Arghandab in Süd-Afghanistan, im Hintergrund sind Isaf-Soldaten. © ROMEO GACAD/AFP/Getty Images)

ZEIT ONLINE: "Friedhof der Imperien" wird Afghanistan seit den Zeiten Alexanders des Großen genannt. Sowohl die Truppen des British Empire, als auch die Rote Armee mussten diese Erfahrung machen. Blüht den ISAF-Truppen ein ähnliches Schicksal?

Reinhard Erös: Nein, nicht im Sinne eines Friedhofs wie 1989 bei der Niederlage der Sowjetarmee. Die NATO wird nach ihrem Abzug 2014 eine öffentliche Niederlage in Afghanistan natürlich nicht eingestehen. Man wird mit einem geschickten wording, an dem man schon jetzt im NATO-Hauptquartier arbeitet, erklären, dass man seine Pflicht erfüllt habe und Afghanistan jetzt auf eigenen Füßen stehen könne.

ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass "Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt wird", wie Verteidigungsminister Peter Struck es 2002 formulierte?

Erös: Diese Aussage wurde leider von der Opposition und den Medien nie nach ihrem tieferen Sinn hinterfragt. Meiner Überzeugung nach war Deutschlands Sicherheit, zumindest bis 2005, von islamistischen Gruppen nie ernsthaft bedroht. Unser Ansehen in der arabischen und islamischen Welt war bis dahin viel zu gut, vor allem im Vergleich zu den USA und Großbritannien.

Im Übrigen war bei keinem der Anschläge vor und nach dem 11. September – in Nairobi, Daressalam, Madrid, London oder Bali – ein Afghane beteiligt. Bis heute wird kein Afghane von irgendeiner Polizeibehörde weltweit auch nur verdächtigt, an solchen Anschlägen oder Planungen mitgewirkt zu haben.

ZEIT ONLINE: Afghanistan gilt aufgrund seiner geographischen Lage als Spielball fremder Mächte. Welche Mächte sind das?

Erös: Alle Nachbarländer Afghanistans sind involviert, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, Afghanistan hat Bodenschätze und ist ein Durchgangsland. Pakistan hat zudem militärische Gründe, weil es das Afghanistan-Engagement von Erzfeind Indien fürchtet. Saudi-Arabien träumt immer noch von einem wahabitisch-sunnitischen Gottesstaat Afghanistan, als Pendant zu seinem großen Konkurrenten, dem schiitischen Gottesstaat Iran. Der Iran wiederum sieht sich an seiner Ostgrenze von den US-Truppen am Hindukusch bedroht und Russland hat als Nachfolgestaat der UdSSR mit Afghanistan noch ein Hühnchen zu rupfen. Deutschland ist inzwischen ausschließlich aus Gründen unerschütterlicher NATO-Bündnistreue dabei.

ZEIT ONLINE: Können unter diesen Voraussetzungen die innenpolitischen Probleme Afghanistans überhaupt gelöst werden?

Erös: Nein. Aber Afghanistan wäre ansonsten durchaus im Stande, seine Probleme in absehbarer Zeit und mit einer moderaten Entwicklungshilfe – auch durch das noch immer hochgeschätzte Deutschland – selbst zu lösen.

ZEIT ONLINE: Wie stark schätzen Sie den Einfluss Saudi-Arabiens in Afghanistan ein?

Erös: Saudi-Arabien und Pakistan waren nach dem Abzug der Sowjettruppen Gründer und Motor des Taliban-Regimes. Ohne die massive finanzielle, ideologische und politisch-diplomatische Unterstützung durch Saudi-Arabien und Pakistan hätte es nie ein Taliban-Regime in Afghanistan gegeben und wird es dort auch in Zukunft nicht geben.