vertreter von Organisationen und Wirtschafsbosse. Die Nachwuchskräfte berichteten selbst in einem Blog von den Gesprächen mit George Soros, Henry A. Kissinger oder Wolfgang Schäuble.

Ambika Vishwanath gehört zu den Munich Young Leaders. Die Politologin aus Mumbai arbeitet für den Think Tank Strategic Foresight Group . Ihr Spezialgebiet sind Wasserkonflikte im Nahen Osten. Zwölf Stunden ist sie geflogen, um nach Kiew zu kommen. In ihrem Lebenslauf spiegelt sich die Globalisierung. Vishwanath hat politische Wissenschaft in Indien und den USA studiert, danach unterrichtete sie in Kairo an der Amerikanischen Universität und heuerte dann bei dem Think Tank an. Die Münchner Young Leaders bringen ihr nun zahlreiche neue Kontakte. Sie tauscht Visitenkarten aus, Ideen und Freundschaftsanfragen in den sozialen Netzwerken.

Ihre digital vernetzte Generation wird in wenigen Jahren die Spitzenpositionen in Ministerien und internationalen Organisationen übernehmen.