Bildungsproteste: Mehr als 550 Festnahmen bei Demonstrationen in Chile
Seit Wochen gibt es in Chile massive Proteste gegen das Bildungswesen. Die Demonstranten besetzten kurzzeitig einen Fernsehsender.
Chiles Polizei hat dem chilenischen Innenministerium zufolge landesweit 552 Demonstranten festgenommen. Schwerpunkt der Proteste gegen das Bildungswesen war die Hauptstadt Santiago de Chile, wo die Sicherheitskräfte mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Hunderte Schüler, Lehrer und Studenten vorgingen.
Die Demonstranten errichteten an mehreren Orten in der Hauptstadt Straßensperren und setzten Barrikaden in Brand. Auf dem zentralen Plaza Italia versammelten sich etwa 5.000 Protestierende. Sicherheitskräfte vertrieben sie wieder. Dabei gerieten beide Seiten aneinander. Laut Innenministerium erlitten 29 Polizisten Verletzungen.
Etwa 200 Demonstranten stürmten das Gebäude des TV-Senders Chilevision, wie Journalisten des Senders berichteten. Erst als eine Botschaft mit ihrem Anliegen gesendet worden sei, hätten sie die Räume wieder verlassen.
In Chile protestieren Schüler, Lehrer und Studenten seit Wochen für eine stärkere finanzielle Beteiligung des Staates an der Bildung und eine bessere Ausstattung der staatlichen Schulen. Bereits im Juli waren bei Ausschreitungen am Rande der Proteste Dutzende Polizisten verletzt und mehr als 50 Demonstranten festgenommen worden.
Seit der Pinochet-Diktatur dominieren private Schulträger das chilenische Bildungssystem. Den größten Teil der Schulkosten müssen die Familien selbst übernehmen. Wie gut die Ausbildung ist, die ein Kind erhält, hängt deshalb besonders stark von den finanziellen Möglichkeiten der Familie ab: Arme haben geringere Chancen als Reiche, und die Angehörigen unterschiedlicher Schichten bleiben an den Schulen und Hochschulen unter sich.
Chile sei unter den Ländern, in denen die sozioökonomische Trennung an den Bildungseinrichtungen am weitesten fortgeschritten sei, sagen Forscher. Die Unesco unterstützt deshalb die Forderungen der Studenten und Lehrer. Sie fordert ein Recht auf Bildung für alle.







empfinde ich mit den chilenischen Kommilitonen in Ihrer Forderung nach Zugang zu Bildung und Forschung.
Aber ich weise auch darauf hin, daß es stets eine Forderung des "Westens" war und ist, daß Länder, welche finanzielle Unterstützung seitens IWF & Weltbank erhalten, ihre Bildungssysteme "öffnen", liberalisieren, auf jeden Fall in der Konsequenz privatisieren.
Dies würde - so das Mantra - zu einer höheren Qualität und via Wirtschaftlichkeitserwägung dann auch stetig wachsenden Gruppen in der Bevölkerung zur Verfügung stehen.
Das wir täglich sehen, daß dieses unbegründete Versprechen Humbug ist, sollte irgendwann zu der Einsicht führen, mit dem Quatsch bei uns selbst aufzuhören und vor allem aber: Nicht auch noch junge Generationen in anderen Regionen ihrer Bildungschancen zu berauben.
dann läuft doch wirklich was schief. Das passiert, wenn die Regierung einfach nicht zuhört. Die Meisten haben in ihrer Perspektivenlosigkeit wohl nichts zu verlieren und bei ordentlich Polizeipräsenz spielt sich so was nun mal schnell hoch. Doch anstatt, dass den Leuten nun geholfen wird, dass sich ein Politiker mal raustraut, prügelt man die Leute lieber zusammen, ist ja auch viel einfacher. Dann muss man auch mit dem Echo leben können.
Chile ist doch eine Erfolgsstory der Chicago Boys. Die Wirtschaft brummt, alle schaffen und sind glücklich. Und die Bildung ist privat, wie sich das gehört. Es gab auch eine Wahl, in der ein rechtskonservativer gewählt wurde. Hätte man von links ja mit der Bildung punkten können! Oder eben auch nicht.
Und dann werden die Schüler und Lehrer aufgehetzt und demonstrieren. Da sie eine breite Unterstützung haben, werden sie gewalttätig. Wieder gibt es da Bild von Polizei und blutenden Studenten in Santiaga, wieder erinnert sich der Leser an Pinochet und Allende, wieder haben "die Reichen" Schuld am Elend der Welt. Ein Pawlow'scher Reflex der Journaille.
PS: Wann gibt es eigentlich ein Bürgerentscheid zu Stuttgart '21?
Es ist schon erstaunlich, wenn nicht schockierend, hier Kommentare wie "Und dann werden die Schüler und Lehrer aufgehetzt und demonstrieren" lesen zu "dürfen".
Die chilenische Realität ist, mit Verlaub, etwas krasser als dieser Artikel vermuten lässt: Arme haben nicht geringere Chancen, sondern so gut wie keine. Chile steht finanziell, theoretisch, sehr gut da, mit einem Durchschnittlichen Jahreseinkommen von US$ 15.000, nur bedauerlicherweise ist das eben ein errechneter Durchschnitt. Der Mindestlohn wurde gesetzlich letzten Monat auf CLP$ 182.500 (ca. US$ 400) festgesetzt, ergo US 4.800 Jahreseinkommen. Und das sind die offiziellen Zahlen, nicht zu sprechen von Familien die weniger verdienen.
Nun zu den Studienkosten:
Ich studiere an einer staatlichen Uni, einer der "günstigsten" welche CLP$ 1770000 (ca US$ 3.840) jährlich kostet. Nicht erwähnen möchte ich private Unis, welche bis zu CLP$ 4.500.000 und mehr verlangen.
Insofern wurden die Studenten nicht aufgehetzt die Studenten sind es schlicht & ergreifend leid, sich über Jahrzehnte (!!!) hinweg verschulden zu müssen, um in einem schlechten Bildungssystem (schlechte Infrastruktur, Professoren welche dank Arbeitsvertrag aus den Zeiten Pinochets unkündbar sind, selbst wenn diese ins Rentenalter kommen, etc.) studieren zu können.
Und deswegen waren wir gestern auf der Strasse, wo wir Zeugen einer gnadenlosen Polizeibrutalität waren, welche ältere Mitbürger an Zeiten der Diktatur erinnerten.
Informieren und DANN urteilen
für Deinen Bericht und die unmißverstehbare Klarstellung hier!
Es wäre sehr wohl interessant, zu erfahren, was mit den Inhaftierten passiert.
Ich mag ehrlicher Weise nicht daran denken, schon wieder Postkarten/Emails/Faxe nach Chile zu schicken, weil Menschen in Kerkern sitzen, nur weil sie ihre Grundrechte wahrnehmen.
Und ich möchte durchaus die Online Redaktion hier sensibilisieren, dieses Thema nicht aus den Augen zu lassen.
Schüler und Studenten gehen in ganz Chile seit 2 Monaten auf der Strasse für ein gerechteres Bildungssystem (das auch der finanziellen Mittel- und Unterschicht erlaubt zu studiern und eine qualitativ hochwertige Schulausbildung zu geniessen). Mittlerweile bekommen sie Unterstützung von Lehrern, Professoren, Eltern und Gewerkschaften. Es ist eine Eskalierung zu beobachten. In den Chilenischen Massenmedien werden die Proteste dargestellt als ob Antisoziale zum randalieren und Steine schmeissen auf die Strasse gingen. Ein offener Dialog wird verhindert, da die Ziele der Studenten, Schüler und Lehrer verklärt werden. In der Chilenischen Verfassung ist festgelegt, dass die Bildung Nicht profit orientiert sein darf. Der bis vor einer Woche im Amt gewesene Bildungsminister Joaquin Lavín ist selber Anteilhaber und Investor in einer der renomierten Universitäten Chiles. Ein Dialog wird verhindert da die politische Elite in Chile traditionell zugleich die wirtschaftliche ist (der President ist einer der reichsten Männer der Welt). Diese müsste mit einer Reformierung des Bildungswesen, in der einkommensschwächere Familien berücksichtigt würden, ein sehr profitables Geschäft stark einschränken. Wer gibt freiwillig eine profitable Einkommensquelle auf? Wie bring man jemanden dazu überhaupt auf ein gewinnbringendes Geschäft zu verzichten das schon 30 Jahre am laufen ist?
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Schüler und Studenten gehen in ganz Chile seit 2 Monaten auf der Strasse für ein gerechteres Bildungssystem (das auch der finanziellen Mittel- und Unterschicht erlaubt zu studiern und eine qualitativ hochwertige Schulausbildung zu geniessen). Mittlerweile bekommen sie Unterstützung von Lehrern, Professoren, Eltern und Gewerkschaften. Es ist eine Eskalierung zu beobachten. In den Chilenischen Massenmedien werden die Proteste dargestellt als ob Antisoziale zum randalieren und Steine schmeissen auf die Strasse gingen. Ein offener Dialog wird verhindert, da die Ziele der Studenten, Schüler und Lehrer verklärt werden. In der Chilenischen Verfassung ist festgelegt, dass die Bildung Nicht profit orientiert sein darf. Der bis vor einer Woche im Amt gewesene Bildungsminister Joaquin Lavín ist selber Anteilhaber und Investor in einer der renomierten Universitäten Chiles. Ein Dialog wird verhindert da die politische Elite in Chile traditionell zugleich die wirtschaftliche ist (der President ist einer der reichsten Männer der Welt). Diese müsste mit einer Reformierung des Bildungswesen, in der einkommensschwächere Familien berücksichtigt würden, ein sehr profitables Geschäft stark einschränken. Wer gibt freiwillig eine profitable Einkommensquelle auf? Wie bring man jemanden dazu überhaupt auf ein gewinnbringendes Geschäft zu verzichten das schon 30 Jahre am laufen ist?
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Es wäre sehr wohl interessant, zu erfahren, was mit den Inhaftierten passiert.
Ich mag ehrlicher Weise nicht daran denken, schon wieder Postkarten/Emails/Faxe nach Chile zu schicken, weil Menschen in Kerkern sitzen, nur weil sie ihre Grundrechte wahrnehmen.
Und ich möchte durchaus die Online Redaktion hier sensibilisieren, dieses Thema nicht aus den Augen zu lassen.
Schüler und Studenten gehen in ganz Chile seit 2 Monaten auf der Strasse für ein gerechteres Bildungssystem (das auch der finanziellen Mittel- und Unterschicht erlaubt zu studiern und eine qualitativ hochwertige Schulausbildung zu geniessen). Mittlerweile bekommen sie Unterstützung von Lehrern, Professoren, Eltern und Gewerkschaften. Es ist eine Eskalierung zu beobachten. In den Chilenischen Massenmedien werden die Proteste dargestellt als ob Antisoziale zum randalieren und Steine schmeissen auf die Strasse gingen. Ein offener Dialog wird verhindert, da die Ziele der Studenten, Schüler und Lehrer verklärt werden. In der Chilenischen Verfassung ist festgelegt, dass die Bildung Nicht profit orientiert sein darf. Der bis vor einer Woche im Amt gewesene Bildungsminister Joaquin Lavín ist selber Anteilhaber und Investor in einer der renomierten Universitäten Chiles. Ein Dialog wird verhindert da die politische Elite in Chile traditionell zugleich die wirtschaftliche ist (der President ist einer der reichsten Männer der Welt). Diese müsste mit einer Reformierung des Bildungswesen, in der einkommensschwächere Familien berücksichtigt würden, ein sehr profitables Geschäft stark einschränken. Wer gibt freiwillig eine profitable Einkommensquelle auf? Wie bring man jemanden dazu überhaupt auf ein gewinnbringendes Geschäft zu verzichten das schon 30 Jahre am laufen ist?
Ich kann Andrés und depuerto nur zustimmen, und möchte folgedes ergänzen:
- Der Brand im Kaufhaus (Foto) hat weniger mt Bildung zu tun sondern mit den Machenschaften dieses Kaufhauses "La Polar". Es geht um betrügerischen Bankrott und massenweise Fälschung von Kunden-Kreditverträgen. Inzwischen ist die Regierung eingeschritten um eine Lösung zu finden.
- Die Proteste auf der Strasse haben gestern bis in die Nacht hinein fast landesweite Unterstützung durch die Bevölkerung gefunden, in Form von "cacerolazos" = Vor der Tür auf Töpfe schlagen und so einen Riesenlärm zu veranstalten ohne das Versammlungsverbot zu missachten; eine populäre Demonstrationsform aus Diktatur-Zeiten, die auch viele böse Erinnerungen haben hochkommen lassen.
- Die Proteste richten sich nicht nur genen die Bildungspolitik. Sie sind als Protest gegen die Politische (Un-)kultur Chiles zu sehen, wo alle Politiker auch Unternehmer sind, und politische Entscheidungen praktisch immer auch Besitzstandswahrung der Oberschicht bedeutet. Daher wurde auch gegen ein riesiges Staudammprojekt heftigst protestiert, nicht weil die Wasserkraft so schlecht wäre, sondern weil das ganze in erster Linie ein Privatunternehmen ist und als öffentlicher Stromlieferant sozusagen eine Geldpresse oder Goldgrube darstellt. Natürlich in den Händen von irgendwelchen Verwandten und Freunden der Regierungsmitglieder, und auf keinen Fall in öffentlicher Hand!
Vielen Dank an Andrés und desdepuerto.
Ich wohne seit 18 Jahren in Chile und möchte hier nur noch eine ganz wichtige Aussage machen: Es geht nicht darum, die Schulbildung durch mehr Gelder zu verbessern. Die Schüler und Studentenbewegung verlangt die kostenlose Schulbildung für alle. Das ist ein ganz grosser Unterschied.
Ich bin lebendes Beispiel für viele Mütter, die mittlerweile ihre Kinder unterstützen und in Kauf nehmen, dass das Schuljahr nicht abgeschlossen werden kann, weil es durch die Proteste seit mehr als 2 Monaten keinen Unterricht gibt. Sie nehmen sogar in Extremfällen in Kauf, dass einige ihrer Kinder seit 19 Tagen im Hungerstreik sind und sich bei Protesten brutalster Polizeikraft ausliefern.
Die Proteste sind schon längst nicht nur auf das Bildungssystem allein gerichtet. Die sozialen Ungerechtigkeiten sind enorm. Eine Schulbildung, die für alle gleich ist, ist ein guter Anfang dies zu beenden. Und geld ist nicht das Problem. Chile hätte genug! Aber es ist für die Reichen im Land nun mal nicht vorstellbar, dass der Sohn eines Geschäftsführers die gleiche Schulbank drückt wie der Sohn eines Arbeiters. Denn damit hört die Vetternwirtschaft auf...
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