Afghanistan"Ohne Saudi-Arabien und Pakistan kein Taliban-Regime"

Reinhard Erös arbeitet seit über 25 Jahren als Helfer in Afghanistan. Er beklagt den zerstörerischen Einfluss des Auslands und die Anwesenheit der US-Truppen. von Ramon Schack

Arghandab in Süd-Afghanistan

Arghandab in Süd-Afghanistan, im Hintergrund sind Isaf-Soldaten.  |  © ROMEO GACAD/AFP/Getty Images)

ZEIT ONLINE: "Friedhof der Imperien" wird Afghanistan seit den Zeiten Alexanders des Großen genannt. Sowohl die Truppen des British Empire, als auch die Rote Armee mussten diese Erfahrung machen. Blüht den ISAF-Truppen ein ähnliches Schicksal?

Dr. Reinhard Erös

 arbeitet seit über 25 Jahren in Afghanistan. Seit 1998 betreibt der Oberstarzt a. D. der Bundeswehr zusammen mit seiner Familie die Kinderhilfe Afghanistan, die im Osten des Landes zahlreiche Bildungseinrichtungen und Krankenhäuser aufgebaut hat. 1998 – noch unter der Herrschaft der Taliban –  gründete Erös dort eine Mädchenschule. Kinderhilfe Afghanistan finanziert sich ausschließlich aus Spenden.
 

Reinhard Erös: Nein, nicht im Sinne eines Friedhofs wie 1989 bei der Niederlage der Sowjetarmee. Die NATO wird nach ihrem Abzug 2014 eine öffentliche Niederlage in Afghanistan natürlich nicht eingestehen. Man wird mit einem geschickten wording, an dem man schon jetzt im NATO-Hauptquartier arbeitet, erklären, dass man seine Pflicht erfüllt habe und Afghanistan jetzt auf eigenen Füßen stehen könne.

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ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass "Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt wird", wie Verteidigungsminister Peter Struck es 2002 formulierte?

Erös: Diese Aussage wurde leider von der Opposition und den Medien nie nach ihrem tieferen Sinn hinterfragt. Meiner Überzeugung nach war Deutschlands Sicherheit, zumindest bis 2005, von islamistischen Gruppen nie ernsthaft bedroht. Unser Ansehen in der arabischen und islamischen Welt war bis dahin viel zu gut, vor allem im Vergleich zu den USA und Großbritannien.

Im Übrigen war bei keinem der Anschläge vor und nach dem 11. September – in Nairobi, Daressalam, Madrid, London oder Bali – ein Afghane beteiligt. Bis heute wird kein Afghane von irgendeiner Polizeibehörde weltweit auch nur verdächtigt, an solchen Anschlägen oder Planungen mitgewirkt zu haben.

ZEIT ONLINE: Afghanistan gilt aufgrund seiner geographischen Lage als Spielball fremder Mächte. Welche Mächte sind das?

Erös: Alle Nachbarländer Afghanistans sind involviert, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, Afghanistan hat Bodenschätze und ist ein Durchgangsland. Pakistan hat zudem militärische Gründe, weil es das Afghanistan-Engagement von Erzfeind Indien fürchtet. Saudi-Arabien träumt immer noch von einem wahabitisch-sunnitischen Gottesstaat Afghanistan, als Pendant zu seinem großen Konkurrenten, dem schiitischen Gottesstaat Iran. Der Iran wiederum sieht sich an seiner Ostgrenze von den US-Truppen am Hindukusch bedroht und Russland hat als Nachfolgestaat der UdSSR mit Afghanistan noch ein Hühnchen zu rupfen. Deutschland ist inzwischen ausschließlich aus Gründen unerschütterlicher NATO-Bündnistreue dabei.

ZEIT ONLINE: Können unter diesen Voraussetzungen die innenpolitischen Probleme Afghanistans überhaupt gelöst werden?

Erös: Nein. Aber Afghanistan wäre ansonsten durchaus im Stande, seine Probleme in absehbarer Zeit und mit einer moderaten Entwicklungshilfe – auch durch das noch immer hochgeschätzte Deutschland – selbst zu lösen.

ZEIT ONLINE: Wie stark schätzen Sie den Einfluss Saudi-Arabiens in Afghanistan ein?

Erös: Saudi-Arabien und Pakistan waren nach dem Abzug der Sowjettruppen Gründer und Motor des Taliban-Regimes. Ohne die massive finanzielle, ideologische und politisch-diplomatische Unterstützung durch Saudi-Arabien und Pakistan hätte es nie ein Taliban-Regime in Afghanistan gegeben und wird es dort auch in Zukunft nicht geben.

Leserkommentare
  1. Wenn die Amerikaner gehen, werden die Taliban kommen. Und dann ist die bewundernswerte Arbeit von Herrn Erös vorbei. Hoffentlich kommt er noch lebendig raus.

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    Dr. Erös hat bereits zu Zeiten der Sowjetinvasion Entwicklungshilfe geleistet und die Zivilbevölkerung medizinisch versorgt- man sollte ihm zutrauen, die Lage einschätzen zu können, wahrscheinlich eher, als viele Offiziere, die im Moment in Afghanistan stationiert sind.

    • zenobit
    • 05. August 2011 17:42 Uhr

    Endlich darf auch mal wieder ein Kenner (also wirklicher Experte) des Landes in einer großen Zeitung zu Wort kommen. Ich habe leider von Herrn Erös in letzter Zeit wenig gelesen.

    "Wenn die Amerikaner gehen, werden die Taliban kommen. Und dann ist die bewundernswerte Arbeit von Herrn Erös vorbei. Hoffentlich kommt er noch lebendig raus."

    Das ist nicht richtig werter Herr Kraus. Sie können sich gerne über die Arbeiten der Kinderhilfe Afghanistan informieren:
    http://www.kinderhilfe-af...
    Dr. Erös operiert gerade in den Talibanhochburgen im Osten des Landes. Dort betreibt und unterstützt er mit seinen Mitarbeitern u.a. Friedensschulen für Buben und Mädchen, Waisenhäuser, Krankenstationen und Mutter-Kind-Kliniken etc. . Das geht natürlich nicht ohne einen regen Austausch und Verhandlungen mit den Islamisten. Er hat einmal in einem Interview erwähnt, dass noch nie einer seiner Mädchenschulen oder anderen Einrichtungen von den Taliban zerstört wurde. Das wird auch nach dem Abzug der Amerikaner so bleiben. Wie er hier in dem Interview sagte, wird seine Arbeit lediglich durch die Anwesenheit der Natosoldaten belastet. Er zeigt eindrucksvoll, wie den Menschen in Afghanistan am Besten geholfen werden kann.

    erstens will ich mich auch bei Zeit Online bedanken wie schon Zenobit es erwähnt hat, ein wahrer experte und ein afghanistan kenner zu wort kommt. ich bin afghaner und ein großer fan von herr Dr. Erös. der man kennt afghanistan besser als viele afghaner im westen. was er in afghanistan leistet ist mit nichts zu vergleichen. ich habe hin persönlich in afghanistan erlebt. Herr Dr Erös im osten das landes verhert und geliebt, die menschen hören eher auf ihn als auf die Mullahs und islamistan.

    wie können sie überhaupt über eine thema ihren saft geben, obwohl sie von der sache keine ahnung haben. sie sind einer von denen die selbst zu faul sind um den hirn an zu strengen und laber alles aws die medien von sich geben. was sie hier zulande in den medien hörn, besonder was afghanistan angeht, ist zu 99% falsch.

    informieren sie sich bitte befor sie so einen känner kritisieren wollen, sonnst machen sie sich lächerlich.

    • Lutz2
    • 05. August 2011 16:31 Uhr

    Endlich mal einer der ehrlich seine Meinung in unseren Leitmedien
    sagen darf.
    Sonst sind da immer die Scharfmacher aus unserer Politikerkaste oder die instruierten manipulativ ausgewählten Helden der Front am fabulieren mit den üblichen Phrasen und das mit leicht veränderten O-Ton seit 10 Jahren verabscheuungswürdigem Angriffskrieg, den das deutsche Volk von seinen Politikerverrätern gegen seine Willen aufgezwungen bekommt.

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    Dass einige Kommentatoren ständig von einem Angriffskrieg reden müssen, ist schon sehr irreführend. So als hätte man ein fremdes Volk wider Willen unterworfen. Schauen Sie, diese Taliban haben gerade mal etwa 25.000 Kämpfer, bei einer afghanischen Bevölkerung von 30 Millionen Menschen. Und knapp die Hälfte dieser Kämpfer kommt ebenfalls aus dem Ausland. Die Taliban sind weder eine legitime Regierung, noch eine repräsentative Vertretung des afghanischen Volkes. Und das hat auch die sog. Nordallianz so gesehen, an deren Seite wir kämpften.

    Das Problem Afghanistans war auch zu keinem Zeitpunkt die ungeheure militärische Macht der Taliban. Sondern: Das es in Afghanistan keinen richtigen Staat gibt und jede Terrorbande oder Mafiaorganisation weitgehend unbehelligt vor nichtexistenten Sicherheitsbehörden agieren konnte. Und ein solches Land auf ein Entwicklungsniveau von etwa dem Irak zu bringen, hätte Jahrzehnte in Anspruch genommen. Dafür fehlte die Gedult. Ich glaube allerdings, ein Fehler war es, in Afghanistan den Versuch zu unternehmen, eine rechtsstaatliche Demokratie zu errichten, während das Entwicklungsniveau des Staates wohl gerade für ein feudalistisches System gereicht hätte.

    von dem er null ahnung hat sein saft gibt.

    [...] wer sind die taliban? wissen sie das? es gibt die taliban die von den amis, saudie und pakistan unterstütz werde. die sind zahlenmässig nicht mal 3000 und dan gibt es die menschen (offiziel von der UN genannte aufständische) die gegen der Roten armee gekämpft haben und nun auch gegen nato besatzung kämpfen und die sind über 500000 man stark.

    das was die taliban zu ihre regierungs zeiten ein paar hinrichtungen in den stadien abgezogen haben, das wurde denen befollen um den weg zu ebnen für die invasion der NATO. Die USA hat befollen und Saudies haben das geld gegeben und pakistan hat die hinrichtungen ausgeführt.

    ich bin afghaner und will ihnen auch sagen bevor sie mit der argumentation kommen das ich auch ein taliban sypatisant wäre. ICH BIN ATHEHIST.

    informieren sie sich bitte befor sie hieren saft hier geben.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgangston und belegen Sie Tatsachenbehauptungen mit Quellenangaben. Danke. Die Redaktion/vn

    • Zuntz
    • 05. August 2011 16:51 Uhr

    Genau..raus da und Umweltsünder bekämpfen.
    Dafür würde es sich lohnen an den meisten Ecken dieser
    Welt.
    Solche Armeen mit geschultem Bewußtsein braucht der
    Planet,dringendst.
    Alles andere regelt sich.

  2. Dr. Erös hat bereits zu Zeiten der Sowjetinvasion Entwicklungshilfe geleistet und die Zivilbevölkerung medizinisch versorgt- man sollte ihm zutrauen, die Lage einschätzen zu können, wahrscheinlich eher, als viele Offiziere, die im Moment in Afghanistan stationiert sind.

  3. Dass einige Kommentatoren ständig von einem Angriffskrieg reden müssen, ist schon sehr irreführend. So als hätte man ein fremdes Volk wider Willen unterworfen. Schauen Sie, diese Taliban haben gerade mal etwa 25.000 Kämpfer, bei einer afghanischen Bevölkerung von 30 Millionen Menschen. Und knapp die Hälfte dieser Kämpfer kommt ebenfalls aus dem Ausland. Die Taliban sind weder eine legitime Regierung, noch eine repräsentative Vertretung des afghanischen Volkes. Und das hat auch die sog. Nordallianz so gesehen, an deren Seite wir kämpften.

    Das Problem Afghanistans war auch zu keinem Zeitpunkt die ungeheure militärische Macht der Taliban. Sondern: Das es in Afghanistan keinen richtigen Staat gibt und jede Terrorbande oder Mafiaorganisation weitgehend unbehelligt vor nichtexistenten Sicherheitsbehörden agieren konnte. Und ein solches Land auf ein Entwicklungsniveau von etwa dem Irak zu bringen, hätte Jahrzehnte in Anspruch genommen. Dafür fehlte die Gedult. Ich glaube allerdings, ein Fehler war es, in Afghanistan den Versuch zu unternehmen, eine rechtsstaatliche Demokratie zu errichten, während das Entwicklungsniveau des Staates wohl gerade für ein feudalistisches System gereicht hätte.

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    • Kite
    • 06. August 2011 10:38 Uhr

    Das Vorgehen der Amerikaner in den ersten Jahren des Krieges in Afghanistan bezeichnet schon einen Angriffskrieg. Das Ziel war mit wenigen Ressourcen durch die Unterstützung der Kriegsfürsten Al-Qaida und die Taliban zu schlagen, oder in anderen Wörtern: die Rache auszuüben. Die Taliban repräsentieren zwar das afghanische Volk nicht, ihr Widerstand profitiert aber von der Unzufriedenheit und Enttäuschung der Menschen in Afghanistan.

    Es könnte doch zu einem funktionierten Staat kommen, wenn man auf die zivile Gesellschaft gehört hätte. Auch jetzt ist nicht zu spät, die richtigen Kräfte im Land zu unterstützen, um das kommende Chaos zu verhindern.

  4. Finanzieren und unterstützen, aber alle finden's cool.
    Afghanistan sollte sich vielleicht auch mal ein paar Ölquellen zulegen und fleissig Airbusse, Boeings, Panzer und Geheimpolizeiausbilder bestellen: schlagartig wär' Ruhe in den bundestagen dieser Welt...

    • Zack34
    • 05. August 2011 17:09 Uhr
    • WiKa
    • 05. August 2011 17:13 Uhr

    … dieser Artikel, aber wird wie immer nicht in den Köpfen unserer Politiker ankommen. Und offenbar muss man nur aus Gründen der Gesichtswahrung dort noch mitmetzeln.

    Ließe man die Afghanen allein, dann würden wir sicherlich noch die allerhand Schreckensbotschaften von dort bekommen, aber insgesamt bin ich überzeugt, würde die zahl der Toten abnehmen.

    Was ist also am Ende mehr wert? Die westlichen Interessen und vermeintlich freiheitlich demokratische Entwicklung vor Ort oder die Menschenleben? Mal sehen wann sich ein Politiker für eine ehrliche Beantwortung findet.

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    • Otto2
    • 05. August 2011 22:01 Uhr

    1. Herr Dr. Erös ist der Meinung, dass wir D. in Wahrheit nicht in Afg. verteidigen. ("nur aus Bündnistreue zur Nato")
    2. Der Westen hat in Afg. 2 wichtige Feinde (oder sanfter ausgedrückt "Gegenspieler"). Saudi-Arabien und Pakistan heißen die. Gleichzeitig firmieren beide als Bündnisparter im Kampf gegen die Taliban, die sie ihrerseits erst geschaffen oder protegiert haben.
    Der Westen wird offensichtlich von Genies regiert. Wir, der Rest, sind nur zu unfähig, diese Strategen zu verstehen. Es kostet aber unser Geld und - Menschenleben! Sehr schlimm!

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