Syrische Soldaten in der Nähe von Hama © AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Baer, wird Assads Baath-Regime in Syrien ähnlich enden wie die Herrschaft Mubaraks in Ägypten?

Robert Baer: Die politische Ausgangslage in Syrien ist um einiges komplizierter als in den Nachbarstaaten. Hinter dem Baath-Regime verbirgt sich ja die religiöse Minderheit der Alawiten, die rund elf Prozent der Bevölkerung stellt, aber fast alle Hebel der Macht in den Händen hält und über die sunnitische Bevölkerungsmehrheit herrscht.

Durch Druck von Außen wird Präsident Bashar al-Assad sich nicht zu demokratischen Reformen motivieren lassen, da er – nicht zu Unrecht übrigens – davon ausgehen muss, dass Syrien in einen langen, blutigen Bürgerkrieg versinken kann, an dessen Ende seine eigene Herrschaft verloren gehen würde. Das wahre Problem besteht darin, dass sunnitische Fundamentalisten die Alawiten als Ketzer ansehen, die nicht berechtigt seien, ein muslimisches Land wie Syrien zu regieren.

ZEIT ONLINE: Ist die Syrische Armee noch in der Lage, die Herrschaft der Alawiten zu sichern?

Baer: Die Syrische Armee wird wie die Geheimdienste vollständig von alawitischen Offizieren kontrolliert. Freiwillig gibt dort niemand das Zepter aus der Hand.

Wenn überhaupt, wäre eine Spaltung der Armee denkbar. Also eine Art Putsch, von einigen Offizieren, die Bashar al-Assad opfern, um die eigene Macht zu sichern. Allerdings halte ich das für eher unwahrscheinlich. In Damaskus ist die Lage ruhig, die Vierte Armee hat die Hauptstadt bisher nicht verlassen.

ZEIT ONLINE: 1982 richtete der Vater des jetzigen Präsidenten in der nordsyrischen Stadt Hama ein furchtbares Blutbad an, als die Moslembrüder seine säkular-nationalistische Herrschaft herausforderten. Glauben Sie, sein Sohn würde am Ende zu ähnlichen Methoden greifen?

Baer: Trotz allen Blutvergießens: Bisher hat Bashar al-Assad diese Variante, die damals Zehntausende von Menschenleben forderte, ausgeschlossen.

ZEIT ONLINE: Wie schätzen Sie die steigende Einflussnahme Saudi-Arabiens und der Türkei auf die innenpolitische Entwicklung in Syrien ein?

Baer: Auf jeden Fall geht es dabei nicht um Menschenrechte, wie Saudi-Arabien gerne vorgibt. In Riad ist man ja selbst nicht zimperlich, wenn es um die Absicherung der eigenen Herrschaft geht, wie das Beispiel Bahrain zeigt. Die Türkei und Saudi-Arabien sind sunnitische Staaten, während der syrische Präsident ein enger Verbündeter des Irans und der Hisbollah im Libanon ist. Die Türkei versucht diese schiitische Allianz zu schwächen, um das eigene Einflussgebiet zu erweitern. Diese Interessen decken sich mit Saudi-Arabien, dem sunnitisch-wahhabitischen Gottesstaat und Feind des schiitischen Irans.

Ich kommuniziere regelmäßig mit meinen syrischen Kontakten vor Ort. Meine Gesprächspartner in Damaskus sind davon überzeugt, dass die Aufständischen nicht nur durch Sunniten im Libanon und im Irak, sondern auch aus der Türkei mit Waffen versorgt werden.