Bildungsproteste : Chiles Präsident lehnt kostenlose Bildung ab

Staatschef Piñera hat die Forderung der demonstrierenden Studenten nach gebührenfreiem Unterricht zurückgewiesen. Gewerkschaften kündigten an, den Protest zu verstärken.
Chiles Präsident Sebastián Piñera © Cris Bouroncle/AFP/Getty Images

Nach den Protesten gegen das Bildungssystem hat Chiles Präsident Sebastián Piñera die Forderung der Studenten nach kostenloser Bildung für alle zurückgewiesen. Alle wollten Bildung, Gesundheitsversorgung und viele andere Dinge kostenlos, sagte er. "Doch ich will daran erinnern, dass nichts im Leben umsonst ist, jemand muss dafür zahlen." Würde der Staat kostenlose Bildung für zehn Prozent der Bevölkerung geben, müssten alle, einschließlich der Armen, dafür aufkommen.

In Chile protestieren Schüler, Lehrer und Studenten seit Monaten für eine stärkere finanzielle Beteiligung des Staates an der Bildung sowie für eine bessere Ausstattung der staatlichen Schulen. Vergangene Woche eskalierten die Proteste, es gab Gewalt zwischen Polizei und Demonstranten. Bei den vom Staat nicht erlaubten Demonstrationen waren fast 900 Studenten und auch minderjährige Schüler festgenommen worden.

Der Konflikt um eine Reform des Bildungs- und Erziehungssystems hat dem Ansehen der Regierung Piñeras stark geschadet. Die Umfragewerte des konservativen Staatschefs fielen seit Beginn der Proteste auf 26 Prozent. Gewerkschaften kündigten an, sich den Protesten gegen den weiteren Rückzug des Staats anzuschließen.

In Chile kostet der Besuch von Universitäten und eines Großteils der Schulen Geld. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung kann sich ein Universitätsstudium nicht leisten. Laut der Unesco zählt Chile zu den Ländern, in denen die sozioökonomische Trennung an den Bildungseinrichtungen am weitesten fortgeschritten ist.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Aha...

"Würde der Staat kostenlose Bildung für zehn Prozent der Bevölkerung geben, müssten alle, einschließlich der Armen, dafür aufkommen."

Und in der jetzigen Situation müssen die armen also weniger Steuern zahlen ?
Genau wie bei uns ! Durch die Privatisierung der Post oder der Energieversorgung zahlen wir ja auch alle viel weniger Steuern ! Ups... ne doch nicht...aber egal...wird schon keiner merken.

Schlimmer noch

»Und in der jetzigen Situation müssen die armen also weniger Steuern zahlen ?
Genau wie bei uns !«

Ein Großteil der Bevölkerung lebt von einem Mindestlohn, der z.Zt. ~184.000 CLP ausmacht, das sind noch keine 300€. Nach dem großen Erdbeben vom 27.2.2010 und dem folgenden Tsunami sind die Verbraucherpreise um bis zu 30% gestiegen und natürlich nie mehr gesunken.

Was Chile braucht ist eine eigenständige Wirtschaft und die gibt es kaum. Mit eigenständig meine ich hier z.B. Handwerkerwesen, also inländische Wirtschaft. Agrarprodukte werden über Agrosuper ins Ausland, vorwiegend Deutschland, exportiert. Kupfer wird ausgegraben und unbehandelt exportiert, der Rest wird auf Halden entsorgt - keine Veredelung oder Restmineralienverarbeitung. Die Lachszuchten im Süden haben den Fischern die Ernährungsgrundlage genommen und ganze Fjoerde verseucht - dank dem Erdbeben/Tsunami gibt es keine Lachse mehr. Um schneller an Holz zukommen wurden Eukalyptus-Bäume importiert und verdrängen ganz agressiv den natürlichen Baumwuchs. Die Zelluloseverarbeitung verseucht Flüsse und Natur ....

All diese Industrien liegen in einzelnen Händen. Wer zahlt da Steuern? Nur die Arbeiter, kennt man ja auch von Deutschland.

Ach ja, die Gewinne aus der Kupfergewinnung werden in den USA "gewinnbringend" angelegt aber kaum ins Land investiert, für die Zukunft wie es heißt. Keiner weiß wieviel Milliarden dieser Anlagen von den US-Banken vernichtet wurden.

Man will keine Geschenke, sondern Zukunft.

Konsequenz

Der chilenische Präsident hat recht, vor allem an Hochschulen zahlt der ärmere Teil der Bevölkerung für etwas, das fast ausschließlich von der Mittelschicht genutzt wird.

Nur muss man auch so konsequent sein, und das staatliche Schul/Hochschulmonopol aufheben um den Preis für die Ausbildung zu senken. Wenn man schon sein eigenes Geld ausgibt, dann sollte man auch entscheiden können wo das passieren soll, ansonsten hat das ganze keinen Sinn.

Präsident Piñera hat sich in eine Sackgasse manövriert

Es ist natürlich eine kaum realisierbare Maximalforderung der von linken Oppositionellen unterstützten jugendlíchen Protestbewegung, "kostenlose Bildung für Alle" einzufordern, die für Chile kaum finanzierbar wäre.

Aber die von den Demonstrierenden aufgezeigten Missstände im chilenischen Bildungssystem sind allgemein bekannte Realität, an der in der Tat dringend etwas geändert und gründlich reformiert gehört. Immerhin geht es um die Jugend des Landes, und somit auch um die Zukunft Chiles.

Dass der chilenischen Regierung jetzt nicht besseres einfällt, als die Demonstrationen der von der Bildungsmisere betroffenen Jugend zu verbieten und mit überharter Polizeigewalt darauf zu reagieren, anstatt sie demokratisch Demonstrieren zu lassen und mit ihren gewählten Sprecherinnen und Sprechern in einen offenen Dialog zu treten, kostet die Regierung von Präsident Piñera nun einen immer herberen Ansehensverlust in der chilenischen Bevölkerung, die überwiegend viel Verständnis für die berechtigten Anliegen ihrer Jugend hat.