Bis in die tiefe Nacht halten sie vor Indiens altem Siegestor im Zentrum von Neu Delhi Wache: einige hundert, meist junge Demonstranten mit Kerzen in der Hand. Erschöpft von vielen Stunden des Protestes, haben sie die grün-weiß-orangenen Fahnen Indiens, die sie eben noch geschwenkt haben, auf Stein und Gras gelegt, um sich darauf auszuruhen. So geht ein langer, konfliktreicher Tag für Regierung, Opposition und außerparlamentarische Bewegung zu Ende in einem plötzlich zu neuem politischen Leben erwachten Indien.

Eben ging hier noch alles um Wirtschaft, Wachstum und dessen unliebsamen Folgen : Korruption, Spekulation, Ungleichheit. Viele Inder profitierten davon, doch noch mehr fühlen sich von den Folgen ausgeliefert, empfinden Apathie und Machtlosigkeit . Das ändert sich jetzt – und zwar schnell.

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Denn am Dienstag hat Anna Hazare, ein bis dato kaum bekannter parteiloser Anti-Korruptionsaktivist, die Inder zum "zweiten Unabhängigkeitskrieg" aufgerufen. Ausgerechnet ein kleiner, alter Mann mit Hut bringt die Inder ganz aus dem Häuschen. Und viele ziehen mit: nicht nur die Demonstranten am India-Gate in Delhi, sondern Twitter-Schreiber im ganzen Land, Schulkinder aus Bangalore, Studenten aller Metropolen und vor allem die von Anna Hazare begeisterten Medien. Endlich haben sie einen neuen Politstar am indischen Himmel ausgemacht. "Anna ist auf dem besten Weg, der Gandhi dieser Generation zu werden", zitiert das sonst eher moderate NDTV-Fernsehen fast im Minutentakt aus Twitter-Feeds.

Anna Hazares feines, stets halb unterdrücktes Lachen erinnert tatsächlich ein wenig an Gandhi. Auch sein Auftreten: immer im gleichen schlichten weißen Bauernanzug. Zudem bekennt sich Hazare wie Gandhi zur Gewaltlosigkeit und beherrscht noch eine weitere Polittaktik seines tadellosen Vorbildes: den Hungerstreik.

Am Dienstag hat er wieder damit begonnen. Aber Hazare hungerte auch schon im letzten Jahrhundert, um korrupte Politiker in seinem Bundesstaat Maharashtra zu bekämpfen. Eigentlich war er nur ein parteiloser Lokalpolitiker, der einen ehemaligen Armutskreis hochgewirtschaftet hat.

Doch in der Vergangenheit startete Hazare immer wieder Solo-Kampagnen à la Gandhi gegen die Korruption. Mit der Zeit halfen ihm ein paar weitere Einzelgänger: ehemalige Richter, Politiker und Aktivisten. Sie bildeten das Team Anna. Das war mal mehr, mal weniger erfolgreich. Aber in diesem April landeten das Team Anna seinen ersten Riesencoup. Diesmal hungerte Hazare in Delhi, um ein neues Gesetz gegen die Korruption zu erzwingen. Und auf einmal schien ganz Indien auf seiner Seite zu sein – wie erlöst von einem, der endlich was tut gegen die als monströs empfundene Selbstbereicherung von Politik und Wirtschaft.