EntwicklungspolitikAfrika jenseits der Katastrophe

Eine wachsende Zahl oft demokratischer Staaten bekämpft erfolgreich die Armut. Das ist eine Chance für die Entwicklungskooperation. von Dirk Messner

Farm in Kapchorwa in Uganda

Farm in Kapchorwa in Uganda   |  © WALTER ASTRADA/AFP/Getty Images

Elend, Gewalt, Korruption, wirtschaftliche Rückständigkeit, schlechte Regierungsführung: Nicht erst die aktuelle Hungersnot in Ostafrika prägt unser Bild von Afrika. Doch dies ist ein verzerrter Eindruck unseres Nachbarkontinents, denn es sieht so aus, als wenn eine wachsende Zahl Staaten die Teufelskreisläufe ihrer Armut überwinden kann. In den letzten Jahren hat eine Gruppe von gut fünfzehn Ländern Subsahara-Afrikas bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Eine kürzlich erschienene McKinsey-Studie spricht gar von den African Lions on the Move.

Dirk Messner
Dirk Messner

ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten zu Fragen internationaler Entwicklungspolitik.

Länder wie Botswana, Äthiopien, Mali, Mauritius, Mosambik, Ruanda, Tansania, Uganda, Sierra Leone und Cap Verde konnten in der vergangenen Dekade das Bruttosozialprodukt pro Kopf um jährlich etwa vier Prozent steigern. Auch in Togo, Benin, Ghana und Burkina Faso konnte die Armut signifikant reduziert werden. Diese Länder sind während der Weltwirtschaftskrise der vergangenen drei Jahre erstaunlich robust gewachsen.

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Was ist geschehen? Zunächst ist die Zahl der Demokratien in Subsahara-Afrika seit 1989 von drei auf 23 gestiegen. Zugleich hat die Zahl der Konflikte abgenommen. Sukzessive verbessert sich in den afrikanischen Wachstumsländern die Regierungsführung. Auch die Wirtschaftspolitiken haben sich im Verlauf der vergangenen Jahre stabilisiert. Die Inflation ist flächendeckend gesunken, öffentliche Haushalte wurden saniert, Handelsbilanzdefizite abgebaut. Zwischen 2000 und 2010 konnten alle afrikanischen Staaten, mit Ausnahme Simbabwes, ihren Human Development Index steigern – wenn auch von sehr niedrigem Niveau ausgehend.

In diesem Prozess sind auch neue Akteure entstanden: moderne Politiker, die nicht mehr durch die Logik des Kalten Krieges geprägt sind; aufmerksamere Zivilgesellschaften, die auch von den neuen Kommunikationstechnologien profitieren können, wie sich gerade in Nordafrika zeigt; dynamische Unternehmen, die Entwicklungsmöglichkeiten in der Weltwirtschaft nutzen.

Dynamik, Ressourcen, Exporte

Die Dynamik in der Gruppe der wachsenden afrikanischen Ökonomien hat jedoch auch mit Veränderungen in der Weltwirtschaft zu tun. Das Wachstum in Asien verstärkt die Nachfrage nach Rohstoffen, Energie sowie Land für die Nahrungsmittelproduktion der Zukunft. In diesem Kontext hat das ressourcenreiche Afrika an Bedeutung gewonnen.

Die afrikanischen Exporte nach China explodieren, chinesische Direktinvestitionen in Afrika steigen stark an. Die sich abzeichnenden Ressourcenengpässe in einer wachsenden Weltwirtschaft sowie das steigende Interesse der Schwellenländer an Afrika haben den Kontinent auch für Europa wieder interessant gemacht.

Ist das Wachstum der afrikanischen Wachstumsstaaten nachhaltig? Einige der skizzierten Basistrends stimmen optimistisch. Es bestehen also Chancen, dass eine ganze Ländergruppe nachhaltige Wege aus der Armut findet. Hiervon könnte ein wichtiger Impuls für eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung in Afrika insgesamt ausgehen.

Leserkommentare
  1. faellig und ist die korrekte Antwort auf die Unwissenheit vieler europaeischer und auch afrikanischer Kommentatoren, die einerseits die Europaer fuer alles verantwortlich machen, was in Afrika passiert, gleichzeitig aber Entwiclungshilfe verteufeln.

    Der Kommentar wurde wieder hergestellt. Danke für den Hinweis, die Redaktion/fk.

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    Genau wir (der Westen) unterstützen die Demokratie in Afrika, z.B. Shell in Nigeria. Oder indem wir durch Wahlen legemitierte Präsidenten Auftragskiller auf den Hals hetzen z.B. Evo Morales.

  2. >Länder wie [..] konnten in der vergangenen Dekade das Bruttosozialprodukt pro Kopf um jährlich etwa vier Prozent steigern. Auch in [..] konnte die Armut signifikant reduziert werden.

    Wann kapiert endlich jeder, dass Wirtschaftswachstum in keinem direkten Zusammenhang zu Armut steht? Wenn vor der Küste eines solchen Landes seit kurzem massiv Erdöl gefördert wird, erhöht sich das BIP des Landes mal eben um 10%, ohne dass sich an der Armut irgendetwas ändert.

    In Deutschland steigt das BIP auch seit 20 Jahren, die Armut nimmt trotzdem zu, weil die Einkommen ungleicher verteilt sind.

    Die Aussage das Artikels kann ja korrekt sein, das BIP als Indikator macht das ganze aber leider absurd. Wie wär es das mit einem vernünftigen Indikator zu begründen, z.B. dem inflationsbereinigten Durchschnittseinkommen des unteren Viertels der Bevölkerung? Weiss der Autor, wie es damit aussieht?

    2 Leserempfehlungen
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    Arbeitsplaetze schaffen, Sozialleistungen erbringen etc.
    Dass in Deutschland bei steigendem BIP statistisch mehr
    Arme da sind, hat mit der Formel zu tun und auch mit der
    Aenderung von Bevoelkerungsstrukturen. Die Definition von
    Armut ist ein Verhaeltnis zwischen Einkommen, sodass in jedem Land die Armut anders definiert ist. Im uebrigen haben
    nur die wenigsten der genannten Laender Erdoel. Es ist leider Tatsache, dass die Oel-Laender in Afrika ein schlechtere Entwicklung haben als andere die praktisch ueber gar keine Ressourcen verfuegen - Angola vs Kapverden
    eine

  3. Nicht vergessen sollte man bei der Betrachtung, daß der Beginn der wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas in eine Zeit fällt, die durch das Wegbrechen der fossilen Ressourcen der klasssischen Industriegesellschaften geprägt ist. Stellen diese ihre Rohstoffbasis nicht in absehbarer Zeit auf regenerative Quellen um, werden sie zurückfallen und in der Bedeutungslosigkeit versinken.

    Allerdings reichen die regenerativen Ressourcen, vor allem Ackerland, zumindest in Europa für diese Umstellung bei weitem nicht aus, so daß in bedeutendem Umfang zugekauft werden muß. Die momentan herrschende Abschottung der Märkte in den Industrienationen wird darum nicht aufrecht zu erhalten sein und hoffentlcih bald einem freien und fairen Welthandel für Agrarprodukte Platz machen, der sowieso längst überfällig ist.

    Was dabei für Afrika spricht ist vor allem seine große Nähe zu Europa, einem der potentiellen Hauptabnehmer dieser Produkte. Darüberhinaus ist bei den Ureinwohnern Afrikas eine weitere, überaus wichtige Ressource vorhanden, die m.E. heute noch bei weitem unterschützt wird: Intime Kenntnisse über die Möglichkeiten, die natürlichen Ressourcen dort nachhaltig zu nutzen und dadurch die Fehler zu vermeiden, die durch die Anwendung europäischer Agrarwirtschaftsweise in der Vergangenheit entstanden sind.

    Wo sich die Menschen in Afrika also zusammenraufen, um ihre Ressourcen friedlich zu erschließen, werden Hunger und Elend bald endgültig besiegt werden können - zum Nutzen aller.

  4. Subsahara-Afrika jenseits von Hunger, Krieg, Krankheit, kleptokratischen Regierungen und Korruption zu zeigen - so sehr fehlen mir hier europäische Ansätze.

    Es wäre, neben dem auch europäischen Interesse an Afrikas Rohstoffen, eine gute und nachhaltige Idee, sich an einigem des chinesischen Engagements http://www.taz.de/1/zukun... zu orientieren - z.B. in Unternehmen zu investieren oder sie zu initiieren, die für den afrikanischen und/oder den europäischen Markt produzieren und damit Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Infrastruktur zu fördern. Dazu müßten aber die europäischen Einfuhrzölle fallen. Davon lese ich bei Prof. Dr. Dirk Messner leider kein einziges Wort. Leider lese ich auch keine Initiative zu Exportverboten für hochsubventionierte Produkte aus Europa auf afrikanische Märkte, die lokale Produzenten plattmachen, da sie damit nicht konkurrieren können.

    Hier aber mal die schöne Geschichte von der Rettung eines schwäbischen Textilunternehmens durch Export nach Westafrika. 'In Afrika Geld verdienen? Ja, das geht, weil der Kontinent eben nicht nur aus hungernden Kindern und heruntergekommenen Blechhütten besteht.' >>Knirsch und Glanz http://www.brandeins.de/a... leider fehlen online die wunderschönen Fotos aus der Printausgabe - lauter extrem gut gekleidete Menschen.

  5. Arbeitsplaetze schaffen, Sozialleistungen erbringen etc.
    Dass in Deutschland bei steigendem BIP statistisch mehr
    Arme da sind, hat mit der Formel zu tun und auch mit der
    Aenderung von Bevoelkerungsstrukturen. Die Definition von
    Armut ist ein Verhaeltnis zwischen Einkommen, sodass in jedem Land die Armut anders definiert ist. Im uebrigen haben
    nur die wenigsten der genannten Laender Erdoel. Es ist leider Tatsache, dass die Oel-Laender in Afrika ein schlechtere Entwicklung haben als andere die praktisch ueber gar keine Ressourcen verfuegen - Angola vs Kapverden
    eine

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    Armut definiert sich mitnichten nur über das Einkommen, sondern auch über Lebenserwartung, Bildung, Säuglingssterblichkeit, allgemeiner medizinischer Versorgung etc. Dazu gibt es einen Index, der ein klein bißchen weiter führt als das BIP, nämlich der HDI, der Human Development Index (der in der Kritik steht, weil er viel zu sehr mit dem BIP korreliert)
    http://de.wikipedia.org/w...
    http://hdr.undp.org/en/st...

    Das BIP *könnte* mit Armutsreduzierung zu tun haben, vorausgesetzt, es existiert politischer Wille dazu. Das aber ist auch in Europa oder den USA nicht der Fall.

    • bugme
    • 10. August 2011 18:29 Uhr

    Es würde wahrscheinlich schon helfen, wenn die EU nicht einen großen Teil ihres Budget für Agrarsubventionen ausgeben würde, sondern wenn der europäische Markt auch für afrikanische Staaten (zB. Marokko, Tunesien, etc) geöffnet werden würde. Die Chancen auf Tomaten, die nicht lediglich nach Wasser schmecken, würde damit auch steigen! :-)

    Eine Leserempfehlung
    • Foucher
    • 10. August 2011 19:50 Uhr

    Guter Artikel!
    "Zunächst ist die Zahl der Demokratien in Subsahara-Afrika seit 1989 von drei auf 23 gestiegen."
    Gibt es eine Quelle für diese Angabe?

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    >>Guter Artikel!
    "Zunächst ist die Zahl der Demokratien in Subsahara-Afrika seit 1989 von drei auf 23 gestiegen."
    Gibt es eine Quelle für diese Angabe?<<

    Versuchen Sie es mal mit folgendem Artikel: "Demokratie in Afrika" von Gero Erdmann / GIGA Institut für Afrikastudien (zwar nicht mehr ganz taufrisch, aber inhaltlich noch keineswegs jenseits des Verfallsdatums). Eine sehr differenzierte Analyse der afrikanischen Demokratien, die sowohl die enormen Fortschritte würdigt, als auch kritische Aspekte ausführlich beleuchtet.

    Ist sicher nicht die Original-Quelle (weil etwas zu alt und außerdem 24 Demokratien zählend), aber nach der Lektüre ist man tatsächlich um einiges schlauer ...

    http://www.giga-hamburg.d...

  6. der einen Weg aus der Armut für Afrika aufzeigt und die wertvolle Gelegenheit, "duale" (wirtschaftliche und politische) Kooperationen in diesen "emerging states" zu nutzen.

    Meiner Meinung nach lassen solche Kooperationen diesen Staaten Raum, eigene Lösungen zu entwickeln. Und dabei den Schatz ihres kulturellen Erbes zu nutzen, so wie z. B. einst Amerikaner afrikanischen Ursprungs aus traditionellen Gesängen ihrer Vorfahren Gospel, Soul, Jazz und Blues entwickelten.

    Neben der Wirtschaft (hauptsächlich Primärsektor) werden von Herrn Messner auch die essentiellen Themen Bildung und Gesundheit angesprochen.

    Was meiner Meinung nach ergänzt werden kann, ist dass wir (Europäer) auch auf jeden Fall bei der Entwicklung von Menschenrechts-, Umwelt-, Sozial- und andere Standards, helfen sollten. Denn diese gehören zu einer vollständigen Weiterentwicklung, zumindest nach westlicher Ansicht, dazu; und können sicher "Hand in Hand" mit wirtschaftlicher Entwicklung am besten entwickelt werden.

    Wie schon angesprochen,gehören meiner Meinung nach natürlich auch faire Handelsabkommen (Einfuhrzölle, Subventionen) zu einer guten Afrikapolitik.

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