Japan : Kans Rücktritt läutet das Fukushima-Vergessen ein

Der Rücktritt des japanischen Premiers ist ein schwerer Verlust. Denn als einziger japanischer Politiker war er bereit, Lehren aus Fukushima zu ziehen. Von G. Blume
Japans bisheriger Premierminister Naoto Kan © Toru Hanai/Reuters

Kaum jemand außerhalb Japans nimmt Notiz vom Rücktritt seines Regierungschefs Naoto Kan. Dabei sollten wir entsetzt sein. Denn Japan verliert den undogmatischsten Regierungschef seiner Nachkriegszeit, während die Atomkatastrophe in Fukushima andauert und ihre Lehren weltweit noch lange nicht verstanden werden.

Kan hatte in den letzten Monaten wie kein anderer Politiker in Japan den Mut, radikale Lehren aus Fukushima zu ziehen. Er schuf dadurch rund um die Atomkatastrophe eine für Japan untypische Transparenz und Diskussionsbereitschaft. Das alles droht mit seinem Rücktritt zu verschwinden, Japan dürfte in seine konsensorientierte Beschwichtigungsmentalität zurückfallen.

Die Geschichte Hiroshimas könnte sich wiederholen

Die Aufklärung der Atomkatastrophe wird nun umso schwerer. Die von Kan stets attackierte Staatsbürokratie wird mit Macht versuchen, den Mantel des Schweigens über die sich schleichend verbreitende Radioaktivität zu werfen. Damit droht sich die Geschichte Hiroshimas zu wiederholen, als Japan nach dem Atombombenabwurf im Jahr 1945 versuchte, die Erkrankungen der Opfer zu verheimlichen, um der Welt teils aus Scham, teils aus falscher Rücksicht gegenüber den Betroffenen seine atomaren Leiden nicht mitteilen zu müssen.

Kan stellte die bequemen Fluchtmechanismen der japanischen Gesellschaft in Frage. Er war als engagierter Bürgerrechtler in die Politik gegangen – und nicht wie heute die meisten einflussreichen japanischen Parlamentarier als Spross einer Politikerdynastie zu Macht gelangt. Er erkannte früh die praktische Oppositionslosigkeit im Land und investierte seine besten Jahre in den Aufbau einer mehrheitsfähigen politischen Oppositionspartei. Die heute regierende Demokratische Partei Japans, deren Gründer er 1996 war und deren Vorsitz er nun mit seinem Regierungsamt abgeben wird, war und ist sein Meisterwerk. 

In Erinnerung aber wird vor allem seine Reaktion in den ersten Tagen nach dem Unglück von Fukushima bleiben. Kan verweigerte seinen Landsleuten beruhigende Fernsehbilder mit Kind und alter Dame. Stattdessen demonstrierte er offen die Verlogenheit der japanischen Atombürokratie.

Kan wird wohl bald schmerzlich vermisst

Auch in höchster Not traute Kan seinen Beamten und Atommanagern nicht. Er beschimpfte die Verantwortlichen der AKW-Betreiber-Firma Tepco, die das Ausmaß der Katastrophe in den Reaktoren verschleierten . Später entschied er, weitere Atomreaktoren in Erdbebengebieten aus Sicherheitsgründen von heute auf morgen abzustellen. Schließlich zog er am Jahrestag des ersten Atombombenabwurfs am 6. August eine Analogie aus den Lehren Hiroshimas und Fukushimas. Man ahnte im Westen nicht, wie radikal das für japanische Verhältnisse klang. Die Eliten waren entsetzt.

Japan ist pessimistisch. Viele teilen das Gefühl, dass es mit Wirtschaft und Gesellschaft nicht mehr so recht voran geht. Vielleicht war deshalb sein aufklärerisches Auftreten für die japanische Konsensgesellschaft zu viel. Doch womöglich wird man ihn bald schmerzlich vermissen.

Verlagsangebot

Der Kult ums gesunde Essen

Nahrung soll Energie und Freude bringen. Doch immer mehr Lebensmittel werden zum Problem gemacht: Vom Salz bis zum Fleisch. Warum eigentlich? Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Schlimm!

Offenbar haben die alten Seilschaften Erfolg gehabt. Wer kommt nun ? Ich habe schon vor Wochen nicht verstanden, warum Kan den Rücktritt angeboten hat. Jetzt kann man nur hoffen, dass die Japaner in größerer Zahl doch aufgewacht sind und das zarte Pflänzchen Energiewende nicht von der alten Atomlobby totgetreten wird. In der betroffenen Region werden die Leute sich nicht so schnell Sand in die Augen streuen lassen. Aber was für einen Preis zahlen sie !

Ja es ist schwer zu begreifen ...

... wie Radioaktivität gefährlich sein kann.

Ist wohl das gleiche wie bei Elektrizität: sieht man nicht, hört man nicht, riecht man nicht und trotzdem gibt es Sie (ansonsten könnten Sie Ihren Kommentar ja nicht schreiben).
Ich weiß es ist für viele Menschen besonders in technischen Sachen schwer, zu begreifen, dass etwas nicht durch unsere Sinne wahrgenommen werden kann - bei Religion ist das was anderes, da 'weiß' man es ja.

Aber keine Sorge, ich bin überzeugt das auch diese Einsicht bei Ihnen kommt - spätetens wenn die nächste Generation verkrüppelter Tiere und gendefekter Menschen heranwächst.

Herdenmentalität

So traurig das ist so ist es doch ein Schema, das sich immer wiederholt. Nicht nur in Japan und nicht nur in der Politik, sondern auch in der Finanzwelt und in allen anderen Belangen in denen die Gesellschaft sich selber Modelle gibt nach denen sie ihre Regeln findet. Die Menschen weigern sich, das Offensichtliche zu sehen und rennen denjenigen hinterher, die ihnen immer und immer wieder die alten Rezepte andrehen. Weil es nicht darum geht, die Augen aufzumachen, sondern sich nicht von seinen Illusionen und Träumen verabschieden zu müssen. Und es sind immer diejenigen die dabei auf der Strecke bleiben, die dem ganzen System eine andere Richtung geben könnten. Weil sie allein stehen, gegen die ganze Herde von Mitläufern. Die es immer so lange besser wissen, bis das Schiff mal wieder auf Grund gelaufen ist. Und die können sich leider der Tatsache sicher sein, dass nicht sie danach zur Verantwortung gezogen werden, sondern ihre reformwilligen idealistischen politischen Gegner. Nach uns die Sintflut