KorruptionIndien im Protestfieber

Lokalpolitiker Anna Hazare demonstriert mit Hungerstreiks gegen die Korruption – und gewinnt riesige Unterstützung. Sein Vorbild ist Gandhi. von 

Unterstützer von Anna Hazare in Delhi

Unterstützer von Anna Hazare in Delhi  |  © Narinder Nanu/AFP/Getty Images

Bis in die tiefe Nacht halten sie vor Indiens altem Siegestor im Zentrum von Neu Delhi Wache: einige hundert, meist junge Demonstranten mit Kerzen in der Hand. Erschöpft von vielen Stunden des Protestes, haben sie die grün-weiß-orangenen Fahnen Indiens, die sie eben noch geschwenkt haben, auf Stein und Gras gelegt, um sich darauf auszuruhen. So geht ein langer, konfliktreicher Tag für Regierung, Opposition und außerparlamentarische Bewegung zu Ende in einem plötzlich zu neuem politischen Leben erwachten Indien.

Eben ging hier noch alles um Wirtschaft, Wachstum und dessen unliebsamen Folgen : Korruption, Spekulation, Ungleichheit. Viele Inder profitierten davon, doch noch mehr fühlen sich von den Folgen ausgeliefert, empfinden Apathie und Machtlosigkeit . Das ändert sich jetzt – und zwar schnell.

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Anna Hazare
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Um diese Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf dieses Bild  |  © Ajay Verma/Reuters

Denn am Dienstag hat Anna Hazare, ein bis dato kaum bekannter parteiloser Anti-Korruptionsaktivist, die Inder zum "zweiten Unabhängigkeitskrieg" aufgerufen. Ausgerechnet ein kleiner, alter Mann mit Hut bringt die Inder ganz aus dem Häuschen. Und viele ziehen mit: nicht nur die Demonstranten am India-Gate in Delhi, sondern Twitter-Schreiber im ganzen Land, Schulkinder aus Bangalore, Studenten aller Metropolen und vor allem die von Anna Hazare begeisterten Medien. Endlich haben sie einen neuen Politstar am indischen Himmel ausgemacht. "Anna ist auf dem besten Weg, der Gandhi dieser Generation zu werden", zitiert das sonst eher moderate NDTV-Fernsehen fast im Minutentakt aus Twitter-Feeds.

Anna Hazares feines, stets halb unterdrücktes Lachen erinnert tatsächlich ein wenig an Gandhi. Auch sein Auftreten: immer im gleichen schlichten weißen Bauernanzug. Zudem bekennt sich Hazare wie Gandhi zur Gewaltlosigkeit und beherrscht noch eine weitere Polittaktik seines tadellosen Vorbildes: den Hungerstreik.

Am Dienstag hat er wieder damit begonnen. Aber Hazare hungerte auch schon im letzten Jahrhundert, um korrupte Politiker in seinem Bundesstaat Maharashtra zu bekämpfen. Eigentlich war er nur ein parteiloser Lokalpolitiker, der einen ehemaligen Armutskreis hochgewirtschaftet hat.

Doch in der Vergangenheit startete Hazare immer wieder Solo-Kampagnen à la Gandhi gegen die Korruption. Mit der Zeit halfen ihm ein paar weitere Einzelgänger: ehemalige Richter, Politiker und Aktivisten. Sie bildeten das Team Anna. Das war mal mehr, mal weniger erfolgreich. Aber in diesem April landeten das Team Anna seinen ersten Riesencoup. Diesmal hungerte Hazare in Delhi, um ein neues Gesetz gegen die Korruption zu erzwingen. Und auf einmal schien ganz Indien auf seiner Seite zu sein – wie erlöst von einem, der endlich was tut gegen die als monströs empfundene Selbstbereicherung von Politik und Wirtschaft.

Leserkommentare
    • yarx
    • 18. August 2011 17:15 Uhr

    Oder kommt es nicht nur mir so vor, daß es überall auf der Welt beginnt zu brodeln?
    Zeit wird es. Wenn man sich die Entwicklung der Weltbevölkerung ansieht ( http://de.wikipedia.org/w... ), dann erkennt man unschwer, daß da jetzt was passieren wird. Erinnert irgendwann an die Kurve der Zinseszinsberechnung. Beides Exponential-Funktionen. Das geht ins Auge!
    Die Grenzen des Wachstums werden erreicht, so wie der Club of Rome es mehrfach angekündigt hat. Die Menschen überall auf der Erde merken, daß es so nicht weitergehen kann.

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    Ich glaube eher nicht. Das Wachstum als maßstab taugt eh nicht viel. Das ist allgemein bekannt.

    Aber unterstellen wir mal, Wachstum würde auch Wohlstand mehren. Das ist möglich. Beispiel: man stelle 10.000 neue pfleger in Krankenhäuser und Altenheime ein, bezahle diese ehrlich, und schon hat man Wachstum und Wohlstand gemehrt.

    Wachstum, ohne die Natur, die Weltmeere, die 3. Welt ... auszubeuten ist möglich.

    • vril
    • 18. August 2011 21:57 Uhr

    "Oder kommt es nicht nur mir so vor, daß es überall auf der Welt beginnt zu brodeln?"
    Genau, dasselbe habe ich soeben auch wieder, nach dem Lesen dieses Artikels, gedacht ! Ich halte ja überhaupt nichts von Prophezeiungen a la bevorstehender Polsprung, 2012 etc. Seit ich aber darüber einiges gelesen habe, werde ich manchmal stutzig. Aber wahrscheinlich ist es lediglich die gestiegene Vernetzung der Menschen durch das Internet und sonstige Medien, den weltweiten Handel, Freiheitsdenken, "Yes we can", Bildung etc. ?

  1. "beherrscht noch eine andere Polittaktik (außer Gewaltlosigkeit), wie sein Vorgänger, den Hungerstreik.

    Wie kann man Gewaltlosigkeit als Polittaktik bezeichnen?

    Gewaltloser Widerstand ist wohl das Schlimmste, was ein Untertan tun kann.

    Vielleicht sollten sich in Londen 1000e von jungen Menschen lieber in die Straßen legen und nichts tun. Das würde die englische Regierung vor das Problem stellen, einen Straftatbestand finden zu müssen.

    Gewaltloser Widerstand ist keine Taktik sonder ein Weg.

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    "Wie kann man Gewaltlosigkeit als Polittaktik bezeichnen?"

    wie kann man nur so naiv sein und hungerstreik nicht als taktik bezeichnen?
    wenn ich mich recht entsinne hat dies eine gewisse gewaltätige politische gruppe später auch versucht, als das mit der gewalt nicht mehr möglich war (wie auch wenn man im knast sitzt)...
    das willentliche hungern geht gegen die instinkte jeglicher spezies...
    ich will anna nichts böswilliges unterstellen, denn ich kenne den menschen und sein tun nicht... aber man sollte nicht vorurteilen, denn auch bei obama haben sich die idealisten das blaue vom himmel versprochen!

  2. Ich glaube eher nicht. Das Wachstum als maßstab taugt eh nicht viel. Das ist allgemein bekannt.

    Aber unterstellen wir mal, Wachstum würde auch Wohlstand mehren. Das ist möglich. Beispiel: man stelle 10.000 neue pfleger in Krankenhäuser und Altenheime ein, bezahle diese ehrlich, und schon hat man Wachstum und Wohlstand gemehrt.

    Wachstum, ohne die Natur, die Weltmeere, die 3. Welt ... auszubeuten ist möglich.

  3. "Wie kann man Gewaltlosigkeit als Polittaktik bezeichnen?"

    wie kann man nur so naiv sein und hungerstreik nicht als taktik bezeichnen?
    wenn ich mich recht entsinne hat dies eine gewisse gewaltätige politische gruppe später auch versucht, als das mit der gewalt nicht mehr möglich war (wie auch wenn man im knast sitzt)...
    das willentliche hungern geht gegen die instinkte jeglicher spezies...
    ich will anna nichts böswilliges unterstellen, denn ich kenne den menschen und sein tun nicht... aber man sollte nicht vorurteilen, denn auch bei obama haben sich die idealisten das blaue vom himmel versprochen!

    Antwort auf "Polit-Taktik!?"
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    Bitte lesen Sie nochmal was ich geschrieben habe. Ich bezeichne Gewaltlosigkeit nicht als Polittaktik.
    Sie sagen: "Wie kann man so naiv sein und Hungerstreik nicht als Taktik bezeichnen".
    Gewalt kann Taktik sein, Kriege weden taktisch geführt, aber Gewaltlsoigkeit ist keine Taktik sondern ein Zeichen von Intelligenz und Fortschritt in der Entwicklung hin zum Menschen.

  4. Bitte lesen Sie nochmal was ich geschrieben habe. Ich bezeichne Gewaltlosigkeit nicht als Polittaktik.
    Sie sagen: "Wie kann man so naiv sein und Hungerstreik nicht als Taktik bezeichnen".
    Gewalt kann Taktik sein, Kriege weden taktisch geführt, aber Gewaltlsoigkeit ist keine Taktik sondern ein Zeichen von Intelligenz und Fortschritt in der Entwicklung hin zum Menschen.

    Antwort auf "natürlich eine taktik"
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    • Azenion
    • 18. August 2011 21:00 Uhr

    Ich finde es erstaunlich, daß die Regierung nicht ihrerseits Gewalt anzettelt, um sie dann den Protestierenden anzulasten. Das ist doch eigentlich -- im Zusammenspiel mit systemstützenden Massenmedien -- der übliche Weg.

    Insofern ist Indien offenbar wirklich etwas besonderes.

    • Azenion
    • 18. August 2011 21:00 Uhr

    Ich finde es erstaunlich, daß die Regierung nicht ihrerseits Gewalt anzettelt, um sie dann den Protestierenden anzulasten. Das ist doch eigentlich -- im Zusammenspiel mit systemstützenden Massenmedien -- der übliche Weg.

    Insofern ist Indien offenbar wirklich etwas besonderes.

    Antwort auf "zu twingo440"
    • vril
    • 18. August 2011 21:57 Uhr

    "Oder kommt es nicht nur mir so vor, daß es überall auf der Welt beginnt zu brodeln?"
    Genau, dasselbe habe ich soeben auch wieder, nach dem Lesen dieses Artikels, gedacht ! Ich halte ja überhaupt nichts von Prophezeiungen a la bevorstehender Polsprung, 2012 etc. Seit ich aber darüber einiges gelesen habe, werde ich manchmal stutzig. Aber wahrscheinlich ist es lediglich die gestiegene Vernetzung der Menschen durch das Internet und sonstige Medien, den weltweiten Handel, Freiheitsdenken, "Yes we can", Bildung etc. ?

    • Maije
    • 19. August 2011 10:19 Uhr

    ist den Kommentatoren auch das Ergebnis bzw. das Ende dieser Demonstrationen bekannt?
    Wohl eher nicht, sonst müssten sie einen solchen Verweis, allein schon aus eigenem gesundheitliche Interesse, ablehnen.

    Mehr Transparenz in Indien,
    wie das dann praktisch aussehen kann:
    Der Regierungschef des indischen Bundesstaates Kerala Oommen Chandy hat in seinem Büro eine Kamera installiert, damit das Volk "alles wissen" kann. Sie werden dann live zugeschaltet, wenn jemand den Mann besucht.
    Doch:
    "Das Bild ist stumm. Damit will Chandy sicherstellen, dass Besucher und Mitarbeiter frei mit ihm sprechen können."

    Verstehe, sehr transparent.

    Das ist scheinheilig. Und doch, den Kollegen geht dies schon viel zu weit, denn
    "Sie befürchten unter anderem, dass ihre politischen Gegner das, was sie sehen, gegen sie verwenden werden."

    Achso, das macht natürlich Sinn.

    Kameras sind ja sowieso nur populistischer Schwachsinn.
    Das sehen auch die Menschen ein. Sie lassen sich sowieso nicht mehr so einfach verarschen.

    Man sollte dringend dagegen etwas tun. Denn oft gehen Millionen verloren, dadurch, dass sich einzelne Politiker oder Beamte bestechen und somit bereichern lassen.

    Doch ob die Leute, die ja durch dieses System profitieren, etwas daran ändern,
    scheint mir unwahrscheinlich!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Indien | Korruption | Gefängnis | Mittelschicht | Polizei | Regierung
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