Seit drei Wochen belagern Truppen der Rebellen die libyschen Städte Sirte und Bani Walid. Sie wollen damit die Gadhafi-treuen Milizen bezwingen, doch teffen sie auch und gerade die Zivilbevölkerung. Nahrungsmittel, Trinkwasser und Medikamente werden knapp, Ärzte berichten von katastrophalen Zuständen . Nun haben die Rebellen den Einwohnern Sirtes bis Donnerstag Zeit gegeben, die Stadt zu verlassen, dann wollen sie mit der finalen Eroberung beginnen. Tausende Menschen sind seither geflohen . Für die ZEIT-Reporter Ulrich Ladurner und Andrea Böhm ist die Lage in Sirte und Bani Walid Anlass, ihre Kontroverse über die Richtigkeit der Nato-Mission fortzusetzen. Sie haben dies in Form eines Briefwechsels getan:

Ulrich Ladurner: "Wir sollen der Nato-Intervention applaudieren und nicht stören"

Liebe Andrea,

zur Stunde, da ich diese Zeilen schreibe, werden die libyschen Städte Sirte und Bani Walid belagert. Dort halten sich Anhänger des inzwischen gestürzten Muammar al-Gadhafi auf. Ich kenne weder Sirte noch Bani Walid. Doch ich wünschte, das wäre anders. Wie sieht es dort aus? Wie viele Menschen leben dort? Wohin sind diejenigen geflüchtet, die der Aufforderung der Rebellen nachkamen? Wer verteidigt die Stadt? Warum tun sie es in so offensichtlicher Aussichtslosigkeit? Was heißt das überhaupt: "Gadhafi-Anhänger"?

Ich hätte gerne Antworten auf diese Fragen.

Als im Frühjahr dieses Jahres die Truppen Gadhafis die libysche Hafenstadt Misrata belagerten, da wussten wir fast alles über diese Stadt. Dutzende Journalisten reisten unter Lebensgefahr nach Misrata und zeichneten das Bild einer heldenhaften, belagerten Stadt. Die Bombardierung und der Beschuss Misratas wurde zum Symbol für beides: Die Grausamkeit Gadhafis und die Widerstandskraft der Rebellen.

Nun kann man von keinem Journalisten erwarten, dass er in die belagerten Städte Sirte und Bani Walid fährt. Doch das Schweigen über die Lage in diesen Städten ist irritierend. Kaum einer fragt nach. Warum auch? Es sind Städte des Feindes.

"Wir werden euch helfen, Gadhafi und seine Anhänger auszuräuchern!" Das sagte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, als er sich in Tripolis gemeinsam mit dem britischen Premier David Cameron als Befreier Libyens feiern ließ. Warum, frage ich mich, bleibt das weitgehend unkommentiert? Immerhin handelt der Mann unter einem Mandat des UN-Sicherheitsrates, das dem "Schutz von Zivilisten" dient. Wie ist diese kriegerische Sprache vom "Ausräuchern" damit vereinbar?

Während Sarkozy so martialisch redete, waren Bilder vom Kampf um Sirte und Bani Walid zu sehen. Die Rebellen feuern mit schweren Geschützen Granaten auf die Städte. Woher kommen diese Geschütze? Wer hat sie ihnen geliefert? Wer hat die Rebellen ausgebildet? Oder werden diese Geschütze etwa nicht von Rebellen bedient? Vor allem: Wie ist das vereinbar mit dem Mandat des Sicherheitsrates?

Auch das sind Fragen, auf die ich gerne Antworten hätte. Doch diese gehen unter, denn die Intervention in Libyen hat den Stempel der guten Tat aufgedrückt bekommen. Sie ist per definitionem gut. Wir sollen applaudieren, nicht stören.