Mit rabiater Gewalt hat Präsident Baschar al-Assad offenbar erneut Demonstrationen gegen sein Regime in Syrien niederschlagen lassen. In der Protesthochburg Deir al-Sor seien Teilnehmer der Freitagsgebete beim Verlassen der Hauptmoschee beschossen worden, berichteten Augenzeugen. Die Gläubigen hätten sich in die umliegenden Gassen geflüchtet, einer sei den Schussverletzungen erlegen.

Auch in den Städten Idlib und Daraa eröffneten Einsatzkräfte das Feuer auf Demonstranten, berichteten arabische Nachrichtensender. Landesweit sollen 19 Menschen getötet worden sein. Große Kundgebungen gab es auch in Latakia und Homs.

Die Demonstrationen im Anschluss an das Mittagsgebet standen unter dem Motto: "Wir werden nicht niederknien!" Im ganzen Land versuchte die Armee, die Proteste niederzuschlagen. Allein in Kusair sollen elf Zivilisten, darunter eine Frau und ein Kind, ums Leben gekommen sein. Soldaten durchsuchten in Deir al-Sor Haus für Haus. Die Geschäfte von Familien prominenter Regierungsgegner sollen niedergebrannt worden sein.

Die offiziellen syrischen Medien berichten dagegen vom Kampf gegen bewaffnete Banden, die vom Ausland gesteuert würden. Syrien hat ausländische Journalisten des Landes verwiesen, deswegen ist eine unabhängige Überprüfung der Darstellungen nicht möglich.

Seit Beginn des Fastenmonats Ramadan haben die Proteste zugenommen. Die Gläubigen versammeln sich nach dem Fastenbrechen nach Sonnenuntergang zu gemeinsamen Gebeten, aus denen sich häufig Kundgebungen gegen Assad entwickelt haben. Auch nach den traditionellen Freitagsgebeten ist es häufig zu Protesten gekommen. Unklar ist, wie lange die Armee gegen die Demonstranten vorgehen kann, weil sie nach Berichten Oppositioneller nicht über genügend Kräfte verfügt, um an allen Brennpunkten gleichzeitig eingesetzt zu werden.

Menschenrechtsaktivisten festgenommen

Einsatzkräfte nahmen den führenden Menschenrechtsaktivisten Abdel Karim Rihawi fest. Der Vorsitzende der Syrischen Liga zur Verteidigung der Menschenrechte wurde aus einem Innenstadt-Café von Damaskus abgeführt, berichteten syrische Aktivisten in Beirut. Der Dichter Abdel Rahman Ammar fiel gewissermaßen der Sippenhaft zum Opfer. Die Behörden verhafteten ihn anstelle seines Sohnes, eines Oppositionsaktivisten, der sich versteckt hält, berichteten Menschenrechtsbeobachter in Beirut.

In Washington forderte US-Außenministerin Hillary Clinton neben Europa auch China, Russland und Indien zu härteren Sanktionen auf. Ziel von wirtschaftlichen Strafmaßnahmen müsse der Energiesektor werden, da dieser von der Familie des Präsidenten kontrolliert werde und zudem der syrische Staat damit die meisten Devisen einnehme. In Berlin sagte Außenminister Guido Westerwelle, er stehe diesen Forderungen grundsätzlich offen gegenüber.

Nach Statistiken des Öl-Konzerns BP lag die Förderquote in Syrien im vergangenen Jahr bei 385.000 Fass pro Tag. Rund 150.000 Barrel verlassen demnach das Land. Die wichtigsten Empfänger sind Italien, die Niederlande, Frankreich und Spanien.