Vor dem Beginn des arabischen Frühlings gab es im syrischen Volk immer zwei Ansichten zum Assad-Regime: Die einen sagten, es liebe seine Menschen und versuche ihnen Freiheit und Würde zu ermöglichen. Die anderen meinten: Das syrische Regime sei zwar schlecht – aber immer noch besser als die restlichen Herrschaften in der arabischen Welt.

Gegenteilige Ansichten hörte man selten auf den Straßen. Einige wenige kritisierten immerhin die Rolle der verbündeten Türken und Iraner, die Syrien als Hinterhof ihrer eigenen Interessen missbrauchen würden.

Heute gibt es zumindest in den protestierenden Städten kaum noch Unterstützer des Regimes. In meiner Heimatstadt Aleppo ist zwar immer noch ein gutes Drittel der Bevölkerung nicht explizit gegen das Regime. Doch muss auch hier genauer hingesehen werden, denn deren Ansichten sprechen nicht unbedingt für Staatschef Baschar al-Assad: Die meisten von ihnen wollen einfach Ruhe und kein weiteres Blut auf Syriens Straßen sehen; ein kleiner Teil interessiert sich überhaupt nicht für Syrien und will, dass die Demonstrationen schnellstmöglich beendet werden. Einige wenige vermuten hinter den Demonstrationen Agenten Israels. Insgesamt geht auch in Aleppo der Rückhalt des Regimes kontinuierlich zurück.

Politik war tabu

Zu Beginn der von Dara ausgehenden Aufstände war das noch ganz anders. Über Politik zu sprechen, war nach wie vor ein Tabu, die Zahl der Unterstützer Assads sehr hoch. Doch auf einmal drangen in Aleppo junge wütende Menschen in die Amneh-Moschee ein und begannen dort zu demonstrieren. Sie waren noch komplett unorganisiert, die Sicherheitskräfte nahmen viele von ihnen fest. Dann begannen Bewohner aus dem Stadtviertel Sayf ad-Dawlah, diese Demonstrationen richtig zu organisieren. Fortan trafen in der Moschee nur noch Assads Söldner, die Shabiha-Miliz und die Rebellen aufeinander, Unbeteiligte waren keine dort, auch ich ging mehrere Male hin. Das Regime tötete einige der Protestierenden, was den öffentlichen Ärger stärker ansteigen ließ. Dann ließen sie die Moschee einfach schließen, die Begründung: Wartungsarbeiten.

Unsere nun folgenden Straßenproteste dauerten immer nur ein paar Minuten und wurden ausschließlich per mündlicher Weitergabe organisiert. Die meisten von uns Aufständischen sind gebildete Menschen, die an der Universität von Aleppo studieren. Das Problem an den Protesten war, dass uns die Bewohner Aleppos mit Angst begegneten. Diese Angst mussten wir aus ihren Herzen holen. Doch die Akzeptanz unserer Aktionen in der Bevölkerung blieb schwach. Wir wussten, dass dieser Typ Demonstration nicht mal einer Fliege, geschweige denn einem Regime gefährlich werden könnte.

Die Organisatoren bereiteten dann Demonstrationen nahe des Saadallah-al-Jabri-Platzes vor. Für einen kurzen Augenblick standen sich die Sicherheitskräfte und Protestierende ganz ruhig gegenüber, als plötzlich einige Jugendliche zu schreien begannen. Andere stimmten ein, bis mehr als 2.000 Menschen die gleichen Parolen riefen. Doch genau genommen können auch solche Proteste kein Regime stürzen, das ist die Realität.

Deshalb suchen wir weitere Menschen, die uns unterstützen. Assad muss niedergezwungen werden, nach wie vor. Er wird nicht vor noch mehr Blutvergießen zurückschrecken. Wir hoffen auf Überlaufende aus dem Militär, glauben tue ich daran aber nicht. Wir wissen: Gehen die Demonstrationen in Damaskus und Aleppo so weiter wie bisher, wird das Feuer der Revolution bald erloschen sein. Das Regime wird es unterdrücken.