Krawalle : Cameron hat kein digitales Problem, sondern ein soziales

Krawallmachern Twitter wegnehmen, Blackberry-Dienste sperren: Der britische Premier macht absurde Vorschläge – doch die Reaktionen sind ebenso absurd. Ein Kommentar
Während der Krawalle in London am 8. August © Peter Macdiarmid/Getty Images

Es ist ein Reflex: Ein Premierminister versteigt sich dazu, das Internet (diesmal speziell soziale Netzwerke und Instant Messaging) kontrollieren und nötigenfalls abschalten zu wollen, um Straftaten zu verhindern. Sogleich rufen Internetversteher : Zensur, Angriff auf die Meinungsfreiheit, chinesische Methoden, arabisch-despotische Zustände!

Reflexe sind wichtig. Manchmal allerdings führen sie nicht weiter.

Natürlich ist der Vorschlag des britischen Premierministers David Cameron absurd, Krawallmacher aus sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook auszuschließen oder Dienste wie den Blackberry Messenger abzuschalten. Über diese Medien hatten Jugendliche in den vergangenen Tagen ihre Plünder- und Gewaltorgien organisiert.

Sicherheitspolitiker reagieren jedes Mal so, wenn sie auf neue Techniken stoßen. Innenminister Wolfgang Schäuble wollte potenziellen "Gefährdern" das Handy verbieten ; Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy will illegale Downloads damit bekämpfen, dass er den Tätern den Netzzugang blockiert .

Solche Vorschläge sind falsch und dumm. Falsch, weil sie wichtige Freiheitsrechte einschränken. Dumm, weil sie das Problem nicht lösen. Wem das Handy genommen wird, der borgt sich eben das des Kumpels. Wem der Internetzugang verboten wird, der geht halt zum Nachbarn. Wer aus Twitter oder Facebook ausgeschlossen wird, meldet sich neu an. Wem das Blackberry-Netz abgeschaltet wird, der muss nur auf den Aufschrei aller Banker hoffen, die mit dem Gerät arbeiten. Selbst wenn es möglich wäre, die elektronischen Kommunikationswege unliebsamer Leute zu blockieren: Die Aufstände in der arabischen Welt haben bewiesen, dass auch die Beschränkung der sozialen Netzwerke Aktivisten nicht aufhält, wenn sie denn wirklich ein Ziel vor Augen haben (was man bei den britischen Randalierern allerdings bezweifeln darf).

Doch der Reflex, solcherlei Vorschläge sogleich mit Vergleichen zu diktatorischen Regimen abzutun, geht ebenso ins Leere. Niemand kann ernsthaft glauben, dass sich Cameron für sein Land chinesische Zustände wünscht. Vielmehr drückt sich in der Forderung des Premiers vor allem Wachstumsschmerz aus. Wenn den wilden Tagen in Großbritannien irgendetwas Gutes abzulesen sein sollte, dann dies: Noch nie wurde uns in einem solchen Umfang vor Augen geführt, wie stark digitale und reale Gesellschaft inzwischen verschmolzen sind.

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Kommentare

104 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Achja..

...bei "uns" ist sowas immer irgendwie anders:

"Doch der Reflex, solcherlei Vorschläge sogleich mit Vergleichen zu diktatorischen Regimen abzutun, geht ebenso ins Leere. Niemand kann ernsthaft glauben, dass sich Cameron für sein Land chinesische Zustände wünscht."

Er "wünscht" das nicht. Ja ok. Die chinesische Regierung will doch auch nur das Beste, oder nicht?
Wer so argumentiert wie der Autor, hat nicht verstanden, wieso solche Grundrechte wichtig sind.

Denkt David Cameron ?

Kaum zu glauben das David Cameron nachdenkt wenn er die Abschaltung sozialer Netzwerke oder BB Messenger fordert? Der englische Premierminister ist typischer Vertreter einer rueckwaertsgewandten "Tory" Partei, weshalb seine Ideen auf der anderen Seite des Aermelkanals als abdurd empfunden werden. Im begrenzten englischen Meinungshorizont aber findet er breite Zustimmung. Und das geht einher mit voelliger Unfaehigkeit die tasaechlichen Ursachen zu adressieren. Da macht es doch schon was her wenn Stand heute mehr als 1000 Jugendliche verhaftet wurden. Das Mittelalter laesst gruessen.
Neon, London

Bitte diskutieren Sie differenziert und verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/er

Sozial Benachteiligte?

http://www.dailymail.co.u...

http://www.dailymail.co.u...
(Übersetzung für die, die keine Lust auf englischsprachihe Artikel haben:
Als eine der ersten Plünderinnen und Gewalttäterinnen wurde die schwarze Olympia-Botschafterin Chelsea Ives identifiziert.
Millionärstochter Laura Johnson (19), die bei den Plünderungen Elektronik im Wert von 5.000 Pfund (ca. 5.700 Euro) aus Geschäften geraubt hat. )

Ich denke, die britische Gesellschaft hat ein Identitäts- und Kulturproblem.
Man konnte auch vor einigen Tagen lesen, dass die Bürgerwehren ethnisch segregiert sich organisiert haben. Ich glaube, der britischen Gesellschaft stehen grausame Jahre bevor.

zwei Deutungen

Was aus Ihrem Link hervorgeht: die Randale zieht sich bis in vermögendere Schichten.

Deutung 1: die Randalierer sind von grund auf schlechte Menschen, die aus Spaß an der Freude plündern.

Deutung 2: vielleicht gibt es doch eine politische Dimension der Randale und die Plünderungen sind nur eine Nebenerscheinung.

Bei dieser Nachrichtenlage, bei der es an neutralen Korrespondenten vor Ort wirklich mangelt, kann man´s einfach nicht sagen.

der Darby

ist Mitglied der British National Party, also dem britischen Äquivalent zur NPD. Den sollte man nicht allzu ernst in solchen Dingen nehmen, letztlich versuchte der, jedes Problem in GB auf die Immigranten zu schieben.

Mir scheint, die Hauptursache ist Armut; die Tatsache, daß Immigranten in Europa die ärmste Schicht darstellen, führt dann zu einem höheren Anteil an Immigranten bei den Protestierenden/Randalierenden.

Klasse...

an die Redewendung zu erinnern!
Zu Ihrer Frage, obwohl die wahrscheinlich rhetorisch war (korrigieren Sie mich bitte, falls nicht!):
Das spannende an dieser (Ihrer) Frage, ist dass die 'Englaender' massgeblich zur Praegung des heute allgemein gelaeufigen Begriffs des 'exklusiven' Privateigentums beigetragen haben. Die Ironie des 'Englisch Einkaufens' besteht demnach genau in der (etablierten) Praxis der 'aussergesetzlich' angebahnten 'Umverteilung' des sakrosankten Privateigentums durch die spontane Aktion des sich benachteiligt empfindenden Aktivisten der sich als Ausgegrenzt Empfindenden (diejenigen, die fuer sich keine Perspektive im zivilgesellschaftlichen Bereich des Warenaustauschs, zu dem der Verkauf von Arbeitskraft gehoert, sehen koennen, oder wollen).
Das passt ganz gut in das Bild einer Wirtschaftspolitik, die auf Kosten der Sozialhaushalte die Finanzwirtschaft saniert.

63 Das stimmt alles, aber die riot aber damit nichts zu tun-

es gibt sehr aussagefähige Beiträge im englischen Internet von Lehrern oder anderen, die sagen, dass sich hier überwiegend die sozial Alimentierten, Lernfaulen, Schulabbrecher etc austoben. Das Bild von den Benachteiligten klingt einleuchtend, ist aber falsch. Viele dieser jungen Leute leben auf Kosten der Arbeitenden. Informieren sie sich mal über die Akteure dieser Krawalle.

..falsch verstanden, ich wollte das tun der riots

...nicht entschuldigen. Aber man sollte mit gleichem Maßstab reagieren. Die bankster haben auch geplündert, und nichts ist passiert. Die Hemmschwelle ist wieder niedriger...
Kommunikationswissenschaftler Christian Fuchs:
"Und was von London gilt, das gilt auch von Manchester, Birmingham und Leeds, das gilt von allen großen Städten. Überall barbarische Gleichgültigkeit, egoistische Härte auf der einen und namenloses Elend auf der andern Seite, überall sozialer Krieg, das Haus jedes einzelnen im Belagerungszustand, überall gegenseitige Plünderung unter dem Schutz des Gesetzes, und das alles so unverschämt, so offenherzig, dass man vor den Konsequenzen unseres gesellschaftlichen Zustandes, wie sie hier unverhüllt auftreten, erschrickt und sich über nichts wundert als darüber, dass das ganze tolle Treiben überhaupt noch zusammenhält”. Dies ist keine Beschreibung der sozialen Bedingungen in England 2011, sondern ein Zitat aus Friedrich Engels’ Bericht über die Lage der arbeitenden Klasse in England aus dem Jahr 1845.

"Werte live" , London was burning

Reprise

Der Vielschichtigkeit des Begriffes Wert im im Deutschen, stehen im Englischen stocks ,bonds values und standards gegenüber.

Stocks und bonds kennt man von den Börsen,

values, wie:

Zahl der Todesopfer,welchen Geschlechts welchen Alters, welcher Herkunft.

Zahl der Inhaftierten und Verurteilten, welchen Geschlechts, welchen Alters.

Zahl der Polizisten, Richter Staatsorgane im Einsatz. etc.

Summe des Versicherungsrechtlichen/relevanten Schadens etc.

Im Kern des Begriffs, etwas für jedermann kostenloses, völlig unabhängig von "Class and Quality" und den jeweiligen

Einkommensverhältnissen:

"STANDARDS", "moral standards".

Wer mordend, plündernd und brandschatzend, die Strassen Londons zur funny-freeshopping-area erklärt, hat leider keine "Standards", keine ausser:

Jeder für sich, Gott gegen alle.

Werte MUSS man lernen,

eine Gesellschaft MUSS bereit sein, diese Werte zu vermitteln.
Das fängt im Elternhaus an und nicht bei Stiefvater Staat.

Von Dr. Bimbes angekündigten und in Perversion Vollendeten Version, der
"Geistig Moralischen Wende", zum Amtsantritt seiner Kanzlerschaft, wird die englische Öffentlichkeit wohl kaum etwas zur Kenntnis genommen haben,steht aber in Tradition des eiskalten Thatcherism , und der Umstellung des englischen Industriemuseums zur heutigen Dienstleistungsmaschine, die die Bank und Börsenwirtschaft per "value" anführt.

Du bist der WERT

Die Werte, " moral standards" gehören in die Mitte der Gesellschaft..........

ZURÜCK !

Wen wunderts?

Symptome waren schon immer einfacher bzw. wesentlich günstiger (!) zu bekämpfen als Ursachen.

Ich habe definitiv kein Verständnis für die Gewalttaten in Großbritannien, aber hätte man sich ernsthaft um diese Menschen gekümmert, wäre es zu dieser Eskalation nicht gekommen. Großbritannien kann durchaus als globales Beispiel für zukünftige Ereignisse gesehen werden.

Neue Berufsausbildung zum Kümmerer

und wenigstens in Deutschland sind alle Probleme gelöst; aber leider ist das nicht realisierbar und nicht finanzierbar. Ich kenne leider viele Jugendliche die mit 16 oder 17 Jahren schon 16 oder 17 Kümmerer und ein Vermögen verschlissen haben und ein Ende ist nicht absehbar. Diese Jugendlichen sind so Dissozial, dass sie kontinuierlich wenigstens 5 Kümmerer benötigen, um nicht kriminell zu werden. Für mich stellt sich inzwischen die Frage, ob das Gekümmere inzwischen nicht so maßlos übertrieben wird, dass solche Eigenschaften wie Eigenverantwortung vernichtet werden. Jeder ist für sein eigenes Leben verantwortlich und dieses Bewußtsein kann man jungen Menschen an- oder ab erziehen. Bevor jemand Konsequenzen für sein Handeln spürt, eilen aus allen Ecken die Kümmerei herbei und wir sind erst ganz am Anfang.........

immer die gleiche falsche Kombi

Das ist ja eben der Fehlschluss der heutigen Gesellschaften: ein paar wenige verteilen unter sich Vermögen, Wirtschaftseinnahmen und Steuergelder. Politiker stehen im Dienste der Wirtschaft. Die, die darin völlig untergehen und zu kurz kommen, sind die, die wir angeblich "integrieren" wollen. Worein integrieren? In welche wirtschaftliche Wertegemeinschaft? Das Plündern, Raffgieren, jeder für sich wird doch an höchster Stelle täglich vorgelebt. Bitte lest doch endlich mal Vivienne Forresters "Der Terror der Ökonomie"! Diese Entwicklung hatte sie schon vor 20 Jahren vorhergesagt, genau diese! Verhaftet nicht immer die üblichen Verdächtigen! Das ist doch schon völlig abgegrast! Welche Werte vertritt die Londoner Regierung? Sie zelebriert den starken Arm der Mächtigen. Auweia! Was für ein bleibender Wert! Ja, der, dass wenns hart auf hart geht, Demokratie als Deckmäntelchen brachliegt. Menschliche Werte? Oje, welche englische oder deutsche Regierung hat bisher Megaunternehmen echte Schranken menschlicher Werte in den Weg gelegt? Welche Regierung hat Firmen mit Dumpinglöhnen, Kinderarbeit in Asien - z.B. Türkei (Ferrero) geschlossen oder über sie Einfuhrverbot erlassen? Welche Regierung hat Firmen, die nicht ordentlich wirtschaften und damit Arbeitslosenleid für hunderttausende Menschen bewirkt, bestraft? Welche Regierung hat Firmen geschlossen, die in Lebensmitteln betrügen, vergiften ... die Liste der nicht vollzogenen menschlichen Grundwerte ist endlos.