AfrikaDie Kritik an Chinas Entwicklungshilfe ist übertrieben

Investitionschance statt Armutskontinent: Pekings Entwicklungshilfe in Afrika ist pragmatisch angelegt. Ein Gastbeitrag über das verzerrte Chinabild im Westen von Philipp Baumgärtner, Axel Berger und Deborah Brautigam

Ein chinesischer Bauingenieur in Kigali in Ruanda

Ein chinesischer Bauingenieur in Kigali in Ruanda  |  © SIMON MAINA/AFP/Getty Images

Wir Deutschen verfolgen Chinas Engagement in Afrika mit Skepsis – warum? Chinas wachsende Bedeutung für den afrikanischen Kontinent erregt bei allen traditionellen Geberländern große Aufmerksamkeit. Fast überall in Europa und Nordamerika hat die öffentliche Diskussion einen abwertenden Unterton, in Deutschland jedoch ist die Medienberichterstattung besonders kritisch. Schlagzeilen wie "Waffen, Öl, dreckige Deals – wie China den Westen aus Afrika drängt" des Magazins Der Spiegel suggerieren dem Leser, dass sich Chinas Aktivitäten in Afrika einzig und allein negativ auswirken würden.

Die Autoren

Philipp Baumgartner, Abteilung "Economic and Technological Change", Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn; Axel Berger, Abteilung "Ausbildung", Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE); Deborah Brautigam, Division "Development Strategy and Governance", International Food Policy Research Institute (IFPRI), Washington, D.C. Der Beitrag erscheint in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

Wir sind anderer Meinung. Trotz aller Herausforderungen, denen sich Chinas Entwicklungszusammenarbeit in Afrika gegenübersieht, hat sie erstaunlich viel für die Entwicklung des Kontinents zu bieten. Die öffentliche Meinung gegenüber Chinas Entwicklungspolitik liegt dabei in dreifacher Hinsicht falsch: dem Umfang der Hilfeleistungen, der Rolle von Rohstoffen und dem Einfluss auf Regierungsführung und Menschenrechten.

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Erstens ist die Dimension der finanziellen Zusammenarbeit Chinas viel geringer, als man uns glauben machen will. Die geschätzten 1,6 Milliarden US-Dollar staatlicher Entwicklungshilfe, die China 2009 in Afrika geleistet hat, bleiben weit hinter den Zuschüssen traditioneller Geber wie zum Beispiel Deutschlands zurück. Insgesamt erhielt Afrika 2009 fast 30 Milliarden Dollar öffentliche Entwicklungshilfe (Official Development Assistance – ODA) aus dem Westen.

Wesentlich mehr gibt China für Handelsförderung und andere staatliche Kredite aus, die Peking ebenfalls als Entwicklungszusammenarbeit im weiteren Sinne betrachtet. Westliche Regierungen gewährten nur 3,2 Milliarden Dollar Kredite dieser Art, die allgemein zu weniger günstigen Konditionen als öffentliche Entwicklungshilfe gegeben werden. Nach unseren Schätzungen auf Grundlage chinesischer Angaben hatte China in diesem Jahr dagegen mehr als sechs Milliarden zugesagt, unter anderem zur Finanzierung von Exporten im Wert von 50 Milliarden Dollar. Vor der Finanzkrise überwiesen westliche Privatbanken Milliardenbeträge nach Afrika – seit 2008 sind diese Quellen jedoch vollständig versiegt. Dass China den Zustrom von Geldern aufrechterhalten konnte, war für die afrikanische Wirtschaft von entscheidender Bedeutung.

Diese Zahlen können dennoch kaum als Beleg herhalten, dass China den Westen aus Afrika drängt. Im Gegenteil: Das Engagement der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sollte begrüßt werden, erst recht angesichts der im Westen herrschenden Finanznot.

Rohstoffhunger und Entwicklungspolitik

Zweitens heißt es, dass der angebliche Hunger Chinas nach Rohstoffen die Haupttriebfeder chinesischer Entwicklungspolitik in Afrika sei. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass Chinas Entwicklungshilfe relativ gleichmäßig über den Kontinent verteilt ist und entweder diplomatischen Zwecken dient oder im Rahmen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit gewährt wird. Tatsächlich ergänzt Chinas Engagement westliche Hilfe, denn Sektoren wie Infrastruktur und kleinbäuerliche Landwirtschaft werden von vielen traditionellen Gebern oft vernachlässigt.

Keine Frage: Der Zugang zu Ressourcen, oft als Gegenleistung für Infrastrukturprojekte, ist ein Kernelement des chinesischen – wie auch des westlichen – Engagements in Afrika. Allerdings nutzen die Rohstoff-Infrastrukturpakete, die wir gesehen haben, nur selten chinesische Entwicklungsgelder, sondern meist andere staatliche Mittel. Ob diese Tauschhandelsgeschäfte für die afrikanischen Länder von Nutzen sind, wird sich natürlich erst in Zukunft beurteilen lassen. Letztlich sind chinesische Unternehmen in einer ganzen Reihe anderer Sektoren aktiv, zum Beispiel im Bauwesen, im produzierenden Gewerbe und im Telekommunikationssektor.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als diskriminierend verstanden werden können. Danke, die Redaktion/se

  2. "Schlagzeilen wie "Waffen, Öl, dreckige Deals – wie China den Westen aus Afrika drängt" des Magazins Der Spiegel suggerieren dem Leser, dass sich Chinas Aktivitäten in Afrika einzig und allein negativ auswirken würden."

    An dergleichen Ressentiments mussten sich die Spiegel-LeserInnen bereits früher gewöhnen. China scheint man dort einfach auf dem Kicker zu haben:

    http://spiegelkritik.de/2007/11/23/chinesische-akademiker-erstatten-anze...

  3. die Entwicklungshilfe nicht wie zB bei den Europäern ständig mit Besserwisserei, erhobenen Zeigefingern und politischen Forderungen verbunden ist. Was mich allerdings bedenklich stimmt, ist, dass als Gegenleistung zB Einfuhrzölle gesenkt werden und chinesischer Billigschrott den Kontinent überschwemmt, den in Europa und USA wirklich niemand kaufen würde. Der afrikanische Otto-Normalverbraucher löhnt aber seinen schwerverdienten 1US$ für das chinesische Besteckset, das dann leider max. 2 Tage hält und dann kann er gleich wieder in die Tasche greifen. Und die einheimische Industrie geht langsam über den Jordan, weil nicht mal dort so billig produziert werden kann wie in China.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Genau der Westen, ist der Achso große Wohltäter für den afrikanischen Kontinent. Zum Beispiel kann man europäische Nahrungsmittel oftmals, dank Subventionen und niedrighaltung der Einfuhrzölle durch den IWF, zu der Hälfte des normalen Preises kaufen. Somit müssen die afrkanischen Bauern weniger bis garnicht arbeiten und können in Ruhe ihre Wasserbäuche pflegen. Zudem fließt doch ein Großteil der Entwicklungshilfe zurück nach Europa, auf schweizer Bankkonten. (Beispiel Nigeria) Dieses Geld kann man natürlich an Nestle verleihen die Kapital brauchen um z.B. die Wasserversorgung zu privatsieren.

    Genau das berichten mir auch Afrikaner, die es selbst erlebt haben. Allerdings darf man den Chinesen nicht so recht vorwerfen.
    Europa war für Afrika in der Geschichte größtenteils eher Fluch als Segen. Wir Europäer dürfen nicht mit dem Finger auf China zeigen und Ihnen dunkle Machenschaften unterstellen.
    Natürlich, in Afrika liegen Bodenschätze...nur kommt China da so einfach dran? Ich denke nicht.

    wird der Billigschrott, den die w(p)estlichen Industrienationen aus China kaufen dann aber auch als "realer" Schrott nach Afrika verkauft!!

    Guckst du hier: http://www.tagesspiegel.de/politik/international/vergiftete-flammen/1353...

    Das liebe ich so an den westlichen politisch/wirtschaftlich/gesellschaftlichen Standarts.Alle hat eine heuchlerische Doppelmoral!

    Ich Empfehle mich

    • eumeego
    • 17. August 2011 12:30 Uhr

    Irgendwann wird China seine Währung nicht mehr an den Dollar koppeln können und spätestens dann wird auch in China nicht mehr so preisgünstig produziert werden können. Da allerdings der chinesische Aufschwung vor allem von den vielen chinesischen billigen Arbeitern geschultert wurde, fragt man sich, ob den chinesischen Investoren nicht auch vorschwebt, in Zukunft afrikanische Arbeiter auszubeuten und ob dies ein Prozess ist, den man guten Gewissens unterstützen sollte.

    Gegenwärtig ist es sicher ein Problem, dass westliche Länder nicht dazu beitragen, Afrika in globalisierte Produktionsketten einzubinden. Statt dessen wird subventionierte europäische Nahrung günstiger als heimische angeboten, was die Entstehung lokaler Industrien verhindert, und auch durch Spendengelder wird kein ökonomisches Bewusstsein geschaffen. Die chinesischen Investoren verrichten somit wohl einen besseren Job darin, bei der afrikanischen Bevölkerung ein Verständnis für Marktwirtschaft zu wecken. Um sich wirtschaftlich eingliedern zu können, ist solch ein Verständnis essenziell.

    Allerdings bleibt fraglich, ob sich chineische Investoren auch die Errichtung von Schulen und Bildungsstätten engagieren. Ohne Bildung wird die Bevölkerung wohl kaum in der Lage sein, potentieller Ausbeutung selbstbewusst entgegenzuwirken. benso ist Bildung für Rechtstaatlichkeit/Schutz von Arbeitnehmern wohl unerlässlich. Es bleibt zu hoffen,dass der Wohlstand des Westens in Zukunft nicht auf den Schultern der Afrikaner ruht.

  4. Thematisch hat mich dieser Artikel sehr gelockt, nur lässt er mich unbefriedigt zurück.

    Ich habe den Eindruck, dass der Artikel lediglich verfasst wurde um das "öffentliche Bild" von China, bzw. seiner Entwicklungshilfe, zu relativieren ohne dabei an die harten Fakten zu gehen.

    Wenn die Entwicklungshilfen der einzelnen Staaten verglichen werden, dann kann man das doch anhand von Kennzahlen und Zusammenhängen darstellen, oder? Es wird wie in Deutschland auch in China ein Ministerium geben, wo die Entwicklungsförderung koordiniert wird.

    So wäre es möglich gewesen, Motive und Ziele der verschiedenen Ansätze aufzuzeigen.

    Ich freue mich, wenn die Autoren am Thema dran bleiben und ruhig etwas mehr in die Tiefe gehen - keine Sorge, die meisten ZEIT-Leser wollen gefordert werden (glaube ich zumindest).

  5. von:
    http://www.doppelpod.com/
    aus Beijing.

    Von der Sachlage beim Thema Entwicklungshilfe habe ich sehr wenig Ahnung. Zum Chinabild das im Spiegel propagiert wird, kann ich der "Stimme aus der Ferne" nur Recht geben. Gewoehnen werde ich mich daran allerdings nicht.

    Was soll man denn auch dazu sagen, wenn die Pauschalverurteilung der Chinesen dazu gefuehrt hat, dass man jetzt schon in Deutschland in die zweite Instanz gehen muss, um festzustellen, dass die Heirat mit einer Chinesin kein Kuendingunsgrund ist.

    http://www.zeit.de/karriere/beruf/2011-08/arbeitsrecht-urteil-heirat

    Sollen ich und meine Frau darueber jetzt lachen oder weinen? Oder sollen wir ignorieren, dass man beim Thema China oft nicht so genau hinschaut und alles in einen Topf wirft?

    Der Spiegel bleibt seinem Narrativ allerdings treu. CIA-Spionage ist nicht der Aufregung wert. Aber der Chinese.... der regierungstreue, knallgelbe Chinese....

    Sachlich Probleme benennen und Fakten berichten: Ja.

    Ressentiments schueren und ohne ausreichende Sachkenntnis vorverurteilen: Nein.

  6. Entschuldingung.

    Herzlichst
    Esel

  7. Liebe Redaktion,

    vielen Dank für diesen Gastbeitrag. Ich würde vorschlagen, noch viel mehr die redaktionelle (Afrika)Berichterstattung durch Gastbeiträge verschiedenster Experten und sogar auch Reisenden zu begleiten.

    Aus eigener Erfahrung kann ich dem Tenor dieses Beitrages zustimmen und in vielerlei Hinsicht bestätigen.

    Und - Hand auf's Herz - solange sich Deutschland den Herrn Niebel leistet, weiß ich nun auch nicht so genau, worüber sich die Deutschen beschweren wollen.

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